Full text: Hessenland (3.1889)

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Fortschaffung, welche zu einer Aenderung des 
Plans bestimmte, sondern auch die Erwägung, 
daß das Gewicht des Steinblocks für das Ge 
bäude, welches ihn tragen sollte, zu schwer sein 
würde. Landgraf Karl, der den Bau im Anfang des 
18. Jahrhunderts aufführte, befahl daher, daß der Riesen 
stein in guter Ruhe liegen bleiben und daß auf die Spitze 
der steinernen Pyramide, welche sich über dem Riesen 
schloß erhebt, eine 31 Fuß hohe aus Kupfer 
getriebene Bildsäule des griechischen Halbgottes 
Herkules gesetzt werden solle. - Die hessischen 
Bauern freilich, welche von den Arbeiten und Mühen 
des griechischen Halbgottes keine Ahnung hatten, 
und nicht begriffen, wie der in unserem Land ein 
Denkmal erhalten könne, bezeichneten die über 
den Wäldern des Karlsbergs weithin sichtbare 
Säule nach einem sagenhaften christlichen Helden und 
nannten sie den großen Christoffel. — Wir 
also, neugierig den Vorgänger des kupferen Her 
kules kennen zu lernen, hatten in Martin - 
hagen nichts Eiligeres zu thun, als nach dem 
steinernen zu fragen. Allein unsere Erkundigungen 
waren vergeblich; Niemand wußte vom Herkules 
etwas zu sagen. Schon wollten wir unsere Nach 
forschungen aufgeben, als eine alte Bäuerin uns 
zurief: „Ach, se (Sie) wonn (wollen) gewiß den 
Herrn Kules sehen; der leit (liegt) ganz nah 
vor dem Dorf." Nun wußte Jedermann Bescheid, 
nnd mit leichter Mühe gelang es uns den Herrn 
zu finden; der sehr breitspurig in einer Länge von etwa 
30 Fuß damals schon etwa 130 Jahre lange zur 
Seite des Dorfes gelegen hatte. 
Ungefähr um dieselbe Zeit, als die Wanderer aus 
Kassel zu Martin Hagen die Bekanntschaft des 
Herrn Kules machten, trug sich in Wilhelms- 
höhe das Folgende zu. Kurfürst Wilhelm II., 
der die Sommermonate dort zuzubringen pflegte, 
besuchte eines Nachmittags den damals in der Nähe 
des Schlosses gelegenen Marstall. Da er den Stall 
meister, mit welchem er sprechen wollte, nicht vor 
fand, so beauftragte er einen der Stallknechte diesen 
zu rufen. Ehe aber der Mann sich auf den Weg 
gemacht hatte, rief ihn der Kurfürst zurück und 
fragte: „Wie heißt denn das Pferd hier?" König 
liche Hoheit, he schriewet sich „Hanebambel" war 
die Antwort des Stallknechts. „Dummes Zeug, 
sagte der Kurfürst, wie kann denn ein Pferd 
schreiben. Mach', daß Du fortkommst!" Nach 
kurzer Zeit stellte sich der Stallmeister ein und 
erkundigte sich nach den Befehlen des Fürsten. Dieser 
gab ihm einige Aufträge und wiederholte dann seine 
frühere Frage, indem er auf einen stattlichen Rappen 
hinwies: Das Pferd heißt Hannibal, Königliche 
Hoheit, antwortete der Stallmeister. Der Stall 
knecht aber, der in der Nähe stand, wiederholte: 
„Hon (habe) ech's dann nit gesät (gesagt): he 
chriewet sich H a n e b a m b e l?“ A. W. 
Aus Aeimath und Fremde. 
Am Montag den 28. Oktober hat der Verein für 
hessische Geschichte und Landeskunde seine Monats 
versammlungen für dieses Winterhalbjahr wieder 
aufgenommen. Nachdem der Vorsitzende, Major a. D. 
von Stamford die geschäftlichen Mittheilungen 
beendigt hatte, hielt Dr. phil. F. Seelig den an 
gekündigten Vortrag: „Der Name Hessen 
und das Ch alte nl and, sowie die Gebiets 
entwickelung der Landgrafschaft". Im 
Inhalte wie in der Form war dieser Vortrag gleich 
vortrefflich. Mit gespannter Aufmerksamkeit und 
lebhaftem Interesse folgten die Zuhörer den auf den 
gründlichsten Studien beruhenden, streng wissenschaft 
lichen, klaren und allgemein verständlichen Aus 
führungen des Redners, dem am Schluffe reicher 
Beifall zu Theil wurde. Der Redner wies 
nach, daß „Chatte" und „Hesse" Laut für Laut mit 
einander übereinstimmen. Der Name „Hessi" komme 
zum erstenmal im Jahr 720 in einem Reiseberichte 
des hl. Bonifatius vor, während der Name „Chatti“ 
zuerst kurz nach Christi Geburt bei Strabo 
und dann häufiger erwähnt werde, bis er 392 
völlig aus den Geschichtsquellen verschwinde. 
Bei Bestimmung der Grenzen des Hessenlandes ver 
möge allein die Sprachwissenschaft mit Hilfe der 
mundartlichen Forschung Aufschluß zu geben. Red 
ner bezeichnet dann die Sprachgrenze des Hessen 
landes wie folgt: Im Norden läuft sie von der 
Ederquelle bis nach Münden hin, dann springt sie 
fast rechtwinklig nach Osten und läuft auf der Wasser 
scheide zwischen Fulda und Werra, hiernach der 
Wasserscheide zwischen Rhein und Weser folgend zum 
Vogelsberge hinüber, dessen Nordabhang allein hessisch 
ist. Vom Taufstein im Vogelsberg aus wird 
eine Linie über Laubach, Grünberg, Lollar und 
Gladenbach zum Ederkopfe ungefähr das Richtige 
treffen. Das Hessenland fällt sonach mit dem Ge 
biete der althessischen Flüsse Fulda, Edder und 
Schwalm, sowie der oberen Lahn zusammen. Dieses 
Gebiet, der größte Theil des heutigen Regierungs 
bezirks Kassel, ist höchst wahrscheinlich fast unver 
ändert das alte Chattenland. An der Fulda, Edder, 
Schwalm, Ohm und der oberen Lahn wohnten die 
Chatten und wohnen die Hessen seit etwa dritthalb 
Jahrtausend. Der Bund zwischen Hessenerde 
und Hessenvolk ist ein heiliger, hinaufreichend 
bis in die sagenhaften Nebel germanischer 
Vorzeit. Eingehend behandelte Redner die Ge- 
bietsentwickelung der Landgrafschaft an der Hand 
der Geschichte. Da wir in einer der nächsten 
Nummern unserer Zeitschrift den Vortrag des Herrn 
Dr. F. Seelig seinem wesentlichsten Inhalt nach wieder 
geben werden, so mögen für heute diese kurzen An 
deutungen genügen. Zum Schluß wollen wir zu 
bemerken nicht unterlassen, daß der Vortrag beredtes
        

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