Full text: Hessenland (3.1889)

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der hessischen Landgrafschaft nur als ein großer 
Glücksfall zu bezeichnen Vier Jahre vor Philipps 
Geburt hatte auch einmal der Spruch: tu felix 
Hasaia nube! Geltung, sonst aber ist Hessen 
durch Heirathen stets klein r geworden, indem 
es in entscheidender Zeit stets von neuem der 
Theilung anheimfiel. 
Philipp der Großmüthige selbst änderte wenig 
am Besitzstände seines Hauses: er trat 1553 an 
Nassau-Dillenburg ein Viertel der Grafschaft 
Dietz ii. a. ab und schloß 1554 einen folgen 
reichen Erbvertrag mit Henneberg ab. Aber er 
ließ sein Land nicht nngetheilt. 
Weltbekannt ist, daß innerer Familienzwist, 
der aus Philipps Doppelehe erwuchs, im Jahre 
1567 die mächtige Gesammt - Landgrafschaft 
Hessen (nebst Katzencllnbogen) für immer zer 
trümmerte. Die Söhne der Nebengemahlin 
(Grafen von Dietz und Lisberg) erhielten die 
Aemter Bickenbach, Umstadt, Homburg v. d. 
Höhe, Lisberg. Ulrichstein, Schotten und Strom 
feld; jedoch fiel alles an die Söhne erster Ehe 
zur Vertheilung zurück, als 1603 der letzte Graf 
unbeerbt verstarb. 
Ebenso unbeerbt starb 1583 der dritte Sohn 
Philipps, gleichen Namens, dem ob seiner hei 
teren Sinnesart die niedere Grafschaft Katzen- 
ellnbogen mit ihren guten Weinlagen, etwa ein 
Achtel des Ganzen, zugefallen war, das nach 
mehrfachen Theilungen und Umtausch zumeist an 
Hessen-Kassel gelangte. Der zweite Sohn Lud 
wig hatte ein Viertel des Ganzen, das Ober 
fürstenthum (Marburg) mit Eppstein erhalten 
und regierte bis 1604, ohne Kinder zu hinter 
lassen, also daß seitdem zwei Linien bestanden: 
Hessen-Kassel, die Hälfte des Ganzen, abstam 
mend von dem ältesten Sohn, Wilhelm dem 
Weisen, (st 1502) und Hessen-Darmstadt, ur 
sprünglich ein Achtel des Ganzen, abstammend 
von dem jüngsten (4 ) Sohn Philipps des Groß 
müthigen, Landgraf Georg (st 1596) 
Beide Linien gehen seit 1604 völlig ausein 
ander, ja stehen sich sogar oft feindlich gegen 
über, und führte das eine seit 1803 den Kur- 
titel, das andere hieß seit 1806 Großherzog 
thum Hessen. 
Beginnen wir mit der älteren Linie, für die 
uns ein viertes Blatt die Erwerbungen bis zum 
Ende des 30jährigen Krieges vorführen soll. 
Wir können hierbei ein authentisches Aktenstück 
zu Grunde legen, wenn wir vorher zu dem 
1567 Wilhelm IV. zugefallenen Theilen dessen 
Erwerbungen hinzunehmen. (1571 Plesse, 1583 
Sckmalkalden, 1582 Uchte und Frendenberg, so 
wie 1585 Auburg, alle drei nordwestlich von 
Münden gelegen; dann noch 1583 Rheinfels 
und St. Goar). Ueber alle diese Gebiete hat 
Landgraf Wilhelm IV. selbst eine genaue 
Statistik verfaßt, den sogen. „Oekonomischen 
Staat von Hessen" nebä einem hessischen Dorf 
buch, das sich in eigenhändiger Niederschrift im 
Archiv zu Marburg und in beglaubigter Ab 
schrift auf der Landesbibliothek zu Kassel be 
findet (Mas. Hass. 4°. 41). 
Danach besaß damals die Landgrafschaft 
Hessen-Kassel auf I Il> Quadratmeilen 30 Städte 
(eingeschlossen das seit Philipps Hilfe im Bauern- 
Krieg halb hessische Hersseld sowie Schmalkalden), 8 
Landesschlösser mit dazu gehörigen Aemtern, 626 
Dörfer und 80 Höfe, in Allem 33,075 Hausgesessene 
oder Mannen, davon 1062 allein in Kassel. 
Dies Gebiet vergrößerte Landgraf Wilhelm IV. 
um 6 Dörfer und 15 Höfe und brachte die Ein 
wohnerzahl um 3350 Männer vorwärts — also daß 
ganz Hessen etwa vor dem 30jährigen Krieg 
260,000 Einwohner zählte. Eine bequemere und 
genauere Grundlage für unsere Gebietskarte 
(Nr. 4) als des Landgrafen Dorfbuch können 
wir uns gar nicht denken. 
Unheilvoll sodann in territorialer Beziehung 
war die Regierung des Landgrafen Moritz des 
Gelehrten, der durch seinen liebertritt zur re- 
formirten Kirche den Marburger Erbschaftsstreit 
herauf beschwor, dessen kartographische Darstellung 
in allen Stufen von 1604 bis 1651 schwer, 
aber für das Verständniß unumgänglich ist. 
Ferner bestimmte Moritz noch, ehe er sich 
lebensmüde nach Eschwcge zurückzog, daß seine 
Kinder zweiter Ehe mit Landestheilen abgefun 
den werden sollten. Moritz ist der Urheber der 
Rotenburger Quart, die, wenn auch nicht selbst 
herrlich, doch als Grundherrn in Rotenburg 
(früher auch in Eschwege und Rheinfels) bestand 
bis znm Jahre 1834. Auch diese Nebenlinie 
verdient es, einmal näher dargestellt zu werden, 
sammt einer Karte ihres wechselnden Besitzes. 
Wilhelm V. endlich setzte nun für seinen Theil 
die Primogenitur fest und führte bis zu seinem 
frühen Tode in der Fremde die Zügel der Re 
gierung mit fester Hand, als treuer Bundes 
genosse Gustav Adolfs.' 
Seine Wittwe Amelie Elisabeth von Hanau 
führte dann bis 1650 durch die Wirren des 
30jährigen Kriegs mit Entschlossenheit die Vor 
mundschaft. Wunderbar, wie dies kleine Land, 
heimgesucht von allen Greueln des Krieges, ein 
so stattliches Heer ins Feld schicken konnte, daß 
die Partei der Landgräfin neben Kaiser, Schwe 
den und Franzosen vollauf mitzählt, ja der letzte 
Theil des Krieges geradezu der Hessenkrieg ge 
nannt wird. Neben endgiltiger Beilegung des 
Marburger Erbschaftsstreites, die Oberhessen 
für immer theilte, und dem Austausch von halb 
Itter erwarb die große Landgräfin die halbe
        

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