Full text: Hessenland (3.1889)

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voll auch durch ihr Herz gefahren, war wieder 
lebendig geworden. 
Sie stand langsam auf, ging zum Schranke 
und wickelte aus einem seidenen Tuche, das in 
einem Fache verborgen gelegen — einen Rahmen 
in korinthrothem Sammt, der das' Pastellbild 
einer Frau trug. Sie stellte dasselbe gegen die 
Bücher geeehnt, neben die Photographie Rudi's. 
Dann setzte sie sich auf ihren alten Platz und 
grub ihre Augen in dieses Gesicht. 
Es waren seltsame Züge, die Erika trug, un 
regelmäßig , fast unschön, aber durchgeistigt von 
einem Etwas, das nichts gemein hat mit der 
Form. 
War es das leidenschaftliche Aufflammmen der 
Augen, das sich in den Linien des Mundes ver 
lor und dort zum Träumen wurde, was sie jo 
fesselte? Oder die Gedanken, welche die breite 
niedere Stirne verrieth und die eine Fülle dunkel 
blonder Löckchen sich koboldartig bemühte zu ver- 
drängeu? 
Grete wußte es nicht, sie hatte das nie er 
gründen können, aber das unregelmäßige Gesicht 
übte auch auf sie eine Macht aus. Wie das 
Ende dieser Liebe gewesen, die sich in keine ge 
sellschaftliche Form zwingen ließ, das wußte sie 
nicht, auch Frau Ruppius mochte das wohl nie 
erfahren haben. 
Rudi hatte nur eines Tages gebeten, das Bild 
Erika's für alle Zukunft zu vernichten und nicht 
lange nachher den tadellos schönen Puppcnkopf 
Theodoreus geschickt, mit der Nachricht, daß sie 
seit einigen Tagen seine Verlobte sei. 
Warum sollte er nicht glücklich sein? sie 
war vornehm, schön, reich! Der unbemittelte 
Dozent hatte bald darauf einen Lehrstuhl be 
stiegen und es war damit ein langgehegter Wunsch 
in Erfüllung gegangen. Vor einigen Jahren 
hatte Theodora ihm, nach dreijähriger kinderloser 
Ehe , auch einen Sohn geschenkt — was konnte 
ihm noch fehlen? 
Grete erhob sich und öffnete das Fenster. 
Der Mond lag, von schleierartigen Wolken 
verhüllt, über den Kreuzen auf dem Friedhofe 
und gab sein sanft gedämpftes Licht in das 
wallende Korn. Rechts im Hintergründe lag 
Birkenau, mit den Hünengräbern und der Wald 
wiese im Erlenhain — und alle Hoffnungen und 
Frühlingsgebilde, die sie im Herzen getragen. 
Sie konnte nichts unterscheiden in der gedämpften 
Beleuchtung der Nacht, sie ahnte nur die Kronen 
der Bäume auf der Bergesfirne und sie träumte, 
wie Rudi ihr Vergißmeinnicht pflückte und sie 
glücklich war. 
(Schluß fol.,t.) 
Die Grabstätte 
der Aebtissin Marta««e von Stet«. 
Sonntag war es, und die Sonne schien am Herbst' 
tag hell und mild 
Auf der Erde weckend schönes, Auge feffelndes Gebild, 
Als am alten Heimaihorle mich's verlangte cinzugehn 
Zu des Gottesackers Pforte, Grab und Grabschrift 
zu besehn. 
Und von Hügel hin zu Hügel lenkte suchend ich den 
Schritt, 
Hier nur flllchlig, dort verweilend, wie cs Ort und 
Stunde litt. 
Stand bald an des Freundes Grabe, der so früh von 
hinnen zog. 
Bald an zarten Kindes Hügel, das der Tod um's 
Glück betrog. 
Ja die Ruhstatt guter Eltern hieß mich stehn und 
sinnen lang, 
Die ich einst hierher bereitet, als ihr Grabgeläute klang. 
Eine Stunde war verstrichen, und ich sprach: es ist 
gmug, 
Denn die Zahl besuchter Gräber an die fünfzig schon 
betrug, 
Als ich ein Pfad bemerkte am dicht unscheinbar 
Gräbcrpaar, 
Das mit gleichem Eisenkreuze, gleicher Schrift be 
zeichnet war. 
Einer Trauercsche Zweige, stehend zu der Gräber Haupt, 
Hingen nieder zu der Erde, von dem Herbstwind 
schon entlaubt; 
Gras war beider Hügel Decke, wie von lieber Hand 
gepflegt, 
Und ringsum war diese Stätte von dem Gitter fest gehegt, 
Das von Eisen, ohne Pforte, allenthalben unversehrt, 
Nahen Zutritt, trotz Versuches, meinem Fuße hat 
verwehrt. 
Jede Inschrift, einst vergoldet, hat die Hand der 
Zeit verwischt, 
Eisenfarbig, nie vom Pinsel eines Malers aufgefrischt. 
Sie zu lesen ward dem Auge trotz Bemühung gar 
nicht leicht, 
Bis allmählich es gelungen und die Lösung ward 
erreicht. 
Ueberraschend und belohnend wurde die Erforschung mir. 
Denn zwei hochgeborne Frauen nannten die Jn- 
sch iften mir: 
Frau von Gilsa, die Dechantin von dem Edel- 
fräuleinstist 
Hieß es auf dem Äreuz zur Linken, und zur Rechten 
hieß die Schrift: 
Marianne, die Aebtissin, ruht hier, von und zu dem Stein.
        

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