Full text: Hessenland (3.1889)

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Mancher hat in seiner Größe 
Sich wohl Wunder was gedacht, 
Doch mit derben Kolbenstoßen 
Wurden sie zurückgebracht. 
Doch dies alles konnt nicht schrecken 
Unsre Schützendeüderschaft, 
Sich mit Ehre zu bedecken, 
Hofften sie noch diese Nacht. 
Doch vergebens war ihr Harren, 
Niemand kam und rief sie ab. 
Daher liefen wie die Narren 
Sie zum Schloß im schnellsten Trab. 
Sieh', in ihren schönsten Kleidern 
Stellte sich die Schützenschaar 
Sammt den allerliebsten Weibern 
Auf dem Platz des Schlosses dar. 
Einer — und gewiß der Beste — 
Frug den dienenden Laquai: 
Wo denn zu dem heutigen Feste 
Der Salon bereitet sei? 
Dieser, der von gar nichts wußte, 
Half sie bald aus ihrem Traum 
Und sprach: „Für so schön geputzte 
Herrn ist überall noch Raum. 
Dort im Wirthshaus, hab ich immer 
Noch von jedermann gehört. 
Giebt es groß und kleine Zimmer, 
Wie man sie vom Wirth begehrt. 
Wollt ihr euch dahin begeben, 
Meine schönen Damen und ihr Herrn, 
So kann ich mein Wort euch geben: 
Dieser Wirth, der sieht euch gern." — 
Wie man sieht, ist das Gedicht nichts weniger als 
ein Meisterwerk der Dichtkunst und nur wegen des 
behandelten Stoffes von Interesse. Das Ereigniß, 
auf welches es sich bezieht, ist wohl die Feier des 
kaiserlichen Geburtstages im Jahre 1810. Schon 
im Jahre zuvor war dieses Fest mit außergewöhn 
lichem Aufwand und Glanz in Kassel begangen worden, 
der aber durch die Pracht der Feier des Jahres 1810 
noch bei weitem übertroffen wurde. Das „Napoleons- 
feft u fand diesmal auf der zu Ehren des Kaisers so 
umgetauften „Napoleonshöhe" statt, wohin nicht nur 
die ganze Bevölkerung der Hauptstadt und ihrer Um 
gebung, sondern auch sehr viele Menschen aus weiter 
entfernten Departements des Königreiches zusammen 
strömten. Für Vergnügung des Publikums war 
durch Schaustellungen und andere Belustigungen jeg 
licher Art reichlich gesorgt. Tausende von Menschen 
erfreuten sich da an dem herrlichen Schauspiel, welches 
die springenden Kaskaden und die übrigen Wasser 
künste gewährten. In dem oberen Theile der Wil 
helmshöher Allee, von Wahlershausen an, standen 
Budenreihen mit Lebensrnitteln und Erfrischungen 
aller Art. Dort waren auch die in dem Gedicht er 
wähnten Kletterbäume aufgestellt, an deren Spitze 
glänzende Preise, bestehend in Uhren, silbernen Löffeln 
u. dgl. die Jugend anlockten. Auch ein Luftballon 
— damals noch eine Seltenheit — wurde steigen 
gelassen. Unser Gedicht gedenkt in der 23. Str. seines 
unglücklichen Schicksales. Er gerielh nämlich in 
Flammen und setzte dazu noch beim Niederfallen ein 
Kornfeld hinter dem alten Treibhause in Brand. Um 
das Feuer zu löschen, ließ man durch Chevauxlegers 
die reifen Aehren niederreiten. — Eine eigenartige 
Huldigung wurde dem Königspaar durch einen 
Schwälmer Brautzug dargebracht, welcher auch einen 
seiner volksthümlichen Tänze vor dem Schlosse auf 
führte. Ein andrer Tanz. an welchem sich alle 
Stände, ja sogar der Hof betheiligten, fand auf der 
Plantage statt. Am Abend war Ball im Schloß, 
zu dem diesmal auch die Offiziere des Kasseler 
Schützenkorps und der Nationalgarde mit ihren Frauen 
eingeladen waren. Auf diese Einladung wird sich 
wohl der Hauptsache nach unser Gedicht gründen. 
Aber leider vermögen wir nicht mitzutheilen, wie es 
sich mit der Enttäuschung, welche die guten Schützen 
erfuhren, verhält; denn die Pointe des Gedichtes 
bildet doch der Umstand, daß die Schützen sich zuletzt 
betreffs der Einladung gefoppt sahen. Prof. Fr. 
Müller, an dessen Werk „Kassel seit siebzig Jahren" 
wir uns auch in der obigen Schilderung gehalten häben, 
gedenkt dieses Umstandes mit keinem Wort und er 
wähnt nur (1. c. I. p. 28.), daß „Me Ehre der Ein 
ladung zum Hofball viele Köpfe verwirrt habe." 
— Vielleicht ist unter den Lesern des „Hessen- 
landes" jemand in der Lage, hierüber, sowie auch 
über Namen und Person des Verfassers des Gedichtes, 
die uns leider ebenfalls unbekannt sind, uns nähere 
Aufschlüsse zu ertheilen. 
Aus Heimach und Fremde. 
Am 2. November fand zu Dresden die Ver 
mählung der Prinzessin Karoline Louise von Ardeck, 
der jüngsten Enkelin des Kurfürsten Friedrich Wil 
helm von Hessen, mit dem Grafen und Edlen Rudolf 
von Lippe-Biesterfeld, erbherrlicher Linie, statt. 
Die Trauung wurde in der Sophienkirche durch den 
Hofprediger Lic. theol. Benz vollzogen.
        

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