Full text: Hessenland (3.1889)

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Lehnshoheit über Hessen beanspruchte, und zum 
Schutze seiner Städte mußte der Landgraf, ob 
er wollte oder nicht, der heftigste Feind der 
Ritterbünde jener Zeit werden. An dem oben 
entworfenen Karten-Bilde hatte sich recht wenig 
geändert, als am 6. December 1373 Kaiser 
Karl IV. feierlich ganz Hessen zu einer untheil- 
baren Landgrafschaft erhob. 
Angenehm war dann der Kauf der oft störenden 
Herrschaft Spangenberg und der Erwerb der 
Hälfte von Itter und der Mitbesitz von Halb- 
Schmalkalden, die noch Heinrich II. der Eiserne 
erlebte, aber sie traten alle ebenso zurück wie 
die Erwerbungen Landgrafs Hermann I. des 
Gelehrten (Halbherrschaft Lisberg und Wölkers 
dorf nämlich) gegenüber den Erwerbungen und 
erlangten Lehnshoheiten des Landgrafen Ludwig I. 
des Friedsamen, mit denen wir ein zweites 
Karten-Bild auszufüllen suchen. Ihm gelang es 
die zerrissenen Lande der Landgrafschaft Hessen 
durch Neuerwerbungen glücklich abzurunden und 
zu einem zusammenhängenden Ganzen zu ge 
stalten durch die 1450 erfolgte Einverleibung 
der Grafschaften Ziegenhain und Nidda. Dieser 
Heimfall war eine Lebensfrage für Hessen ge 
worden und hat auffallende Aehnlichkeit in seinen 
Folgen mit den preußischen Annexionen des Jahres' 
1866; an Stelle der getrennten Osthälfte mit 
Kassel und der Westhälfte mit Marburg trat 
plötzlich ein Gebiet, das mit Ausnahme der 
geistlichen Gebiete die Kernlande des Hessen 
landes umfaßte. Das war keine Zufallserwer 
bung, sondern das Werk langer, sehnsuchtsvoller 
Arbeit, die endlich der Erbvertrag des Jahres 
1413 krönen sollte. Nicht unwichtig trat dazu 
die Schirmherrschaft über die Abtei Hersfeld, 
die hessische Lehnshoheit über Waldeck, Plesse, 
Rietberg, Schauenburg und andere Dynasten, 
sowie der halb erlangte, halb vorbereitete Heim 
fall der Grafschaft Schonenberg mit Hofgeismar 
und Helmarshausen, sowie der Kauf des Amtes 
Neuengleichen bei Göttingen. Ueberhaupt, ver 
ehrte Anwesende, wird Ludwig I. allzuviel als 
bloßer Friedensfürst nach seinem Beinamen dar 
gestellt. Man vergißt zu leicht, daß er es war, 
der den Mainzer Vergrößerungsplänen, die im 
Herzen Deutschlands ein großes geistliches Fürsten 
thum zu gründen bezweckten, durch seine Siege 
bei Fritzlar und Fulda (1427) für immer ein 
Ziel setzte. Er war es, der damals mit den 
Worten „Heute Landgraf oder keiner" auf die 
Feinde eindrang und die Seinen zum Siege 
führte. 
Bei Ludwigs Tode erstreckte sich die Land 
grasschaft von der Diemelmündung bis an die 
Wetterau und von Biedenkopf bis Treffurt. 
Leider schritten seine Söhne Ludwig II. und 
Heinrich III. nach blutigen Kämpfen zu einer 
Theilung Hessens, die, wenn auch durch eine 
zwölfjährige Vormundschaft Heinrichs über seine 
niederhessischen Neffen unterbrochen, volle 42 
Jahre währen sollte. 
Auf der zu entwerfenden Karte wäre eine 
zweifache Theilungslinie anzulegen, da der hab 
gierige Heinrich 1460 zu Oberhessen noch Ziegen 
hain erhielt, ein Vergleich, der 1467 am Spieß 
ziemlich genau bestätigt ward, wo bis ins kleinste 
(bis auf Eier und Käse) die Theilung ausgeführt 
ist; auch für Hermann, den dritten Bruder, ein 
Theil ausgesondert ward. Der uns erhaltene 
Vertrag böte zugleich die beste Prüfung für 
unsere, gerade diese Zeit darstellende Gebiets 
karte dar. nir-f 
Schon 1741 starb Landgraf Ludwig II., ohne 
noch den Heimfall der reichen Grafschaften Ober 
und Nieder-Katzenellnbogen an seinen Bruder 
Heinrich III., deshalb der Reiche zubenannt, zu 
erleben. Diese fielen 1500, nach dem Aussterben 
der Marburger Linie an den Landgraf Wilhelm II. 
von Kassel, der neben ihnen und oer von ihm 
selbst erkauften halben Herrschaft Eppstein nach 
Absetzung seines Bruders wieder ganz Hessen 
vereinigte. Aber Wilhelm II. erlebte diese Macht 
fülle nur noch 9 Jahre lang und fügte in dieser 
Zeit seinen in drei Theilen getrennt liegenden, 
schönen Landen noch Homburg v. d. H. 1504 zu, 
das ihm aus der Theilnahme an dem bayerischen 
Erbfolgekrieg zufiel. Betrachten wir uns dies 
Erbe des vierjährigen Landgrafen Philipp etwas 
näher, es soll ein drittes Karten-Bild füllen. 
Die geeinigte Landschaft kennen wir schon, 
die der Spieß in ein Ober- und Niederfürsten 
thum schied und über die zwei Grafschaften 
Katzenellnbogen wird es genügen Rankes Worte 
anzuführen, um den Werth der Lande um Darm 
stadt und um St. Goar, Rheinfels und Katzen 
ellnbogen darzuthun: „Es war eine sorgfältig 
gepflegte, blühende Landschaft, von welcher die 
alten Grafen nie ein Dorf, nie ein Gut weder 
durch Fehde noch durch Kauf hatten abkommen 
lassen." 
Prägen wir uns, verehrte Zuhörer, dieses 
Karten-Bild ja recht genau ein, denn es sind 
die Lande, auf die gestützt Philipp der Groß 
müthige seine weltgeschichtliche Rolle in den 
Wirren der Reformation spielen konnte. 
Doch vergessen wir nicht, daß der neue Zu 
wachs ein zufälliger war: Hätte die Erbtochter 
Anna von Katzenellnbogen einen andern, etwa 
einen Grafen von Nassau oder Wirtemberg 
geheirathet, niemals hätten die Landgrafen von 
Hessen am Mittelrhein zweifach Fuß fassen können, 
und das rasche Aussterben der Marburger Linie 
ist im Sinne der Gesammt-Gebietsentwicklung
	        

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