Volltext: Hessenland (3.1889)

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erweckt mein Vortrag dafür bei Ihnen einiges In 
teresse, wenigstes aber zeigt er uns die klaffende 
Lücke in Bezug auf eine klare bildliche Dar 
stellung der territorialen Entwicklung Hessens. — 
Ihnen allen aber, verehrte Anwesende, bin ich 
zu Dank verpflichtet, daß Sie auch diesen ferner 
liegenden Fragen ihr Interesse schenkten und so 
zahlreich hier erschienen sind. Sollten meine 
schwachen Kräfte für diesen ersten Versuch nicht 
ausreichen, das Bild genügend zu beleben, so 
bitte ich im Voraus um Verzeihung. Der Muth 
aber, den Versuch gewagt zu haben, entsprang 
allein der treu-festen Liebe zum Heimathland. 
Im Jahre 720 tritt uns — abgesehen von 
einer schwankenden Schreibung eines lothringischen 
Ortsnamens (699) — zum ersten Male die 
Form „Hessi" entgegen in einem Reiseberichte 
des hl. Bonifatius. 
Dann haftet der Name in beschränktem Um 
fange im Karolinger- und später im Deutschen 
Reiche an dem sächsischen und fränkischen Hessen 
gau, bis er erst mehr denn 500 Jahre später 
staatliche Bedeutung von neuem gewinnt in der 
Landgrafschaft Hessen, die sich auf jene zwei 
Gaue, die Werralandschast und den Oberlahn 
gau begründete. 
Der Name selbst ist schwache Nebenform neben 
älterem Hassus, das regelmäßig ablauten mußte, 
und ist ein den Personennamen anzuordnender 
Volksname. Denn Ländernamen, wie Preußen,- 
Bayern, Sachsen und Hessen sind erst sehr spät als 
solche entstanden aus substantivirten Dativen 
mit ze: Unser Land hieß ursprünglich „ze den 
Hessen; das laut zu Hessen." 
Der Deutung des Volksnamens würden wir 
rathlos gegenüber stehen, wenn nicht die Hessen 
in den Ursitzen der Chatten säßen und daher ein 
Zusammenhang beider Namen von vornherein an 
nehmbar erscheinen müßte. 
' Der Name Chatte aber erscheint zuerst kurz 
nach Christi Geburt bei Strabo (VII, 1, 3); 
denn Livius hat ihn noch nicht gehört und 
Cäsar kennt dort nur Sueven. Dann aber wird 
unser Volksstamm häufiger erwähnt, von Velleius 
Paterculus, Plinius u. A., bis Tacitus, vor 
Allen durch seine Germania (Kap. 31) im Winter 
98/99. unsern Ahnen ein herrliches Denkmal setzt. 
Der Name „Chatten", zuletzt bei Ammianus 
Marcellinus (XXX, 3. 4.), schwindet um das 
Jahr 392 n. Chr. völlig aus den Geschichts 
quellen; denn die letzte Nennung bei Sidonius 
Apollinaris (455) ist lediglich dichterische Aus 
schmückung, also daß unser Heimathland über 
300 Jahre lang in der Ueberlieferung namenlos 
bleibt, ebenso wie wir annehmen müssen, daß 
die Chatten, schon lange vor Strabo ihr Land 
in Besitz genommen hatten. 
Das "Wort „Chatten" zu deuten, ist bisher 
oft versucht worden, aber alles ist abzuweisen 
bis auf zwei Erklärungen, die beide viel für sich 
haben und beide sprachlich möglich sind. Ent 
weder leitet man es ab vom Verbalstamm hat 
— (unser haßen) als partizipiale Bildung mit 
aktivem Sinne — die Feindseligen (von Nachbarn 
nämlich so genannt) oder vom Nominalstamm 
hat (an hatr.) — die Kopfbedeckung oder die 
Binde, also daß ihr Stammesgott, ihre Priester 
schaft oder die Chatten selbst sich durch eine 
solche Tracht von anderen geschieden hätten. 
Dieser letzten Ansicht Grimm's und Möllen 
hoffs huldige ich zur Zeit, zumal auch die Namen 
der Franken und Sachsen ganz ähnlich nach 
äußeren Abzeichen entstanden sind. 
Mag aber das Wort Xüttoi, (so ist nämlich zu 
schreiben und zu sprechen, nicht Kalten), heißen, 
was es will, der Germanistik ist es neuerdings 
gelungen, wenigstens das bestimmt nachzuweisen, 
daß Chattns und Hassus (Hesse) Laut für Laut 
dasselbe Wort sind; ein Beweis, der Jacob 
Grimm in seiner Geschichte der deutschen Sprache 
noch nicht glückte und den Vilmar und dessen 
sprachlichen Nachtreter für unmöglich hielten, so- 
daß sie hierauf gestützt auch in geschichtlichen 
Dingen auf die bedenklichsten Abwege geriethen. 
Da sollen die Chatten einem in der Neuzeit 
verloren gegangenen „Hatzen" entsprechen und 
ihr Land „Groß-Chattenland" sein mit gar weit 
gesteckten Grenzen; während die Hessen nur ein 
kleiner Theil hiervon seien, deren alter Name 
„Chatisi" uns zufällig nicht überliefert wäre. 
Alles nur leere Phantasiegebilde 
und Geschichtsfälschungen! 
Karl Möllenhoff, der bedeutendste Kenner des 
germanischen Alterthums und unserer Heldenzeit 
(f 1884 als Professor in Berlin) trug schon 
lange in seinen Kollegien sein neues Wissen vor 
und gab es größeren Kreisen 1878 in der Zeit 
schrift für deutsches Alterthum Bd. XXIII (N. 
F. 11) Seite 5 ff. in dem Aufsatze von Jrmin 
und seinen Brüdern, wo nebenbei bemerkt auch 
die sprachliche Entwicklung von Mattium zu 
Maden klar gelegt wird. Vor allem ist 
nach ihm Ohattuarii von Chatten völlig zu 
trennen und die Batten-Fabel des Tacitus für 
völlig haltlos anzusehen. Danach liegt weiter 
hin in dem überlieferten Chattus mit Doppel- 
„t" eine Assimilation vor an das zweite t (das 
nur eine Bildungssilbe, -ta, ist) und im Stamme 
stand ursprünglich eine Spirans, die dann laut 
gesetzlich in „so" übergehen mußte. 
Es ist also dieser Fehler allein in der lautlich 
unvollkommenen Ueberlieferung der Römer zu
        

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