Full text: Hessenland (3.1889)

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fehlen ? Ja Wohl, Braun, sagte der Herr Haupt 
mann, geh' hin und hole mir ein halb Kännchen 
und einen frischen Wecke. Das holt' ich in vollem 
Pleng Karree und wie ich wieder kam, schurri — 
stach mir der Herr Hauptmann einen hinter die 
Ohren und sagte „verdammter Schweinepelz, wie 
kannst du mir den Wecke in deiner schmutzigen 
Lausekappe bringen." Zu befehlen, Herr Haupt 
mann, sagte ich, meine Kappe ist so rein, da 
kann'mer Pfannkuchen drin backen. 
Das Königlich Preußische Milletär war auf 
der Route nach Breslau, Residenzstadt Schlesingen 
in Polen drein, und weil der Herr Hauptmann 
und die ganze Mannschaft so freundlich mit mir 
gethan, so machte ich mit. Das was aber ein 
mordmäßig kalter Winter. Schon in Eisenach 
hatte ich Nase und Ohren erfroren, daß sie rap 
pelten wie altes Eisen, und in Bunzlau war mir 
an einem Fuß der kleine Zehen ganz abgefroren 
und im Stiefel stecken geblieben. Der ist aber auch 
wieder angewachsen. Ja, da brauchen Sie nicht zu 
lachen, da können Sie noch jetzt alle Leute in 
Bunzlau fragen; fangen sie nur vom Tambour 
Braun an. Das kam aber von der Bärenwurzel, 
die ich brauchte. Die thun Sie nur immer in Ihren 
Branntwein, denn die verstärket die Natur und 
ist vor alle Schäden gut. 
In Breslau wurde ich Tambour bei dem König 
lich Preußischen 32. Jnf.-Regiment, 3. Kompagnie, 
Hauptmann von Ramplitzki. 
Sie meinen wohl, Herr Wendelstadt, die Trom 
mel wäre leicht zu lernen? Das glauben Sie aber 
ja nicht! Das ist ein ludermäßiges Instrument, 
die hat 9 lebendige Teufel im Leibe, da muß 
man den Verstand im Handgelenke haben, denn 
da sitzt alles drin, zuletzt müssen die Finger nach 
den Trommelstöcken stehen. Hier in Marburg 
giebt's gewiß viele gescheidte Professoren, aber 
wenn sie die Trommel lernen wollten, da sollte 
es was Schönes geben, da flögen gewiß die 
Trommelstöcke in der Luft herum wie die Spatzen. 
Ich habe aber 'neu lernschen Kopp und hatte 
es bald gelernt. Wenn ich in Breslau vor der 
Kumpanie herging und mir das Herze so 
recht nach dem Schlagen stand, da rissen sie alle 
Fenster aus, abartig die Frauenzimmer. Da hieß 
es dann „das ist ein alerter Mensch, der schlägt 
die Trommel, daß einem das Herze im Leibe lacht." 
Die Frauenzimmer dorten sind meist schwarz 
wie der Teufel, und haben Augen im Koppe wie 
ein Schandarm, sie binden galante Locken vor, 
haben weise Striffel uni den Hals und kapeziener- 
rothe Kleider an. Das ist ein Zierrath ! 
Ich hatte in Breslau eine Liebste, die konnte 
tanzen, das war eine wahre Rarctät. Wann ich 
mit ihr tanzte, wars meinen Kummeraden allemal 
ein Stich ins Herze, die that mir keiner gönnen, 
vorablich ein Pfeifer nicht von unserer Kumpanie. 
Vor den Pfeifern müssen Sie sich wahren, Herr 
Wettdelstadt, das sind ale schlechte Kerls, die 
haben den Teufel im Leibe. 
Der Pfeifer hatte einen höllischen Hassard auf 
mich und schnitt immer ein Gesichte, wie ein 
Chausseegelderheber, und zuletzt hat er mich um 
meine' Liebste gebracht. Das hat mich schwer 
schackenirt und mir bald das Herze abgestoßen. 
Allemal wann mir der Pfeifer begegnete, stieg 
Gift und Galle in mir auf und mußte ich ein 
Kännchen trinken, ums 'nunterzudrücken, sonst 
hätt's ein Unglück gegeben. Aber seit der Zeit 
schlug ich die Trommel noch einmal so gut, weil 
ich daran mein ganzes Gift auslasten that. 
In Breslau sprechen die Leute polnisch, das - 
ist aber leicht zu lernen, leichter wie das Trom 
meten, und Se mögen's glauben oder nitt, das 
sprechen da schon die kleinen Kinner. Ich hab's 
gleich gelernt und kann es noch sprechen. Wenn 
wer ins Wirthshaus kommt, sagt mer „schen 
Dower" das heißt guten Abend, dann „Wotki, 
das heißt Schnaps und wenn mer weggeht, sagt 
mer „Dower notsch" das heißt gute Nacht. Seh'n 
Se, das ist polnisch. 
Sehr ecklich viele Juden giebts da und die sehen 
gar närrisch aus, sie tragen einen langen Tralar, 
haben einen struppigen, langen Bart und das 
Haar hängt ihnen in langen Strähnen um den 
Kopf, hinter den Ohren haben sie Locken. Gerade 
so sieht der ewige Jude aus, den ich nachher mal 
gesehen habe, wie ich in Hersfeld in Garnison 
lag. Ich kam mal an 'nem Sonntag, als es 
schon Dämmerung war, von Friedewald her an 
ein altes Gemäuerze, welches neben der Straße 
im Wald liegt. Das war einmal eine Kirche 
und darum herum lag ein Dorf, das aber schon 
vor 400' Jahren im Kriege verdemolirt ist und 
von dem nichts mehr zu sehen ist, als das alte 
Kirchengemäuerze. Wie ich mir das angucke, 
kommt auf einmal so ein himmellanger polnischer 
Jude mit einem zwei Fuß langen schneeweißen 
Bart und einem ganz verrungenirten Hut auf 
dem Kopfe auf mich zu und guckt mich mit seinen 
Augen an, als wenn zwei Bankenetter auf ein 
mal auf mich eingingen. Ich bot ihm die Zeit 
und wollte machen, daß ich wegkam, da rief er 
mich aber mit einer gruseligen Stimme an „He, 
Tambour, liegt denn nicht hier ein Dorf, das 
sich Giesel schreibt?" Als ich ihm sagte, daß davon 
seit 400 Jahren nichts mehr übrig sei, als dies 
alte Gemäuerze, war er sehr verwundert und 
brummte in den Bart „wie ich zuletzt hier war, 
da stand das Dorf noch und habe ich bei dem 
Herrn Pfarrer eine Erbsensuppe gegessen." Sie 
wissen, Herr Wendelstadt, daß ich mich vor 9 
lebendigen Teufeln nicht fürchte, ich will mit dem
        

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