Volltext: Hessenland (3.1889)

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ein, wo er 15 Tage blieb, Truchseß in dem Städtchen 
Vacha. 
In diese Tage siel ein Begcbniß, welches an sich 
ungerechtfertigt, kaum aus dem in dieser Landschaft 
seither Vorgefallenen erklärlich, traurige Folgen haben 
sollte. Zwei Schönbergische Reiter kamen in der Nähe 
des an der Werra gelegenen Dorfes Heringen vor 
über, als sie von einem Trupp Bewohner desselben 
angefallen wurden, dem Einen glückte es unter Ver 
lust seines Mantels zu entkommen, während der 
Andere gefaßt und vom Pferde gerissen wurde. Nach 
dem er auf das grausamste mißhandelt worden war, 
beraubte man ihn aller seiner Kleider, hob ihn halb 
todt auf sein Pferd und führte den Unglücklichen be 
gleitet von der tolljubelnden Menge am Ufer der 
Werra hinab, bis man eine tiefe Stelle des Flußes 
erreichte. In diese stürzte man ihn sammt dem 
Rosse. Indessen weckten die Fluth und die Todes 
noth des Forttreibenden Kräfte und, des Schwimmens 
kundig, gelangte er an das andere Ufer der Werra. 
Doch alsbald eilten einige aus dem Haufen nach der 
Brücke von Widdershausen, dem Reiter den Weg ab 
zuschneiden. Als sie ihn wieder eingefangen hatten, 
schleppten sie ihn zur Werra, banden einen schweren 
Stein an seinem Halse fest und stürzten ihn dann 
in den Fluß, der sein Opfer diesmal nicht wieder 
herausgab. 
Es scheint, daß das ganze Dorf sich wie in trunkenem 
Zustande befunden habe, denn nicht Einer muß wohl 
an die Rache gedacht haben, welche unausbleiblich 
vorauszusehen war. Sie folgte der Frevelthat auf 
dem Fuße. Kaum war die Menge zum Dorfe zurück 
gekehrt, so erschien infolge der von dem geflüchteten 
Reiter gemachten Anzeige eine Abtheilung Schön- 
bergischer Reiter vor der Brücke von Heringen. Die 
Männer des Dorfes griffen sofort zu ihren Feuer 
rohren und beschossen die Reiter. Diese sandten in 
dessen, ohne gleich den Kampf aufzunehmen, einen 
Trompeter vor; selbst auf diesen wurde anfänglich 
geschossen und nur mit Mühe gelang es ihm, sich 
Gehör zu verschaffen Er hatte die Auslieferung des 
in den Händen der Bauern gebliebenen Reiters und 
für den Fall, daß letzterer getödet sei, diejenige der 
Thäter zu fordern; es sollte dann dem Dorfe kein 
Leid geschehen. Würden sie aber die Schuldigen nicht 
ausliefern, so stände ihr und des Dorfes Untergang 
bevor. 
Die trotzige Antwort war: nichts gestehen wir 
euch zu, als Kraut und Lot und die Spitze des 
Degens! Nochmals warnten die Reiter und stellten 
in Aussicht, bald stärker wieder zu erscheinen. Auch 
tauchten jetzt in den Köpfen Mehrerer der erregten 
Heringer Gedanken an drohendes Unheil auf, sie 
eilten zum Pfarrhause, wo sie sich sicher wähnten. 
Die Hauptzahl erwartete den Feind. Dieser ließ auch 
nicht lange auf sich warten, und die Reiter drangen 
von allen Seilen in das Dorf ein. Die Bauern 
hatten sich getheilt, ein Haufe vertheidigte den Ueber- 
gang über die Werrabrücke, der andere warf sich 
denen entgegen, welche von oben her das Dorf an 
griffen. Nicht lange blieb dir Kampf der ungeord 
neten undisciplinirten Masse gegen die geübten Kriegs 
männer unentschieden, die Bauern wurden überwältigt, 
warfen die Gewehre weg und suchten sich zu retten. 
Viele wurden niedergeschossen, eine große Zahl ver 
wundet, darunter auch die Frau des Pfarrers, einige, 
darunter der Pfarrer, gefangen gemacht und nach 
Heimboldshausen zum Profoß - Lieutenant des Regi 
mentes gebracht. Das Dorf aber, welches 150 
Männer zählte, wohlhabend und seither von allen 
Kriegsnöthen verschont geblieben war, wurde der 
Plünderung preisgegeben. Die verzweifelnden Be 
wohner vermochten nur mit größter Mühe den 
Obersten Schönberg milder zu stimmen, sodaß er 
seinen Befehl, Heringen niederzubrennen, zurücknahm, 
dafür legte er aber dem Orte eine Brandschatzung 
von 1000 Gulden auf. Es war den Ausgeplünderten 
nicht möglich, diese Summe zusammen zu bringen, 
für welche der Pfarrer mit den anderen Gefangenen 
als Geiseln dienen mußte; erst als der Geistliche 
losgegeben wurde, um das Geld zusammenzuborgen, 
gelang ihm dies. Wie Geier sich nach dem Aase 
ziehen, war zu der Plünderung Heringens durch Schön- 
berg's Reiter — eine Züchtigung für den Mord 
ihres Kameraden — ein Theil des doch nicht be 
theiligten Truchseßischen Regiments herbeigeeilt und 
half rauben. Zeichen der Zuchtlosigkeit, welche der 
Krieg erzeugte. 
So war die vermuthlich von einem Einzelnen 
veranlaßte Missethat grausam gesühnt worden, eine 
Anzahl Unschuldiger mit Schuldigen niedergemetzelt 
und der Wohlstand der Dorfschaft für lange Zeit 
hinaus zerstört worden. Zwei Tage vor dem Ein 
treffen des Schönbergischen Regimentes war das 
Schmitt'sche in Heringen einquartiert gewesen, mancher 
Bauer mußte 20—30 Mann in seinem Hause auf 
nehmen und hatte, der neuen Last ungewohnt, sie als 
sehr drückend empfunden, obwohl die fremden Krieger 
Niemanden etwas zu leide gethan hatten, soweit die 
Aufzeichnung über diese Tage Kunde giebt. 
Die Begebenheit spiegelt in engem Rahmen ein 
Bild wieder, welches die Entwickelung des großen 
Krieges zu seiner Furchtbarkeit darstellt. v. St. 
Das Napoleonsfest. Vor einiger Zeit wurde 
uns ein den obigen Titel tragendes Spottgedicht aus 
der Westphälischen Zeit mitgetheilt, welches vielleicht 
für manchen Leser des „Hessenlandes« nicht un 
interessant ^ist. Soviel wir wissen, ist dasselbe noch 
nicht gedruckt, wir lassen es also nach einer alten 
Abschrift hier wörtlich folgen.
        

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