Full text: Hessenland (3.1889)

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war, „wir haben ihm gar nicht mitgetheilt, daß 
die Tante krank sei." 
Die Frau Kanzleirath wandte den Kopf und 
sah verwundert nach der unscheinbaren Person, 
die so kühn gewesen war, sie zu unterbrechen. 
„Aber ich meine, das hätten Sie doch in allen 
Fällen thun müssen, Fräulein Grete," sagte sie 
mit einem Tone leiser Zurechtweisung, „Frau 
Ruppius war doch recht krank und ich vermuthe, 
der junge Herr würde in einem solchen Falle 
seine Mutter wohl besucht haben." 
„Eben das wollte die Tante verhindern," er 
widerte Grete, die Bleifeder hinter ihr Ohr 
schiebend und dickt vor die knochige Frau tretend, 
„sie wußte, daß Rudi, von Angst gejagt, sofort 
die weite Reise unternommen haben würde — 
und daß sein anstrengender Berus ohnehin schon 
alle seine Kräfte in Anspruch nimmt." 
Sie legte bei den letzten Worten ihre Hand 
sanft auf den Scheitel der Kranken und machte 
sich an dem Haar derselben zu sckaffen, um ihrem 
momentanen Empfinden den Ausdruck von Zärt 
lichkeit zu nehmen. 
„Aber nun, da Frau Ruppius beinahe genesen 
ist," fuhr die Frau Kanzleirath hartnäckig fort, 
„nun dürfte ihn ein Wiedersehen doch nicht mehr 
alteriren. Ich weiß die Zeit nicht mehr, da der 
junge Herr zum letztenmale in Neuhausen war." 
„Ja, es ist schon ziemlich lange her," nahm 
jetzt Frau Ruppius selbst das Wort, während 
sich ein leises, nervöses Roth über ihre Wangen 
legte, „aber was sollte er auch in dem abgelegenen 
Neuhausen?" 
„Was er sollte? Nun seine Mutter besuchen 
und alte Freunde wiedersehen, ich dächte doch, 
dazu würde man niemals zu vornehm." 
„Nein — und am allerwenigsten Rudi," er 
widerte Grete gereizt, „aber der einzig wirkliche 
Freund, den er hatte, ist längst nicht mehr in 
Neuhausen und seine Mutter — die kann er ja 
sehen wo er will, deshalb braucht er nicht gerade 
hier her zu kommen." 
Und sie glättete abermals mit ihren Fingern 
die Zöpfe der Tante. 
Die Frau Kanzleirath sagte jetzt nichts mehr, 
sondern empfahl sich nun wirklich, abermals „gute 
Besserung" wünschend. Nur draußen auf dem 
kleinen Vorplatze, wohin Grete sie begleitete, 
konnte sie sich "nicht versagen, noch einmal auf 
das Gespräch zurückzukommen. 
„Die gute Ruppius," sagte sie theilnehmend, 
„hat alles dem Sohn geopfert und er dankt es 
ihr doch wenig, er war wirklich leichtsinnig und 
hochmüthig über seinen Stand hinaus, liebe 
Grete, so sehr gerade Sie sonderbarerweise sich 
bemühen, das zu leugnen. Und dann, als er 
das Glück hatte eine Adelige zu heirathen — 
und er durch diese endlich etwas wurde, da —" 
„Das ist nicht wahr, Frau Kanzleiräthin," 
unterbrach jetzt das Mädchen die süße, salbungs 
volle Rede derselben, „Rudolf Ruppius hat Nie 
manden seine Stellung zu verdanken als sich selbst, 
seine große Begabung hat wohl noch keiner in 
Abrede gestellt, — und daß die vornehme Dame 
ihn liebte und heirathete — —" 
„Nun das verstehen Sie- gewiß am besten, liebe 
Grete," sagte Jene, mit sauersüßem Lächeln des 
Mädchens Schulter klopfend, „es ist deshalb auch 
kein Wunder, wenn Sie sich gegen die Wahrheit 
zu verschließen suchen, Sie sind unerfahren — 
und haben ihm alle Ihre gescheiterten Hoffnungen 
vergeben." 
„Ich weiß nicht, was Sie nieinen, Frau Känzlei- 
räthin," erwiderte das Mädchen ruhig, während 
ihre blassen Lippen zuckten — „ich —" 
Aber die große Frau, mit dem unternehmenden 
Strohhute, ließ das Mädchen nicht aussprechen, 
sie legte nur mit einem überlegenen Kopfnicken, 
als ob nichts sie von ihrer Meinung abbringen 
könne, ihre Hand flüchtig in die Grete's und 
ging die Treppe hinunter. 
Das Mädchen blieb noch eine Weile auf dem 
Vorplatze stehen, bis die Lippen, die vorher ge 
zuckt hatten, wieder fest verschlossen blieben und 
aus ihrem Gesichte die jähe B.ässe gewichen war, 
dann ging sie zurück in die Stube und nahm 
stillschweigend ihren Platz am Tische wieder ein. 
Frau Ruppius hatte ihren Stuhl dichter an das 
Fenster gerückt und sah über das niedere Nachbar 
haus hinweg, in die wogenden Kornfelder, die 
von junger Buchen- und Eichenwaldung umsäumt 
wurden. 
Ein leiser Spätsommerwind strich durch die 
Wipfel der Bäume, huschte über das reife Korn 
und verlor sich in sanftem Träumen zwischen den 
Kreuzen des Friedhofes, seitlich vom Hause. 
In der Straße war es still, die Leute des 
kleinen Städtchens arbeiteten in Feld und Garten, 
und man vernahm deutlich das Tropfen des alten, 
steinernen Brunnens, dessen einförmiges Geräusch 
die blasse Frau in allen schönen und schweren 
Stunden ihres Lebens begleitet hatte. 
Sie wußte nichts von der Welt da jenseits 
der Berge, nur was Rudi ihr zugetragen, was 
ihn da draußen beglückt und erschüttert hatte — 
das wußte sie. 
Jung, fast noch ein Kind, war sie ihrem 
Manne, der Lehrer gewesen, aus dem schlichten 
Pfarrhause, aus reinen, frommen Eindrücken 
heraus, nach Neuhausen gefolgt und hatte zwei 
glückliche — unvergessen glückliche Jahre, mit ihm 
dort unten im Schulhause verlebt. Dann aber 
hatte der Tod plötzlich Einkehr gehalten, ihr
        

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