Full text: Hessenland (3.1889)

355 
als Aeußerungen eines ebenso richtigen, allgemein 
menschlichen Urtheils wie als Beweis eines noch 
warmherzigen Interesses für das Andenken an die 
Person unseres Kurfürsten und seines Vaters, des. 
Kurfürsten Wilhelm II. nur eine dankbar sympathische 
Aufnahme finden können, zumal sie von der begrün 
deten Voraussetzung ausgingen, daß ein solches Aerger 
niß nur in Folge zufälliger Umstände habe unvermieden 
bleiben können. Einzelne dieser Zuschriften haben 
einen so . überzeugenden Ton innerster aufrichtiger 
Theilnahme angeschlagen, daß es bedauert wird, den 
anonymen Absendern nicht den Dank für ihre bei 
diesem Anlaß bewiesene Gesinnung aussprechen zu 
können. Man darf auch annehmen, daß die mehrbenannten 
Gegenstände, wenngleich sie in dem Katalog des Nach 
lasses des Fürsten Moritz Aufnahme gefunden haben, 
doch von der Versteigerung ausgeschlossen bleiben 
werden. Jedenfalls ist alle erforderliche Vorsorge 
getroffen, um sie den Angehörigen zu erhalten und 
ihnen für die Zukunft eine ihrer Bedentung ent 
sprechende Aufbewahrung zu sichern. Uebrigens sind, 
was nicht unerwähnt bleiben darf, in dem Katalog 
eine Reihe von Gegenständen als kurfürstlich bezeichnet, 
die es thatsächlich nicht sind." 
Der Oberbürgermeister von Gotha, Herr Hüners- 
dorf, früher Obergerichtsrath zu Marburg und einer 
von den gemaßregelteü verfassungstreuen Beamten 
aus der Hassenpflug'schen Aera, tritt in den Ruhe 
stand. Die Gothaer Stadtverordneten haben dem 
verdienten Beamten die Jahre 1850—54, während 
derer er sich in Folge jener Maßregelung außer Amt 
befand, zu den übrigen Dienstjahren hinzugerechnet, 
um ihm seinen vollen Gehalt als Pension zu belassen. 
Dem Vernehmen nach ist von der Intendanz des 
hiesigen Königl. Theaters die breiartige Operette „Der 
Gaunerkö nig" von O. Ewald und W. Ben necke, 
Musik von Dr. Franz Beier, zur Aufführung 
angenommen worden. 
Universitätsnachrichten. Wie die „Oberh. 
Ztg." meldet, wird der Professor für neuere Literatur 
Dr. Max Koch in Marburg dem an ihn von 
der Universität Breslau ergangenen Rufe Folge 
leisten und mit Anfang drs nächsten Semesters dort 
hin übersiedeln. 
Schönwissenschaftliche Merke hessischer 
Dichter für Weihnachten 1889. 
Wer diesmal eine poetische Weihnachtsgabe wählen 
und dabei die Werke hessischer Dichter berücksichtigen 
will, kann sich über Mangel an Auswahl nicht be 
schweren. Von neuen Erscheinungen wollen wir im 
Folgenden einige als besonders empfehlenswerth 
hervorheben. 
E. Mentzel bietet uns im „Feldspath" *) 
drei Erzählungen aus Heffen dar, die zu dem An- 
muthigsten gehören , was wir seit langer Zeit ge 
lesen haben. Die Verfasserin ist mit Land und 
Leuten in der Marburger Gegend genau bekannt, 
mit dortiger Sitte, Denkart und Sprache vertraut, 
sodaß alle ihre Schilderungen frische Lebenswahrheit 
athmen. Was Berthold Auerbach für den Schwarz 
wald, Maximilian Schmidt für Oberbayern, Karl 
Jmmermann für Westphalen waren, ist E. Mentzel 
für Oberhessen geworden- die Schöpferin der hes 
sischen Dorfgeschichte. Wir freuen uns ihrer Erfolge 
und wünschen noch recht viele kernige und hoch 
poetische Bauernnovellen von der Verfafferin Muse 
geschenkt zu erhallen wie die vorliegenden. Welch 
eine lebenswahre humoristische Figur ist der „Jnsitz- 
frieder", ein oberhessischer Dorf-Salomo, der seinen 
Mutterwitz zum Besten der Gemeinde walten läßt! 
Wie harmonisch klingt das feingearbeitete Kabinets- 
stück „Moos" aus, eine Probe auf den alten Spruch, 
daß echte Liebe nicht rostet! Doch ist die mittelste 
Erzählung dem Umfange nach die größte und dem 
inneren Werthe nach die bedeutendste: „Dora". 
Zwei für einander geschaffene junge Leute sollen wegen 
ungleich verteilter Glücksgüter für immer auseinander- 
gerisfen werden, und Hanjust's Eltern sind schon 
auf der Brautfahrt nach der reichen Lenetraut, 
einer herzlosen Kokette, als eine mächtige Lahnüber 
schwemmung die lösende Katastrophe herbeiführt, in 
der die arme Dore ihrem Schatz das Leben rettet und da 
durch diesen sich selbst erringt. Neben den fest gezeichneten 
Hauplpersonen mit ihrem eigenartigen Denken und 
Fühlen sind Prächtige Nebengestalten geschaffen, wie 
der treuverschwiegene Mappen-Kaspar, der wild 
brausende jähzornige Unterförster und der 
grundehrliche Oberknecht Martin. Jeder wird 
die spannenden, tiefgefühlten Erzählungen mit hohem 
Genusse lesen und gern zu ihnen zurückkehren. — 
Einen größeren Anlauf, als E. Mentzel in ihren 
schlichten Dorfgeschichten, nimmt Julius W. 
Braun in seinem Romane „In Fesseln" ,*) den er 
selbst ein Seelengemälde benennt. Und in der That 
ist es ihm gelungen, das höchste Fühlen der Menschen 
brust zu schildern und vor uns entstehen zu lassen: 
*) Leipzig. Verlag von Liebkind, eleg. gebunden 
3 Mk. 50 Pf. 
*) Berlin, Verlag von F. Fontane, 1889, Preis 
5 Mark 50 Pfg. elegant gebunden.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.