Full text: Hessenland (3.1889)

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Auf Napoleonshöh' genossen 
Diesen fünfzehnten August 
Kassels Schützen unverdrossen 
Eine königliche Lust. 
Denn der Maire, brav und bieder, 
Wie es wenig Maires sein, 
Lud gesummte Schützenbrüder 
Zum Napoleonsfeste ein. 
„Unser König giebt euch Allen", 
Sprach er, „auf Napoleonshöh' 
Bloß allein euch zu Gefallen 
Offen Ball und Assembltze. 
Drum erkennt die große Gnade 
Und macht euch durch Putz ihr werth, 
Zeigt, wie ihr im höchsten Grade 
Euren guten König ehrt. 
Laßt euch Uniformen machen, 
Schafft euch seidne Strümpfe an 
Und spart nichts an euren Sachen, 
Was euch Ansehn geben kann. 
Laßt vorzüglich eure Weiber 
Mit Geschmack gekleidet sein, 
Schwarze oder weiße Kleider 
Werden hierzu schicklich sein. 
Sorgt, daß sie im höchsten Glanze, 
Schön wie Frühlingsrosen blühn; 
Denn der König wird zum Tanze 
Huldreich jede Dame ziehn. 
Auch zur Tafel wird der König 
Höchstselbst gegenwärtig sein, 
Und dann werden sie nicht wenig 
Ueber euren Putz sich freun." — 
Kaum war dies im schönsten Bilde 
Unsrer Stadt bekannt gemacht, 
Als die ganze Schützengilde 
War auf ihren Putz bedacht. 
Schmiede, Schuster, Bader, Schneider, 
Putergott und Lobesang (?) 
Schafften alle neue Kleider 
Sich zum großen Feste an. 
Gleich als ob's zum Tode ginge, 
Wurde schlaflos manche Nacht 
Voll Erwartung aller Dinge 
Von den Weibern zugebracht. — 
Endlich kam der längstersehnte, 
Längstgewünschte Augenblick, 
Wo so manches Weibchen wähnte; 
Heute blüht ihr schönstes Glück. 
Eh' die Sonne ihre Kreise 
Um den Erdball konnte drehn, 
Sah man schon zur großen Reise 
Alles fix und fertig stehn. 
Ganz in ihrem Glück versunken 
Trabte alles, groß und klein, 
Von Vergnügen wonnetrunken, 
Lustig nach dem Weißenstein. 
Greise und Matronen wallten 
Keuchend hin in Schritt und Trab, 
Und um Kraft zur Eile schallten 
Seufzer zum allmächt'gen Gott. 
Schützen und die Bürgergarde 
Eilten da im schnellsten Lauf 
Stolz, als wie die Leoparden 
Nach Napoleonshöh hinauf. 
Jeder suchte vor dem andern 
Eifernd immer mehr und mehr 
Mit Gewalt vorbei zu wandern 
Zum Genuß der ersten Ehr'. 
Endlich sind sie angekommen, 
Endlich ist ihr Ziel erreicht, 
Doch wie sie ihr Glück vernommen, 
Seht, wie da ihr Teint sich bleicht. 
Voller Sehnsucht, voll Verlangen, 
Hoffte alles, klein und groß, 
Daß der König sie empfangen 
Werde, in dem schönem Schloß. 
Doch vergebens war ihr Warten, 
Ganz vergebens ihre Müh'; 
Denn der König war im Garten 
Und gedachte nicht an sie. 
Tröstend sprach nun eins zum andern 
„Auf den Abend gehts erst los, 
Laßt solang herum uns wandern! 
Abends gehen wir in's Schloß." 
Alle Wasserkünst' und Bäche, 
Die Fontainen groß und klein 
Sprudelten zur freien Zeche 
Heute lauter Gänsewein. 
Wetterennen, Klettern, Springen, 
Ein verbrannter Luftballon, 
Krönten heut vor allen Dingen 
Dieses Fest Napoleon. 
Durch die große Menschenmenge, 
Die das Schauspiel wollte sehn, 
Wollten sich die Schützen drängen, 
Um als erste da zu stehn.
        

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