Full text: Hessenland (3.1889)

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Teufel und seiner Großmutter aus einem Napfe 
essen, wie ich das aber hörte, da standen mir die 
Haare bolzenstrack in die Höhe und ich lief, 
als ob 66 Stück Eisbären hinter mir her wären. 
Seh'n Se, das war Ihnen der ewige Jude, sonst 
hätte er nicht vor 400 Jahren bei dem Pfarrer 
Erbswurst essen können. Nachher erzählten sie 
in Hersfeld, sie hätten ihn da auch gesehen, er 
habe bei dem Jude Dellevie geschnorrt. 
An die Geschichte will ich mein Lebtage denken. 
Am besten hat mir in Breslau, Residenzstadt 
Schlesingen, der Taback geschmeckt. Der kommt 
mehrstentheils von Ohlau her aus dem Türken 
land, das nicht weit hinter Schlesingen liegt und 
wo man den besten Taback baut. Das Pfund 
kostete eine Mise (2 albus) das heißt auf polnisch 
„2 Böhm". Der ist mir lieber, wie hier unser 
rother A. B. Wenn ich den rauche und in die 
Lahn spucke, dann krepiren die Fische davon. 
In Breslau ist auch 'ne Uneverschetaet, wo viele 
vornehme Herrn studiren. Die geh'n viel ins 
Wirthshaus und können saufen, wie die Haiducken 
und, was ein richtiger Senior ist, der frißt dann 
auch noch das Branntweinglas mit hinunter. 
Die Uneverschetät steht unter dem Herrn Bischoff. 
Der konnte mich besonders gut leiden, denn ihm 
ging nichts über einen guten Tambour. Darum 
hatte er sich an unsern Herrn Oberstleutnant ge 
wendet, daß ich ihm zweimal die Woche die 
Trommel in seinem Quartier schlagen durfte. 
Ich mußte es immer thun, wann er an seiner 
Predigt schrieb und hat er da manchmal zu mir 
gesprochen: „Braun, Sie schlagen mir die Predigt 
aus dem Kopfe, da ist Kraft drin, wenn's noch 
so fest sitzt, Sie schlagen's mir heraus." Ich muß 
sagen, ein gemeiner Mann war der Herr Bischoff 
nicht, er that mich gut bezahlen, und die Jungfer 
Köchin, die auch ihre Freude an meinem Trommeln 
hatte, hat mir manchen guten Bissen in den 
Tschacko gesteckt. Der Herr Bischoff verstand was 
Aus alter und neuer Zeit. 
Aus dem 30jährigen Kriege. Fünf Jahre 
waren vergangen, seit aus Deutschlands Boden der 
große Krieg entfesselt worden war, der nach und 
nach immer weitere Kreise mit seinen Schreckniffen 
erfüllte. Noch halte das hessische Land bis dahin 
diese nicht zu erleiden gehabt, obwohl verschiedene 
Durchzüge schon einen Vorgeschmack dessen gewährt 
hatten, was dem Lande bevorstehe, wenn cs in den 
Krieg eintreten würde. Sein Fürst, Landgraf Moritz, 
hatte sich dem Kaiser nicht als Anhänger gezeigt, 
doch auch, da seine Landstände ihm die Mittel zur 
vom Trommeten, dem werden, wenn er noch lebt, 
die neumodigen niedrigen Trommeln, die wie 
Kastrollen aussehen, auch nicht gefallen. Die 
klingen ja, als wenn man mit 'nen hölzernen 
Kochlöffel auf 'nen todten Juden schlägt. Wenn 
der sich jetzt mit so'ner Trommel die Predigt aus 
dem Kopfe schlagen läßt, dann wird se auch der- 
nach sein." 
Hier enden die Aufzeichnungen Wendelstadts. 
Braun wurde in den fünfziger Jahren als Tam 
bour in das Jnvalidenhaus zu Karlshafen auf- 
genomnien und hat hier bis zu dessen im Jahre 
1866 erfolgter Auflösung allabendlich mit derselben 
Begeisterung wie in Marburg den Zapfenstreich 
getrommelt. In Karlshafen sah Wendelstadl nach 
vielen Jahren seinen alten Wichsier einmal wieder, 
worüber er Folgendes erzählte. 
„Ich war dort in den sechziger Jahren in 
Dienstgeschäften anwesend und ließ mir meinen 
alten Freund in das Gasthaus, in welchem ich 
abgestiegen war, rufen. Obgleich er mich 
nicht wieder erkannte, nahm er doch meine Ein 
ladung zum Essen und einer Flasche Wein ohne 
Umstände an und erzählte auf mein Befragen, 
wie es ihm jetzt ginge, immer noch, ohne mich zu 
erkennen, aus seinem früheren Leben und von 
einen jetzigen Verhältnissen. Als. ich ihn aber 
an einige specielle mit ihm erlebte Marburger 
Geschichten erinnerte, sprang er auf und rief voller 
Freude „Gott verdamm mich, ich glaube, es ist 
das Luder der Wendelstadt." 
Nach einer mir gemachten Mittheilung hat der 
brave alte Soldat nach 1866 bei einem seiner 
Söhne erst in Dortmund und zuletzt in Hamburg 
gelebt, und ist dort erst vor wenigen Jahren ge 
storben. 
Mit ihm ist ein Original dahingegangen, welches 
in auch nur ähnlicher Weise in der jetzt alles 
nivellirenden Welt niemals wiederkehren wird. 
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Rüstung nur widerstreben d und stückweise gewährten, 
nicht in offener Feindschaft gegen das Reichsoberhaupt 
sein Banner erhoben. Tilly bat im Februar 1623 
den Landgrafen um freien Durchzug für sein Heer, 
die Verhandlungen mit ihm blieben ohne Ergebniß 
und mit dem Anfange des Monats Mai brachen die 
ligistischen Heersäulen von der Wetterau her in Hessen 
ein. Der Bischof von Würzburg hatte auch vier Re 
gimenter zu dem Heere geworben, welche von den 
Obersten Schmitt, von Truchseß, von Gronsfcld und 
von Schönberg befehligt wurden; sie rückten am Sonn 
abend vor Pfingsten in Hessen ein, zu welchem Zeit 
punkte Tilly bereits Hersfeld besetzt hatte. Schönberg 
lagerte sich im Kloster Kreuzberg (jetzt Philippsthal)
	        

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