Volltext: Hessenland (3.1889)

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sollte er dabei an leidiges Geld denken? Erinnerst 
Du Dich noch, wie wir damals die Partie nach 
den Hünengräbern im Birkenauer Walde machten 
— und er, als Du Dich müde fühltest, eine 
Flasche Wein aus seinem Ränzel zog und 'in die 
Luft schwang?" 
„Er wußte, wie mich das Gehen müde machte 
und ein Glas Wein mich vor Kopfweh schützte", 
lächelte Frau Ruppius, „er war allzeit ein so 
guter Junge." 
„War es nicht an demselben Tage", fuhr sie 
nach einer Weile des Schweigens fort, „wo er 
Dir einen Kranz von Maikräutern in die Haare 
legte und behauptete, Du habest Dich verwandelt, 
denn Du seist plötzlich schön geworden — nachher 
suchtet ihr Vergißmeinnicht auf der Waldwiese 
im Erlenhain." 
Grete's Augen hatten sich gesenkt und über 
ihr Gesicht zog eine Ahnung jenes Ausdruckes, 
den Rudi schön genannt hatte. 
„Ich glaube, es war das mein glücklichster 
Tag, Tante." 
Sie legte die Bücher, in denen sie vorher ge 
rechnet hatte, mechanisch übereinander, erhob sich 
langsam und rückte den Stuhl an das Fenster, 
wo die Tante saß. 
„Auch Rudi war damals glücklich," sagte diese 
— „auch noch in den folgenden Jahren, bis —" 
„Ja, bis —" wiederholte Grete. 
„Aber weißt Du," fuhr sie dann, wie im 
Traume redend, fort, „glücklich — so was andere 
Menschen glücklich nennen — war Rudi doch 
eigentlich nie und deshalb, Tante — siehst Du 
deshalb —" Grete war hier der alten Frau näher 
gerückt und schmiegte sich an ihre Seite — „habe 
ich immer so tiefes, tiefes Mitleid mit ihm gehabt. 
Er kam mir vor, wie Einer, den immer dürstet 
— nach Fremdem, Unerreichbarem — aber der 
diesen Durst nicht löschen kann." 
„Doch, doch — er wäre vielleicht gelöscht worden, 
Grete — wenn 
„Wenn Erika seine Frau geworden wäre, meinst 
Du? Aber sie gehörte doch, als Rudi sie zuerst 
sah, einem Andern, — es wäre das doch immer 
ein verkümmertes Glück geblieben." 
Frau Ruppius legte ihr Gesicht in die Hände 
und beide schwiegen. 
„Meinst Du nicht doch —" fragte das Mädchen 
nach langer Weile leise, — wie der Hauch, der 
über den Friedhof ging — „daß Rudi in dieser 
Liebe nur eine Heimstätte suchte für sein schmerz 
erfülltes, unbefriedigtes Herz? Hätte sie ihn 
wirklich vollkommen glücklich gemacht?" 
Rudi's Mutter nickte gedankenvoll mit dem 
Kopfe. 
„Glücklich — im Sinne der Welt wohl kaum 
—sagte sie noch leiser als Grete, „Rudi's 
Empfindungswelt war immer so schrankenlos, aber 
Erika würde ihn verstanden haben, mit ihm ge 
dürstet, gelitten — und ihm endlich Ruhe gegeben. 
Das ist auch Glück, Grete. Glück! —" 
Und ihre Augen irrten hinüber zum Friedhofe, 
zu dem kleinen Kreuze, unter welchem Rudi's 
Vater lag. 
Sie sprachen Beide nichts mehr, bis die 
Dämmerung über die Berge zog und es nach 
und nach dunkel in deni traulichen Zimmer wurde. 
Grete zündete die Lampe an, stellte sie auf den 
großen Arbeitstisch und rückte ihrer Tante den 
Stuhl an den altgewohnten Platz. 
„Ich habe das Malgerälhe heute früher fort 
geräumt, Tantchen", sagte sie, als Frau Ruppius 
ihre Augen über den Tisch gleiten ließ, „ich 
wollte die Bücher einmal genau durchsehen, denn 
ich hatte das Gefühl, als müsse unser Defizit 
vollständig gedeckt sein." 
Frau Ruppius sah wehmüthig in das Gesicht 
des Mädchens und reichte ihr über den Tisch 
hinüber die Hand. 
Sie verstanden es beide nicht, viele Worte zu 
machen, aber Grete neigte sich über dieselbe und 
küßte sie. 
„Es hat jetzt kein Mensch mehr das Recht, 
Dir Vorwürfe zu machen, Tante," sagte sie be 
herzt, „wir schulden der Firma nichts mehr, im 
Gegentheile, es kommen uns noch 150 Mark zu 
gute." 
„Die schreibe gleich auf Dein Konto, Grete." 
„Auf mein Konto?" 
„Ich dächte wohl", sagte Frau Ruppius nun 
mit glänzenden Thränen in den Augen, „es wäre 
jetzt Zeit für Dich zu sorgen, — Du hast so 
großmüthig —" 
„Ich, Tante?" fragte Grete beinahe entrüstet, 
„gehört denn nicht Rudi eben so gut zu mir, 
wie zu Dir?" 
„Gewiß, Kind, ich wollte nichts anderes sagen, 
aber ich — ich bin gebrechlich geworden — ich 
kann voraussichtlich nicht viel mehr arbeiten — 
und es wäre mir eine Beruhigung, Dein Alter 
vor Sorgen gesichert zu wissen." 
Grete wehrte mit der Hand. 
„Rudi ist jetzt ein wohlhabender Mann," fuhr 
sie fort, „er braucht nichts mehr von uns — 
aber er darf doch niemals wissen, Grete, — nie 
mals, hörst Du? Du weißt, er ist so stolz —" 
„Du meinst, nicht wissen, daß wir noch immer 
malten, um das Geld abzutragen, welches er 
brauchte, als er seine Stelle aufgab?" 
„Der arme Junge" — hauchte die Mutter, 
„er litt damals grenzenlos — auch um Erika 
— die Leute sagen wohl, es sei das rücksichtslos 
und egoistisch von ihm gewesen, — aber wir, 
Grete, wir wissen es besser."
        

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