Full text: Hessenland (3.1889)

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K. war nicht nur ein stets hilfsbereiter Kamerad 
und Freund von geradem, offenem Wesen und 
biderbem Charakter, sondern auch ein wegen seiner 
ungewöhnlichen Körperkraft, welche er seine Gegner 
im Streit recht eindringlich fühlen ließ, bei den 
sog. Philistern und Knoten Marburgs allgemein 
gefürchtet. 
Er bezog 1838 diese Universität und trat bei 
den roth-weiß-goldenen Markomannen in's Corps, 
deren Senior damals der hier verstorbene erste 
Staatsanwalt Wilhelmi war. Ich sehe ihn noch 
mit meinem geistigen Auge vor mir, den gut 
müthigen K., wie er, ein Hüne von Gestalt, in 
schwarzem Frack, weißen Beinkleidern, hoher Kravatte, 
die Mütze auf dem rechten Ohr, mit gewichtigem 
Stock in der derben Faust, welche sogar bei Gruß 
und Handschlag des reckenhaften Freundes gewaltige 
Körperkraft nur allzunachhaltig empfinden ließ, durch 
die engen Gassen der alma Philippina in langsam 
abgemessenem Schritt wandelte, niemandem aus 
wich und auf die ihm ehrfurchtsvoll von den scheu 
zur Seite getretenen jungen Leuten gebotene Be 
grüßung, von oben herab sie betrachtend, — un 
bekümmert um die Tageszeit die Antwort gab: 
„guten Morsen Knot!" —; er steht mir noch leb 
haft vor Augen, wie er nach abgelegter theologischer 
Prüfung aus dem Zimmer kam und dem Studiosus 
Schütte, der in dem Kreuzgang der Aula neben ihm 
ging, in der Freude seines Herzens ob des kelieiter 
elapsus so kräftig auf die Schulter schlug, daß der 
kleine, ohnehin gebückt gehende Schütte zu Boden siel. 
Eine Glanzleistung unseres K. als Simson war 
aber die, welche im Englischen Hof vorkam. Dort 
fand an einem Sonntag Abend sog. Kuhschwof statt, 
an welchem — angezogen durch das ewig Weibliche 
— auch der Bruder Studio sich damals noch be 
theiligte, — die Theilnahme daran verbot 1840 
den Hasso-Nassoven ein 0. 0. Beschluß bei 1 Thlr. 
Strafe — und wobei es öfter zwischen Studenten 
und Nichtstudenten zu Reibereien, die gar manchmal 
iu Thätlichkeiten ausarteten, kam. An solch einem 
Abend war es, als auf unseren unter den Bäumen 
vor dem Englischen Hof lustwandelnden K. mehrere 
Studenten zuliefen und dessen Hilfe gegen die Tänzer 
im Saal erbaten, von denen sie soeben hinaus 
gedrängt worden seien. Der stets hilfbereite Simson 
K. betrat in Folge dessen gehobenen Hauptes und 
siegbewußt das zu ebener Erde gelegene TanzlokU 
des Englischen Hofes, gefolgt von der kleinen Anzahl 
der in ungleichem Kampf mit den Philistern unter 
legenen Studiengenossen und rief, seinen Ziegen 
hainer in der markigen Rechten drohend schwingend, 
mit der ihm eigenen Stentorstimme in die über 
raschte Gesellschaft hinein: „ruhig!", worauf sich 
alles still verhielt. Dann schritt er gemessen, den 
Kopf rechts und links wendend, die Stirne ^um 
wölkt-, mit Unheil verkündenden Blicken, dem 
nächsten Fenster zn, öffnete dieses und forderte die 
jugendlichen Tänzer, welche sich beim Streit mit den 
Musensöhnen betheiligt hatten, in entschiedenem, 
nicht gar freundlichem Ton auf, den Ort ihrer 
Lustbarkeit unter Zurücklassung ihrer „Besen" auf 
diesem nicht ganz gewöhnlichen Weg zu verlassen. 
Dies Ansinnen rief unter allen Anwesenden un 
verkennbares Erstaunen 'intb gerechten Unwillen, 
ja bei manchem Tänzer sogar lauten Widerspruch 
hervor. Rasch entschlossen forderte nun K. seine an 
wesenden Kameraden auf, keinem der Tänzer den 
Ausgang durch "die Saalthüre zu gestatten, packte 
dann den vorlautesten Schreier vor der Brust, hob 
ihn in die Höhe und setzte ihn zum Fenster hinaus 
an die Luft. Hi rnächst wandte er sich an die 
übrigen und rief: „marsch! auch da hinaus, sonst 
gibt's Keile." Als er darauf mit gehobenem Stock 
hinter einige Widerspenstige trat und sich anschickte, 
seinen drohenden Worten die That folgen zu lassen, 
da ergriffen alle das Hasenpanier und einer nach 
bem andern machte den „Weg durch's Fenstert" in 
den nicht tief gelegenen Garten; K. aber schloß das 
Fenster, wendete sich stolz um und sagte, befriedigt 
lächelnd: „Das war der Kehraus für die Stänkerer! 
Ihr andern könnt weiter tanzen. Musik!" Und 
es wurde munter weiter gespielt und fröhlich weiter 
getanzt als ob nichts vorgefallen wäre. 
K. aber und die übrigen Studenten begaben sich 
nach diesem so glänzend errungenen Sieg in die 
Kneipe zu Heuser (später Schwaner vulZo Dunkel) 
auf dem Markte und leerten dort unter Anstimmung 
des Liedes „Herr Zachäus" auf das Wohl ihres 
„Freundes in der Noth" und den Rächer der ihnen 
wohl nicht mit Unrecht widerfahrenen Unbilden einen 
„Sechzehn-Schoppen-Schimmel." Ob diesem noch 
weitere folgten, „ja das verschweigt der Sänger aus 
Höflichkeit." ' 
I. Schwank. 
Wie die Hessen Fremdwörter zu ver 
deutschen wissen. Um das Jahr 1830 machte 
eine Schaar junger Männer, zu welcher auch der 
Erzähler gehörte, von Kassel einen Ausflug nach 
der an der Waldeck'schen Grenze bei Naumburg 
gelegenen Weidelsburg, einem in Trümmer liegen 
den Ritterschloß, von welchem man eine herrliche Aus 
sicht über weithin ausgedehnte Wälder hat. Auf 
dem Weg dahin kamen wir zu dem Dorf Martin 
hagen, und hier bemerkte einer aus unserer Ge 
sellschaft, daß in der Nähe ein ungeheuer großer 
Sandsteinblock liegen müsse, welchen man ursprüng 
lich dazu bestimmt hatte, das achteckige Riesen 
schloß oberhalb Wilhelms höhe zu krönen, den 
man aber später als ungeeignet im freien Feld 
liegen ließ. Es war nicht bloß die Schwierigkeit der
        

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