Full text: Hessenland (3.1889)

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richtungen verbessert worden. Die Unterhaltungs 
kosten sind bisher aus der Kriegskasse zugeflossen. 
Wie es mit der Hessen-Kasselschen Alterthümer- 
Gesellschaft gehalten werden, wird, darüber ist 
noch nichts entschieden. Seit der politischen Ver 
änderung ist weiter keine Sitzung gehalten worden. 
Die seit 1765 in Kassel bestehende Gesellschaft 
des Ackerbaues und der Künste, dauert ununter 
brochen fort. 
Das Observatorium ist ganz verschont geblieben. 
Buchhandlungen sind gegenwärtig die von 
Griesbach und die von Krieger. Letzterer lebt 
in Marburg, wo er, so wie in Herborn und 
Gießen, ebenfalls eine Buchhandlung hat. Beide 
klagen erbärmlich über die jetzigen Zeiten. 
Von anderen hessischen Orten, die ich nicht be 
suchen konnte, habe ich mir Folgendes berichten 
lassen: 
Karls Hafen, ist ein gegen Ende des sieben 
zehnten Jahrhunderts erbautes Städtchen; es liegt 
an der Weser, bequem zur Handlung und Schiff 
fahrt. Seit ungefähr achtzig Jahren ist daselbst 
für herrschaftliche Rechnung ein Blaufarbewerk 
angelegt worden, welches unter der gegenwärtigen 
Leitung des Herrn Inspektors Bernstein, einen 
größeren Grad der Vollkommenheit erreicht hat. 
Ein Salzwerk. Hier wird auch Cideressig gebraut. 
Allendorf, hat ein berühmtes Salzwerk, 
dessen jährlicher Ertrag sich auf 30,000 Rthlr. 
belaufen soll. 
Groß-Almerode. Hier werden die welt 
berühmten hessischen Schmelztiegel verfertigt. Sie 
sind bis China verfahren worden. Thönerne 
Tabackspfeifen. Knicker oder Schüsser von Thon; 
Man hat sich derselben auch zum Kartätschenschießen 
bedient. Vitriol- und Alaunwerke. 
Hessische Ballen oder Rollen sind ein bekanntes 
grobes Linnen. Kaufleute kaufen es auf von den 
im Lande zerstreuten Leinwebern, und handeln 
dann im Großen damit. Gegenwärtig sind es 
vornämlich die Kaufleute Riemann in Lichtenau, 
Schröder in Spangenberg, Lappe in Rotenburg, 
und Scholl in Melsungen. 
(Wird später fortgesetzt.) 
Tambour 
kaun. 
Nach hinterlassenen Aufzeichnungen des Geheimen Regierungs-Raths Eduard Wendelstadt. 
Von W. Rogge-Ludwig. 
Gewiß hat es. in den dreißiger und vierziger 
Jahren in Marburg keinen Studenten gegeben, 
der nicht den Tambour Braun gekannt und von 
den vielen ihm nacherzählten urkomischen Ge 
schichten gehört hätte. Jetzt ist aber die Zahl 
derer, die sie noch mit erlebt haben, schon eine 
sehr geringe geworden und nun auch deren bester 
Kenner und beliebtester Erzähler mit dem Ge 
heimen Regierungs-Rath Wendelstadt aus dem 
Leben geschieden. Kein anderer Student hatte 
aber auch mit dem in seiner Doppeleigenschaft 
als Tambour und Studentenstiefelwichser so ori 
ginellen Menschen in näherem Verkehr gestanden, 
als der mit so vielem Humor begabte Studiosus 
Wendelstadt, der auch Pathe eines seiner Kinder 
geworden war, und wie oft hat er seine Freunde 
mit der Erzählung seiner mit Braun selbst er 
lebten Geschichten erfreut! Ihm stand dabei der 
bei den hier folgenden Mittheilungen schwer zu 
entbehrende Vorzug zur Seite, daß ihm, wie 
keinem anderen die Kenntniß des Dialekts seines 
Hersfelder Landsmanns und die Nachahmung 
seiner Sprechweise, die hier nur angedeutet werden 
können, zu Gebote standen. 
Vor nun bald fünfzig Jahren wohnte ich mit 
meinem Studiengenossen Wendelstadt in Marburg 
in einem Hauseund war hier häufig Zeuge von dessen 
Verkehr mit seinem Wichsior, namentlich auch, wenn 
dieser Sonntags Morgens auf die durch Ver 
leihung eines Butterbrots und eines Schnapses 
gestützte Aufforderung die Geschichte seines Lebens 
erzählte. Wendelstadt hat sie in späteren 
Jahren, gestützt auf alsbald gemachte Notizen, 
niederzuschreiben begonnen, aber leider unvollendet 
gelassen. Diese mir von ihm seiner Zeit zur 
Benutzung überlassenen Aufzeichnungen beschränken 
sich auf die erste militärische Dienstzeit Brauns 
in Breslau in einem preußischen Infanterie-Re 
giment, und mußten leider meine Bitten um Fort 
setzung von Wendelstadt wegen seiner überhäuften 
Dienstgeschäfte und seiner dann beginüenden 
Kränklichkeit unerfüllt bleiben. Die Mittheilung 
dieses Bruchstückes möchte aber doch wohl den 
vielen Freunden Wendelstadts und namentlich 
allen, welche den alten Tambour noch gekannt 
haben um deswillen willkommen sein, weil ihnen 
darin schon der ganze Mann, wie er noch in 
ihrer Erinnerung lebt, wieder lebhaft vor Augen 
tritt. 
Zuvor wird es aber nöthig sein, für diejenigen, 
welche ihn nicht mehr gekannt haben, einiges zu 
seiner Charakteristik mitzutheilen.
	        

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