Full text: Hessenland (3.1889)

332 — 
Braun war gegen Ende der dreißiger Jahre 
nach mehr als 20jähriger Dienstzeit, zuletzt bei 
dem 3. Jnf.-Regiment in Hanau, nach Marburg 
als einziger Tambour zu der dort für die Be- 
wachungderEisengefangenenbestimmtenJnvaliden- 
abtheilung gekommen. Hier beschränkte sich sein 
Dienst, außer seiner nur selten vorkommenden Ver 
wendung zur Ordonnanz des Stadtkommandanten, 
auf das allabendliche Schlagen des Zapfenstreichs, 
und war ihm, da er im Besitze einer sehr zahl 
reichen Nachkommenschaft war, ebenso, wie seinen 
im Dienst altgewordenen Kameraden gestattet, 
sich den nöthigen Nebenverdienst als Stiefelwichser 
der Studenten zu erwerben. Als solcher war er 
sehr beliebt und gesucht, nicht, wie sich aus dem 
Folgenden ergeben wird, wegen seiner Schlauheit 
und Gewandtheit, wohl aber wegen seiner Zu 
verlässigkeit, Pünktlichkeit und Propretät, bei 
welcher immer der alte Soldat erkennbar war. 
Auch in seiner äußeren Haltung zeigte er sich 
als solchen, wenn diese auch in seinen vor 
gerückten Jahren bei seiner kleinen Statur oft 
einen etwas komischen Eindruck machte. Zufällig 
warlch einnml Zeuge davon, wie sein militärischer 
Sinn mit seiner Beschäftigung als Stiefelwichser 
in Collision gerathen war. Ich war eines Mor 
gens bei Wendelstadt, als der als Dichter und 
Mineralog bekannte Philipp Braun, damals 
Lieutenant bei der Marburger Garnisonskompagnie 
zu jenem zu Besuch kam. Wir begleiteten ihn 
bei seinem Weggehen auf den Gang und bemerkten 
hier an der Tapetenwand einen großen Fettflecken. 
Braun, darüber zur Rede gestellt, erklärte, der 
Herr Lieutenant sei gekommen, als er gerade sein 
Butterbrod in der Hand gehabt, und habe er 
dieses nur dadurch aus der Hand bringen können, 
um diese an die Hosennath zu legen und Possentur 
zu machen, daß er es hinter sich an die Wand 
geklebt habe. In seiner Eigenschaft als Tambour 
hatte er immer große Anerkennung gefunden, er 
war aber auch so stolz auf seine Kunst und sein 
Instrument, wie es nur der größte Geigenvirtnos 
sein konnte. Mit der größten Entrüstung erzählte 
er, daß ihn einmal eine Frau habe engagiren 
wollen, in ihrem Keller eine Zeit lang zu trom 
meln, um die Ratten daraus zu vertreiben, der 
habe er aber gesagt, zu so was sei ein kurfürst 
liches Instrument nicht da. Die bekannteste der 
vielen von ihm erzählten Geschichten ist die von 
dem verlorenen Brief. Eines Tages war er an 
der Postschalter mit den Worten erschienen „Hier 
habe ich einen Brief vom Herrn General", der 
Brief war aber nicht da und von ihm unterwegs 
verloren worden. Als er dann zurückgegangen, 
und unter Klagen, daß er einen Brief verloren, 
auf der Straße danach gesucht, war ein Mädchen 
mit einem Brief in der Hand zu ihm getreten 
und hatte gesagt, sie habe einen Brief gefunden; 
Braun wies sie aber mit den Worten ab „ja 
Mädchen, dann passen mer nit zusammen, ich 
habe einen verloren." 
Von den Erlebnissen Wendelstadts mit Braun, 
seien folgende erwähnt. Er erzählte: Ich hatte 
einmal ausnahmsweise zwei paar Stiefel an einem 
Tage gebraucht' und diese zum Putzen vor die 
Thüre gestellt. Da kam am andern Morgen 
Braun ganz aufgeregt mit einem Paar vor mein 
Bett und sagte „Sehen Sie mal, was Sie da für 
sonderbare Stiefeln haben, die passen gar nicht 
zusammen, die sind ja alle beide links geschäftet 
und die andern draußen passen auch nicht zu 
sammen, die sind beide rechts geschäftet." Eines 
Abends hatte ich etwas lange irgendwo mit 
Freunden übergekneipt und einen derselben, der 
den Heimweg nicht gut finden konnte, mit in 
meine Wohnung genommen und in mein Bett 
gelegt, mir selbst aber ein Lager auf dem Sopha 
bereitet. Am andern Morgen war Braun zuerst 
in die Schlafstube gekommen; hatte aber aufseine 
gewöhnliche Begrüßung „Guten Morgen Herr 
Wendelstadt" keine Antwort erhalten und war 
bald darauf in mein Wohnzimmer getreten. Als 
er mich hier auf dem Sopha liegend fand, ließ 
er vor Schrecken die Stiefeln, die er in der Hand 
trug, zur Erde fallen und rief ganz entsetzt aus 
„Herr Gott, Herr Wendelstadt, da liegen Sie ja 
noch einmal." 
Im Anschluß hieran theilen wir nun in Folgendem 
mit, in welcher Weise Braun seiner Zeit Wendel 
stadt nach dessen Aufzeichnungen Mittheilungen 
aus seiner ersten Lebensperiode gemacht hat. 
„Ich bin von Hersfeld gebürtig. Meine Mutter 
war ein schönes Frauenzimmer und merkwürdig 
ausgeziert, ich bin ganz auf sie geartet mit der 
Possentur und dem majestätischen Blick, wo ich 
hingucke, da weiß ich gleich, wie viel Uhr daß es ist. 
Ja wie konnte ich denn auch auf meinen Vater 
arten, den habe ich ja gar nicht gekannt und 
weiß gar nicht, wer es gewesen ist. Ich hatte v 
immer ein abartiges Plaisir an dem Milletär- 
stand, der lag mir scharf in den Knochen, ich 
glaube, ich bin mit der Trommel und dem Tor 
nister auf die Welt gekommen. 
In der Schule bin ich nicht lange gewesen, 
von wegen der Gescheidtigkeit. Der Herr Rektor 
Beisheim, Gott hab'en selig, hat gar manchmal 
einen ludermäßigen Zappenstreich auf mir herum 
getrommelt. Zuletzt hatte ichs dicke, dachte „krieg 
du die Kränk" und ransonirte mich zur Kappel 
gasse hinaus. Wie ich aufs Markt komme, steht 
da Königlich Preußisches Milletair, das aus dem 
Krieg gegen Frankreich zurückkam, vor der Haupt 
wache und ich gleich hin, Possentur gemacht und 
frage „haben der Herr Hanptmann was zu be
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.