Volltext: Hessenland (3.1889)

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Mann starb und es blieb ihr, neben Kummer 
und Sorgen, ein vereinsamtes Herz! 
Sie war bald nachher mit ihrem Knäblein in 
das stille Haus mit den grünen Jalousien ge 
zogen, das sie noch heute bewohnte. Sie konnte 
von dem Eckfenster desselben das kleine Kreuz 
auf dem Grabe ihres Mannes schauen, und das 
war ihr in manchen einsamen Stunden ein sanfter 
Trost. In den unteren Räumen hatte sie einen 
kleinen Laden mit Garn nnd Nähutensilien an 
gelegt, um einen Zuschuß zu der kleinen Pension 
zu verdienen, von der sie sich nicht ernähren konnte. 
Martha Ruppius war eine stille, träumende 
Natur, das Pfarrhaus in Botenweil mit dem 
gelehrten Vater und der sinnigen Mutter hatte 
keine merkantilen Eigenschaften in ihr groß ge 
zogen; sie verstand es nicht sich zu bevortheilen 
und mit den Leuten zu feilschen, das Geschäht 
ging nicht und sie mußte es aufgeben. 
Nun stand sie rathlos. Aber wie es oft im 
Leben geht. zeigte ihr der Zufall den Weg. Ihr 
älterer Bruder, der sie wegen ihres Maltalentes, 
mit welchem sie, wie er sich ausdrückte, beklexte 
was ihr in den Weg kam, so oft geneckt hatte, 
kam als Korrespondent in eine Tapetenfabrik 
und erinnerte sich der geradezu verblüffenden 
Farben- und Arabesken-Phantasie seiner jungen 
Schwester. Er sprach mit seinem Prinzipale, 
Martha mußte Proben senden, und der Anfang 
war gemacht. 
An demselben Fenster, von welchem sie heute 
über die Landschaft blickte, hatte sie Tag für 
Tag mit geneigtem Kopfe gesessen und gemalt. 
Zuerst nur Tapetenmuster, dann Fächer und 
schließlich auch für eine namhafte Fabrik auf 
Porzellan. 
Ob sie jetzt daran dachte? Daran, wie ihr 
Herz immer ruhiger wurde, ihre Wege sorgloser 
und ihr Rudi nach und nach ihre Welt? Da 
unten im Gärtchen zwischen den Aster- und 
Dahlien-Beeten, da sah sie ihn im Sande spielen, 
wenn sie den Kopf wandte, sah. wie er zärtlich 
zu ihr aufschaute, in die Hände klatschte und ihr 
Blumen zum Strauße pflückte. 
Ach, was war das für eine schöne beglückende 
Zeit gewesen! — 
Grete bemerkte, daß die Tante lächelte und 
wußte, was in ihr vorging. Selbst der Schmerz 
um ihren Mann hatte sich in sanftes Weh gelöst, 
denn sie trug alle Herzensliebe, die sie einst ihm 
gegeben, auf sein Kind über — alle Hoffnungen, 
alle Träume! Es gab kein Denken, mit welchem 
Rudi nicht verwachsen gewesen wäre. Bei jedem 
Stück Papier, das sie bemalte, bei jedem Fächer, 
dem sie Blumen gab, gestalteten sich goldene 
Zukunftsträume für ihn. 
Und dann als er heranwuchs, sich geistig reckte 
und der Welt mit so unbändiger Kraft entgegen 
reifte, wie war ihr Herz beglückt und wie schwellte 
es sich mit Hoffnungen und Lichtgebilden! Es 
war ihr dann oft, als säße sie wieder an stillen 
Sonntagnachmittagen im Pfarrgarten in Boten- 
weil und lausche dem Rauschen des Flusses, der 
ihr so seltsame Dinge flüsterte von der Welt, 
die sie nicht kannte. 
„Wie schade, Grete," sagte sie, sich zu dieser 
wendend, als habe dieselbe ihren Gedankengang 
mit durchwandelt, „daß Du Rudi nicht als Knaben 
kanntest, wie war er schön, klug und gut." 
„Als ob er das nicht immer auch nachher ge 
wesen wäre," fiel das Mädchen in gleichem Tone 
ein, „mir ist es, als sähe ich ihn noch heute, wie 
er zum erstenmale von der Universität kam und 
Dich so stürmisch in die Arme schloß." 
„Und wie er sich dann zu Dir wandte, Grete," 
fuhr die Mutter fort, „Dir seine beiden Hände 
entgegenstreckte und sich freute, daß ich nun einen 
Ersatz für ihn habe und Hilfe bei meiner Arbeit." 
„Damals trug er eine braune Sammt-Pekesche, 
Tante, von der gleichen Farbe seines Haares, 
mit Schnüren, ich meine, ich hätte nie etwas 
Schöneres gesehen." 
Frau Ruppius neigte das Gesicht und sann. 
Man hatte ihr im Städtchen verdacht, daß sie, 
die sich mit ihrer Hände Arbeit nährte, ihren 
Sohn auf die Universität gegeben und nicht in 
ein Seminar, wie es sich doch eigentlich gehört 
hätte — als ob er des Direktors eigener Sohn 
wäre! Vertraute Freundinnen hielten mit ihren 
Anspielungen nicht zurück und es hatte sich da 
mals die erste Wolke über ihren Weg gelegt. 
Aber als dann Rudi kam — so schön und klug 
— mit dem goldgestickten Käppi und dem Ver 
bindungsbande an seines Vaters silberner Uhr 
— und wie er erzählte, daß sich ihm vornehme 
Häuser öffneten und man ihn lieber habe — viel 
lieber, als den jungen Baron von Birkenau, da 
war alles vergessen und sie arbeitete gern ein 
paar Stunden länger, um Rudi glücklich zu sehen. 
„Weißt Du, Tante." fiel Grete wieder in ihr 
Träumen hinein, „das war alles nur Neid von 
den Menschen, weil Rudi so klug nnd kühn war 
und sich Niemanden ergab — wie hätte er Lehrer, 
gewöhnlicher Lehrer, werden können - ich bitte 
Dich — so wie Fritze Berger drüben in der 
Schule — Rudi mit seiner großartigen Weise!" 
Und über das Gesicht des alternden Mädchens 
legte sich ein rosiger Hauch, wie verspäteter 
Sonnenglanz über ein welkes Lilienblatt. 
„Und daß Rudi mehr verausgabte als Andere, 
Tante," fuhr Grete fort, als sie den Schatten 
bemerkte, der auf dem früh gealterten Gesichte 
von Frau Ruppius lag; das war so begreiflich 
bei seiner Art — er schrieb, dichtete, sabulirte, wie
        

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