Full text: Hessenland (3.1889)

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„Egoistisch!" wiederholte das Mädchen ent 
rüstet, „Du ließest ihn ja niemals merken, Tante, 
daß Du nicht Geld genug habest." 
„Wie sollte ich ihn auf seinen groß geplanten Weg 
auch noch materielle Sorgen geben? Und gar 
damals in jener Zeit, wo er das Leben kaum 
ertrug — wo er auch seine literarische Thätigkeit 
aufgab — und —" 
„Aber das geschah nicht Erikas wegen", unter 
brach sie Grete mit geröthetenWangen, „sondern weil 
er nie ein Genüge fand in dem, was er leistete, 
weil ihn, wie er mir einmal sagte, die Zeit nicht 
verstand und ihm das Feilschen mit seinem 
Höchsten so unsäglich zuwider sei." — 
„Er verstand sich niemals in das Leben zu 
schicken, der Rudi", sagte Frau Ruppius nach 
längerem Schweigen so aus ihrer Gedankenwelt 
heraus, als spräche sie mit sich allein, „vielleicht 
bin ich auch oft zu nachsichtig gewesen — und 
wenn er seinen Vater gehabt hätte —" 
„Der hätte ihn nicht geändert, sicher nicht," 
unterbrach sie Grete, „die Bedingungen zum 
Glücke, die müssen doch wohl von Anbeginn in 
der Menschenseele vorhanden sein — und wenn 
man in seinen Ideen so groß und rein ist, so 
leidet man unausgesetzt." 
„Aber die Welt urtheilt anders, Grete, und 
klagte mich an," sagte Frau Ruppius, während 
sie sich erhob und langsam mit gesenkten Lidern 
durch das Zimmer schritt, „o ich habe die Vor 
würfe gefühlt, die Anzüglichkeiten verstanden, wenn 
ich auch tausendmal schwieg. Jetzt freilich 
„Ja, jetzt beneidet man Dich, Tantchen," er 
gänzte Grete, während sie ihren Arm in den der 
Tante schob und mit ihr in gleichem Schritte 
ging, „aber ich würde nun doch auch an Deiner 
Stelle Rudi- bitten, einmal nach Neuhausen zu 
kommen — schon wegen der Kanzleiräthin und 
ihrem Gefolge von Klatschbasen, die den armen 
Rudi, weil er in ihr enges Maaß nicht passen 
wollte, sein ganzes Leben lang verleumdet haben. 
Ich möchte nur ihre langen Gesichter sehen, wenn 
Rudi mit der schönen Theodora am. Arm — 
o Tantchen, das wäre mir eine Genugthuung, 
wie ich sie mir nicht schöner denken könnte." 
Frau Ruppius lächelte nun gleichfalls, aber sie 
dachte weniger als Grete an den Triumph, 
sondern sie vergegenwärtigte sich das Gesicht 
ihrer kühlen Schwiegertochter, wenn sie die ärm 
liche Behausung betreten würde, die kleinlichen 
Verhältnisse gewahren und wie dann Rudi leiden 
könne, wenn ein Abglanz dieser Gedanken um 
die schönen Lippen zuckte. 
Ja — Theodora! Rudi war glücklich , er 
sagte es, aber ihr, seiner Mutter, hatte sie nichts 
Liebes gethan bei ihrem Besuche — sie hatte sich 
so namenlos gedrückt gefühlt — so total über 
flüssig und sie, die keine andere Welt kannte, als 
die ihres Rudi — sie war schließlich sogar froh 
gewesen, als sie wieder in Neuhausen war, in 
ihrem kleinen Häuschen.an dem Maltische saß 
und an ihn denken konnte — so wie sonst. 
Sie hatte sich wieder still auf ihren Stuhl 
gesetzt und faltete die Hände. Ihre Augen 
hafteten dabei an der letzten Photographie ihres 
Sohnes, die inmitten des großen Tisches auf 
einer Staffelei stand. Es war ein groß ange 
legter Kopf mit kräftigem Halse, den ein Paar 
mächtige Schultern trugen Das volle Haar 
fiel lässig von der breiten Stirne, aber die Linien, 
die um den festgeschlossenen Mund lagen, ver 
riethen bei aller Güte einen Zug energischen 
Trotzes. Ein Etwas, das sich auflehnen möchte 
gegen Dinge, denen die Masse zu Füßen liegt. 
Es war das ein Zug, der alle mächtigen Eigen 
schaften, die Kopf und Stirne verriethen, zu 
Nichte machen konnte und den ein Dämon oft 
in hämischer Schadenfreude denen giebt, welche 
die Götter mit ihren Gaben überschütteten. 
Wie viele Hoffnungen und Träume hatte 
Martha Ruppius in diese Züge hineingedacht, 
wie viele Wünsche an das Glück dessen geknüpft, 
der sie trug! 
Ob sie jetzt litt, weil sie wußte, daß alle 
opferfreudige Mutterliebe dennoch nicht im Stande 
sei, die Kinder zu beglücken? Wenigstens lag 
ein Zug leidvollen Weh's in ihrem Gesichte, als 
sie sich erhob und gedankenvoll in ihr Schlaf 
zimmer ging. Es war das ein Theil des Mutter 
herzens, den Grete nicht verstand, die viel zu 
friedener und hoffnungsfreudiger geworden war, 
seitdem sie Rudi mit Theodora vermählt wußte 
— und somit von den Banden jener verzehren 
den Leidenschaft für Erika erlöst, die ihren 
Schatten auch über ihren eigenen, stillen Weg 
geworfen hatte. Sie hatte sich die kleine Staffelet 
bis dicht an den Platz gerückt, wo sie saß, sie 
war kurzsichtig und konnte das Gesicht nur in 
dieser Nähe erkennen. 
Sie that das allabendlich und dachte dabei an 
die ihr kurz zugemessenen Frühlingsstunden, in 
welchen sie von einem gemeinsamen Glücke mit 
Rudi geträumt hatte. 
Warum das entscheidende Wort niemals ge 
fallen war, das hatte sie begriffen: er stand ja 
in jeder Beziehung so hoch über ihr; aber träumen 
und ihn lieben in ihrer Weise, das durfte sie — 
und das war für ihre genügsame Natur dennoch 
ein Glück. 
Heute sah sie indessen nicht so still glücklich 
in die geliebten Züge, die Worte der Tante, die 
sein Glück mit Erika in Verbindung gebracht, 
hatten sie erregt und all die Zeit, die stürme-
        

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