Full text: Hessenland (3.1889)

328 
suchen. Diese konnten gehörtes 6ha6h-tu3 nur 
mit -tt wiedergeben. Jene Lautgruppen „6h +1" 
wurden aber regelrecht (wie viele Beispiele be 
weisen) zu Doppel-s (83) im Germanischen. 
Ja, verehrte Anwesende, mit dem ausnahms 
losen Gesetze vom der Lautverschiebung (mechanisch 
plump als tam-taw gefaßt) kommt man heute 
als Germanist nicht mehr aus. Da gilt es 
lautphysiologisch von Fall zu Fall zu entscheiden 
und Laien sollten in diesen schwierigen Fragen 
ihre Finger davon lassen, wollen sie nicht alles 
roh verwirren und großes Unheil anrichten. 
Die kurzen Andeutungen MüllenhoffS waren 
für die Wissenschaft genügend, doch hat nun 
1879 darauf fußend Kögel in Paul und Braunes 
Beiträgen zur Geschichte der deutschen Sprache 
Bd. VII L. 170 ff., besonders S. 178 unter 
16 und S. 197 in „Ueber einige germanische 
Denlalverbindungen" die Frage von neuem unter 
sucht und in breiterer Beweisführung erledigt: 
Er findet folgendes: Allen germanischen Worten 
mit „88" liegt im zweiten 8 die Bildung niit 
ta, ti oder tu zu Grunde, die stets auf der 
Endung den Hochton trug, und das erste 8 war 
ursprünglich stets ein Dentallaut. Althochdeutsch 
Bassi, Hassio ist identisch mit 6hattÜ8 beiTacitus. 
Grundform: haäh-tao — das erste t ist assi- 
milirt mit 6 oder 6h, eben weil die Endsilbe 
=tas hochbetont war. Jedoch ist die spätere Ent 
wicklung zu„88" frei von dem Tongesetz darzustellen 
und sie war um das Jahr 600 schon abge 
schlossen, sodaß die zweite, hochdeutsche Lautver 
schiebung an „88" nichts mehr ändern konnte. 
Wer also sehen und hören will, für den ist 
Ohattüo gleich Hesse. Freilich gelang dieser 
Beweis erst der Wissenschaft unserer Tage. Wer 
auf Grimm's Standpunkt eigensinnig stehen bleibt, 
kann hier nicht folgen. Denn die Wissenschaft 
ist eine lebendige Mackt, bei ihr ist mehr denn 
irgendwo ein Haltmachen schon nach kurzer Zeit 
ein Rückschritt oder Verfall. Nur der ist ein 
wahrer Schüler Grimm's, des Begründers der 
Germanistik, der auf ihm fußend, über ihn 
hinausgeht: Jacob Grimm selbst würde die 
jenigen arg belacht und abgewiesen haben, die, 
weil sie ihn einst hörten, jetzt noch wissen 
schaftlich bei ihm stehen bleiben und auf des 
Meisters Worte schwören. 
Doch zur Sache und verzeihen Sie, verehrte 
Anwesende, den bisherigen trockenen Ton, der 
sich in der Beweisführung kaum vermeiden ließ. 
Chattus erscheint also Laut für Laut 
gesetzmäßig entwickelt und dauert 
fort in Hesse! 
Wo liegt aber nun das Hessenland? 
Auf diese Frage kann uns allein wieder die 
Sprachwissenschaft, im Einzelnen die mit Hilfe 
der Lautphysiologic neu aufblühende mundartliche 
Forschung, Aufschluß geben. Und da reat fick 
zur Zeit rühriges Streben auf allen Gebieten, 
und auch hier kann Bausteine ein Jeder herbei 
tragen, wen» auch das Amt des Werkführers 
und Baumeisters technisch gelernt sein will. Zur 
Beihilfe aber möchte man alle Hessen auffordern 
und anspornen. 
Der Wencker'sche Sprach-Atlas von Mittel 
und Norddeutschland , der leider mit Lieferung I 
aufhörte, soll mit Beginn des Jahres 1890 neu 
und gesichert bis zu Ende in anderer Form er 
scheinen; er giebt bis in's kleinste im Karten 
bilde deutlich den heutigen Lautstand wieder, so 
daß für jeden in Zukunft ein Nachprüfen leicht 
sein wird und ein Bild unseres Hessenlandes 
unschwer zu umgrenzen ist. 
Daneben aber beginnt Dr. Bremer in Halle 
eine Sammlung von Grammatiken einzelner Orts 
dialekte auf phonetischer Grundlage: Eine Dar 
stellung der Hersfelder Mundart ist schon voll 
endet, eine solche der Gudensberger ist in An 
griff genommen und hoffentlich finde ich bald 
Zeit zu einer Kasseler Grammatik. Auch hier 
kann jeder helfen durch Beiträge, zuerst durch 
Sammeln von Wortschatz und' stehenden Rede 
wendungen und dann durch Berichtigung von 
Tonfall und Klangfarbe. Ehe alle diese Vor 
arbeiten beendet sind, hat es mit einem ernst 
haften Wörterbuch der hessischen Mundart noch 
gute Wege. 
Also auf zur kräftigen Beihilfe! Die Zeit 
schrift „Hessenland" oder jede hessische Zeitung 
ist der geeignete Ort, mundartliche Gedichte oder 
kleinere Erzählungen im Heimathdialekte zu 
bringen, auf schon Veröffentlichtes hinzuweisen 
sowie gesammelte oder einzelne mundartliche 
Ausdrücke zu besprechen. Denn, Gott sei Dank, 
ist jene Zeit vorüber, wo vielen die Volksmund 
arten als ein entartetes Hochdeutsch erschienen. 
Heute liest man Fritz Reuter und Karl Stieler 
und erfrischt sich am echten Born der Sprache 
und Dichtkunst. Die Mundarten sind das ältere 
und natürliche; sie haben ihr volles Recht neben 
der Schriftsprache, die sich aus ihnen neue Lebens 
kraft holen kann und soll, will sie nicht ver 
knöchern. 
Gestützt auf mundartliche Arbeiten und Ver 
suche fand ich nun folgende Sprachgrenze des 
Hessenlandes, die freilich im Süden und Süd 
westen noch mannigfacher Verbesserung im Einzel 
nen bedürfen wird. 
Im Norden hat sich die alte Scheide zwischen 
Nieder- und Mitteldeutsch nur unmerklich seit 
Jahrhunderten verschoben und wir Hessen liegen 
hart an der Sprachgrenze von der Ederquelle 
an bis nach Münden hin. also daß Winterberg,
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.