Full text: Hessenland (3.1889)

Vortrag, gehalten zu Kassel im Verein für hessische Geschichte und Landeskunde am 28. Oktober 1889. 
Von Dr. phil. Fritz Fertig. 
(Schluß., 
Wandelten wir bisher zumeist an der Hand 
der Sprachforschung, so müssen wir uns jetzt 
der Führung der Geschichte anvertrauen, wenn 
wir die Gebietsentwicklung der Landgrafschaft 
Hessen näher betrachten wollen. 
Wie uns schon das Endergebniß anzeigt, daß 
nämlich fünf Theile zu viel und fünf Theile zu 
wenig vom Hessenlande zu Kurhessen im Jahre 
1866 gehörten, und daß seit 1567 Darmstadt 
völlig aus der Entwicklung ausscheidet, gestaltet 
sich diese Entwicklung als in geschichtlichen und 
menschlichen Verhältnissen begründet, nicht ganz 
regelmäßig. Daß die Erwerbungen zum großen 
Theil ganz äußerlich und zufällig erfolgten, 
hoffe ich im Folgenden Ihnen, meine geehrten 
Zuhörer, darzuthun und gedenke ich Ihnen zu 
gleich klare Bilder von dem verschiedenen Um 
fange Hessens in'den geschichtlich bedeutendsten 
Zeiten zu geben. Sollte dadurch bei Ihnen ein 
Interesse für die uns noch fehlende Territorial 
karte Hessens geweckt werden, sollte bei Ihnen das 
Gefühl der Wichtigkeit und Nothwendigkeit einer 
solchen sich befestigen, so wäre mein Ziel erreicht. 
Denn die großen Geschichts-Atlanten von Spruner- 
Menken und Droysen können ebenso wie Brecher's 
Territorial-Karte von Thüringen (1886) unser 
Gebiet nur nebenbei behandeln, und die einzige 
mir bekannte Karte von Fix (in seiner Preußi 
schen Territorial-Geschichte, seit der 2. Auflage) 
ist viel zu klein und zeigt nur solche Theile, die 
1866 noch kurhessisch waren. Vorher Abge 
tretenes übergeht er. 
Versuchen wir also ohne nennenswertste Vor 
arbeiten nach den Geschichtsquellen uns die Land 
grasschaft Hessen in den verschiedenen Stufen 
ihres Wachsthums klar zu machen. 
Erstens müssen wir dabei feststellen, was der 
klugen und tapfern Landgräfin Sophie für ihren 
Sohn Heinrich das Kind aus dem thüringisch 
hessischen Erbfolgekrieg zu retten- gelang. 
Das waren zuerst die althessischen Lande, die 
sie als nächste Erbin der Allode ansprach und 
die einst durch Heirath vor 135 Jahren aus der 
Erbschaft der Grafen von Gudensbcrg an die 
Landgrafen von Thüringen gekommen waren. 
Es waren dies die Schlösser, Städte und Gebiete 
von Kassel, Wolfhagen, Zierenberg, Jmmen- 
hausen, Grebenstein, Gudensberg, Homberg, 
Felsberg, Melsungen, Rotenburg, Marburg, 
Wetter, Frankenberg, Biedenkopf, Gladenbach, 
Alsfeld, Grünberg, Ulrichstein u. s. w. und 
dazu kam noch von Braunschweig, an das jedoch 
vorher der Winkel bei Münden abgetreten war, 
die Landschaft an der Werra (Eschwege, Witzen- 
hausen, Allendorf, Fürstenstein und vielleicht 
auch Wanfried, Sontra, Bilstein und Arnstein). 
Diese Lande übernahm 1265 Heinrich I., der 
1279 seinen Ansprüchen auf das väterliche 
Brabant entsagte und Kassel zu seiner Residenz 
wählte. 
Am 12. Mai 1292 wurde er bei König Adolf 
Reichsfürst für die zu Lehn gegebene Stadt 
Eschwege und das Reichs-Schloß Boyneburg. 
Sein Land war kein zusammenhängendes Gebiet, 
sondern lag in drei Fetzen da, zerrissen durch 
die Grafschaft Ziegenhain und Nidda, die sog. 
Hessischen Aemter des Erzbisthums Mainz 
(Fritzlar, Naumburg, Amöneburg und Neustadt) 
und kleinere Gebiete, wie die Herrschaft Spangen 
berg. 
Kleinere und vorübergehende Gebietsände 
rungen muß ich mir versagen bei der vorgerückten 
Zeit Ihnen vorzuführen; ich erwähne nur die 
drei Jahre währende Tvdtheilung Ganz-Hessens, 
die 1311 durch Landgraf Johannes von Kassel 
Tod und Otto's Entschlossenheit schadlos vorüber 
ging, und die kurzen Abtrennungen Greben 
steins und Nordecks, die mit Ludwigs des 
Junkers, beziehungsweise Hermanns Tode (1345, 
bezw. 1369) ihr Ende erreichten. 
Aus dieser Beschaffenheit des hessischen Besitz 
standes ergiebt sich der Verlauf der ersten Ge 
schichte ganz von selbst: Es konnten die Kämpfe 
mit Mainz nicht ausbleiben, das sogar eine
	        

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