Full text: Hessenland (3.1889)

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hat sich gegen meine Definition auch eine lebhafte 
Opposition erhoben. Ein gewisser Wächter in 
Leipzig nennt dieselbe sogar ein „juristisches 
Amphibium." Nun, meine Herren, der Mann 
versteht mich nicht. Ich werde Ihnen meine 
Begründung nochmals vorführen." Büchel gab 
nun nochmals eine Erläuterung seiner Definition, 
nach deren Beendigung er sich in entrüstetem 
Tone an seinen Gegner, den er als anwesend 
unterstellte, mit den Worten wandte: „Und das 
nennen Sie ein Amphibium, Herr Wächter? Ich 
kann Ihnen nur erwidern: „Mit nickten, Herr 
Geheime Rath!" Hierauf fragte er seine Schüler: 
„Meine Herren, ist Ihnen etwas unklar geblieben 
an meiner Definition?" Selbstverständlich wurde 
diese Frage mit Entrüstung verneint, was Büchel 
zu der Aeußerung veranlaßte: „Nun- das meine 
ich denn auch, es ist so klar wie Klösebrühe! 
Ich weiß nicht, ob ich den Herren ver 
ständlich bin. Die letzten Worte pflegte er mit 
abgewandtem Gesicht nur durch Lippenbewegungen 
zu markiren, so daß nur der erste Redetheil: 
„Ich weiß nicht ob . ." für gewöhnlich verständ 
lich war. 
In den juristischen Prüfungen pflegte er das 
Pfandrecht häufig zum Gegenstand seiner Fragen 
zu machen. Ein Fall ist uns erinnerlich, in 
welchem der über die Natur des Pfandrechts 
examinirte Kandidat H. in lateinischer Sprache 
— damals wurden die Examina in lateinischer 
Sprache abgehalten — erwiderte: „In hac materia 
summae tenebrae per multa saecula profusae 
erant; tune tu, illustrissime, exstitisti et 
lucera in rem tulisti.“ Als nun Büchel, den 
diese Einleitung nach seinem beifälligen Lächeln 
zu schließen, sehr gekitzelt hatte, den Kandidaten 
weiter fragte: 8ane, candidate ornatissime ! 
Et quomodo Büchel pignus definivit ? — 
da mußte der Kandidat leider die Antwort 
schuldig bleiben, was bei Büchel ein „Schütteln 
des Kopfes", bei seinen Kollegen und der Corona 
aber große Heiterkeit hervorrief. — 
Büchel wob seinen Vorlesungen gern kleine 
Anekdoten ein. Wenn er beispielsweise einem 
Kollegen den Bormurf machen wollte, daß er 
einfache Sachen durch große Weitschweifigkeit 
nur verdunkelt und entstellt habe, so pflegte er 
mit dem ihm eigenthümlichen Tonfall zu sagen: 
„Es kömmt mir das gerade so vor, wie jener 
garfon, der eigentlich Neb hieß, von den Gästen 
aber der Kürze halber Nebukadnezar ge 
nannt wurde. Ich weiß nicht, ob . . . — 
Sehr erregt konnte Büchel werden, wenn 
Arndts, nach dessen Lehrbuch er in den 60er 
Jahren die Pandekten las und den er kurzweg 
„Verfasser" zu nennen pflegte, ihn in einer 
Materie, über welche er — Büchel — geschrieben 
hatte, bei Aufführung der einschlägigen Literatur 
nicht erwähnt hatte. Er sagte dann im ärger 
lichen Tone: „Der Verfasser hat mich hier wieder 
nicht citirt. Wo er mit mir anderer Mei 
nung ist, da führtermeinen Namen an, wo er 
mich aber abschreibt, da citirt er mich nicht! — 
Büchel sah es, wie aus Vorstehendem er 
hellt , nicht nur gern, wenn sein Name in den 
juristischen Werken genannt war, sondern er 
führte auch sich selbst mit Vorliebe als juristische 
Autorität an. Um so schmerzlicher berührte es 
ihn, als ein zu allerlei Kurzweil aufgelegter 
etud. K. ihn einmal bei einer solchen Gelegen 
heit nicht zu verstehen schien. Büchel citirte: 
„Vergleichen Sie hierüber meine civilrechtliche 
Erörterungen, Band I S. 447 und folg." 
8tud. K. fragte: „Meine?" worauf Büchel, 
ärgerlich, daß er nicht verstanden war, nachmals 
wiederholte: „meine civilrechtlichen Erörterungen 
Bd. I S. 447 und folg." Als nun aber etud. 
K. weiter fragte: „Meine", ist das der Konser 
vator Br. Meine hier?" — da rief Büchel laut: 
„Ach was! meine, das bin ich, Büchel, Büchel! 
Dieser Meine hier, ich meine auch gar, ich weiß 
nicht ob . . und wiederum folgte unter dem 
Gelächter des Auditoriums die bezeichnende 
Lippenbewegung. — (Schluß folgt.) 
Von H. Keller-Jordan. 
„Ich wünsche Ihnen recht herzlich gute Besse 
rung, liebe Frau Ruppius, und hoffe Sie nun 
auch bald wieder einmal bei mir zu sehen." 
„Ich danke", sagte die blasse Kranke, die im 
Sessel lehnte, „mit den Besuchen wird es aber 
wohl noch eine Weile dauern, ich fühle mich noch 
sehr müde." 
„Wird schon wieder recht werden, tröstete die 
große Frau, die vor ihr stand, an ihrem Hand 
schuh zupfend, „besonders wenn der Herr Sohn 
erst die Mama besucht — und —" 
„Rudi wird seine Mutter nicht besuchen, Frau 
Kanzleiräthin," fiel hier eine Stimme ein, die 
sich bis jetzt nicht an der Unterhaltung betheiligt 
hatte und einem älteren Mädchen angehörte, 
welches an einem Tische mit Rechnen beschäftigt
        

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