Full text: Hessenland (3.1889)

329 
Vöhl, Wolfhagen, Zierenberg und Jmmenhausen 
schon auf sächsisch-westfälischer Erde liegen. 
Dann springt die Sprachgrenze fast recht 
winklig um und läuft im Osten auf der Wasser 
scheide zwischen Fulda und Werra, also daß die 
Kreise Eschwege und Witzenhausen zum größten 
Theil, sowie die Umgegend von Sontra dem 
thüringischen Sprachgebiete schon anheimfallen. 
Von dem hohen Rhöngebirge sodann läuft 
unsere Sprachgrenze, der Wasserscheide zwischen 
Rhein und Weser folgend, zum Vogelsberg 
hinüber, dessen Nordabhang allein hessisch ist. 
Dann aber wird es schwierig weiterhin die 
Grenze vom Taufstein bis nach dem Ederkopfe hin 
zu ziehen; doch wird eine Linie über Laubach, 
Grünberg, Lollar und Gladenbach nicht allzu 
viel Abweichendes enthalten. Denn in die Thäler 
der Wohra, Ohm und oberen Lahn bis zur 
Einmündung der Salzböde sind die Chatten 
schon früh eingedrungen und haben diese Gegen 
den völlig und dicht besiedelt. 
Wir haben damit als Umfang des Hessen 
landes außer dieser Ausbuchtung in das Fluß 
gebiet der Lahn abgeschlossen vor uns das Gebiet 
der althessischen Flüsse Fulda, Edder und Schwalm 
und weiter nichts. Die alte Gaueintheilung also ge 
nügt nicht völlig dafür, da außer dem oberen 
Lahngau und dem Hessengau noch Grenzgebiete 
des Grabfeldes und der Wettereiba einbezogen 
werden müssen. 
Dieses unser Hessenland ist auch höchst wahr 
scheinlich fast völlig unverändert das alte Chatten 
land gewesen, wenn sich auch nicht läugnen läßt, 
daß in den politisch strittigen Grenzgebieten des 
sogenannten sächsischen Hessengaues, in den unteren 
Werragegenden und im Gaue Wettereiba die 
Chatten sich in größerer Anzahl niederließen und 
ansiedelten. Doch vermochten dieselben nur mehr 
oder minder deutliche Spuren in der dortigen 
Bevölkerung und Sprache zurückzulassen. Die 
große Wanderstraße der Chatten aber geht nach 
dem Zerfall des Römerreiches und Durchbrechen 
des limes Romanus südwestlich, Lahnabwärts 
und Moselaufwärts bis an die deutsch-fran 
zösische Sprachgrenze, wie unser Landsmann 
Arnold in seinen „Siedlungen und Wanderungen" 
so glänzend gezeigt hat. Sind wir also vollauf 
berechtigt, dort chattisch stark gemischte und von 
uns sprachlich beeinflußte Franken anzunehmen, 
also daß die Nassauer unsere nächsten Vettern 
sind trotz sprachlicher und geschichtlicher Unter 
schiede, so ist all jenes Gebiet doch kein reines 
Chattenland. 
Dasselbe lag und liegt da/ wo noch heute der 
Begriff „Hessenland" in Sprache und Volksthum 
sich unverfälscht verwirklicht: nicht in dem 
fälschlich „Hessen" genannten Großherzogthum, 
sondern im Königlich Preußischen Regierungs 
bezirk Kassel der Provinz Hessen-Nassau. 
Vergleichen wir nun noch kurz das politische 
Gebilde dieses Bezirkes mit dem volfsthümlichen 
Begriffe „Hessenland", so ergeben sich folgende 
Abweichungen: 
Fünf Theile des Hessenlandes sind im Laufe 
der Zeit abhanden gekommen und unterstehen 
deshalb heute nicht mehr der König!. Regierung 
zu Kassel: 
1. Der größere, südliche Theil des fürstlich 
Waldeck'schen Ederkreises; doch stand derselbe 
einst im engsten Lehnsverbande zu Hessen und 
gehört heute noch militärisch zum 3. Hessischen 
Infanterie-Regiment von Wittich. 
2. Die Gegend um Landwehrhagen und gegen 
über von Münden, womit 1252 die braun 
schweigische Hilfe erkauft wurde. 
3. Der Nordabhang des Vogelsberges mit 
Grünberg, Alsfeld und Lauterbach. Dieses 
Gebiet ist seit 1604 darmstädtisch, militärisch 
aber heute dem XI. Armee-Korps angegliedert. 
4. Das Hinterland mit Battenberg, Bieden 
kopf und Gladenbach, das von 1647—1866 
darmstädtisch war, jetzt aber zum Regierungs- 
Bezirk Wiesbaden und im Gerichtsstände nach 
Marburg gehört, 
und 5. das Gebiet des Ederkopfes, die Graf 
schaft Wittgenstein, jetzt zum Regierungs-Bezirke 
Arnsberg gehörig, dessen Söhne auch im XI. 
Armee-Korps dienen. 
Gegenüber diesen fünf Verlusten gehören an 
derer Seits eben so viele Theile des Regierungs 
bezirkes Kassel nicht zum Hessenlande: 
1. Der Kreis Rinteln, der seit fast 250 Jahren 
politisch mit Hessen vereinigt ist. Es ist die 
halbe Grafschaft Schaumburg und liegt auf 
niedersächsischem Boden, sodaß einem dortigen 
Zweigverein das Volksthum des Landes und 
seine Geschichte am besten zufallen würde. 
2. Die Kreise Hofgeismar und Wolfhagen 
(außer Naumburg) sind westfälisch, bilden aber 
seit alter Zeit bis zum Reinhardswald hin den 
sächsischen Hessengau und tragen seit 642 Jahren 
mit Hessen Freud und Leid. Ebenso 
3. Die Landschaft an der Werra: Die Kreise 
Witzenhausen und Eschwege nebst Sontra, welche 
thüringischen Ursprungs sind. 
4. Im Kreise Schmalkalden, ebenfalls thü 
ringischer Sprache angehörig, ist Platz für einen 
Henneberger Zweigverein, da trotz 500jähriger 
Beziehungen erst 1583 der volle hessische Besitz 
dort eintrat. 
5. Das Fürstenthum Hanau, zu dem später die 
Reichsstadt Gelnhausen hinzutrat, kam erst 1736 
durch Erbschaft an Hessen-Kassel, blieb aber bis 
1816 völlig getrennt und selbstständig in der
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.