Full text: Hessenland (3.1889)

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zunehmen. Mir trug es die Reihe zur Kriegs- 
Casse hin, und wie dies geschehen war, mußte ich 
das Hauptwerk von der ganzen Affaire, das Schreiben 
der Regierung an den neuen Landgraf noch so gleich 
auf der Stelle entwerfen. Kannst leicht denken, wie 
mir, der ich erst den nemlichen Tag Secretair ge 
worden, dabey zu Muthe war. Ich raffte mich aber 
zusammen und es gieng. Um 11 Uhr kam ich erst 
nach Hause. Herr von Wittorf war noch den Abend 
nach Hanau abgegangen und schon Mittwochs in 
aller Frühe dorten eingetroffen. Der Erbprinz, unser 
nunmehr regierender Landgraf, war voller Freude 
gewesen, seinen Papa, wie er ihn nannte, einmal 
bey sich in Hanau zutschen, was selbst nach der 
Versöhnung noch nicht der Fall gewesen, und bald 
nach dem ersten Abord, da die Rede auf das Wohl 
befinden seines Herrn Vatters, des Landgrafen, ge 
kommen, erzählt ihm der Herr von Wittorf: 
„Se. Durchlaucht halten vergangenen Sonntag 
einen Anfall von Ohnmacht, der aber bald 
wieder vorübergieng. Den Montag aber befanden 
Sie sich wieder außerordentlich wohl, und über 
Tafel sprachen Sie eben von einem Felsen 
bei dem Weißenstein, den Sie wollten sprengen 
lassen"; (ich habe dabei so ganz für mich an 
Jakobi 4. 13, 14 gedacht) „als Sie sich auf 
einmal etwas bückten, die Serviette vor den 
Mund nahmen und — Ihren Geist in die Hände 
des Herrn aufgaben." 
Der Erbprinz ist über diese unerwartete Wendung 
ganz außer aller Fassung gerathen, und wem würde 
cs nicht ebenso gegangen sein? — Mittwochs wurde 
der Höchstseelige Landgraf secirt. Der Professor 
Brühl, mein sehr guter Freund, hat dies Geschäft 
verrichten müssen, und mir erzählt, daß das Gehirn 
gänzlich ohne alles Blut, und wie ein dünner Brey 
ohne die geringste Consistenz, das Herz wie eine 
ausgepreßte Citronenschaale, die Lunge entzündet und 
angewachsen und in derselben ein Geschwür gewesen. 
Nach seiner mir eröffneten Meinung ist er weder an 
einem Steckt noch Schlagflusse, sondern an einer 
völligen Unfähigkeit derer Theile des Körpers, die 
die Operationen des menschlichen Lebens verrichten 
müffen, gestorben. — 
Dienstags (in beifolgenden Woche) war Huldigung 
beym Civil; die Collegia auf dem Schlosse und die 
Bürgerschaft auf der Rennbahn; das Militaire huldigte 
aber erst den Mittwochen. Und seitdem ist kein 
Tag verflossen, daß wir nicht neue Auftritte gehabt 
hätten. Die erste Ordre war die Abschaffung aller 
Französischen Moden bey dem Militaire, und seitdem 
sieht man keine Vergelte, keine zahlreichen Locken und 
keine gepuderte Röcke mehr, bey den Officiers so 
wenig, als bei den Civil-Personen. Die zahlreiche 
Suite auf dem Weißensteine wurde nach Cassel ge 
schickt, und niemand aß nun mehr dorten, als wer 
vom Herrn selbst invitirt war, wozu jeden Tag 
drey Herrn vom Militaire und drey von den Collegien 
kamen. Von letzteren war vorher einmahlen die 
Rede gewesen. Sämtliche Franzosen, die der Herr 
noch zuletzt von Paris mitgebracht, bekamen gleich 
ihren Abschied. Die Cammerdieners, bis auf einen, 
der ein gebohrener Hesse ist, wurden entlassen, und 
von den Flügeladjutanten behielt der Herr niemand, 
als den Herrn von Stockhausen und den Graf von 
Bohlen. Die ganze Französische Comoedie ist vorige 
Woche abgeschafft, die Chevauxlegers unter andere 
Cavallerie-Regimenter untergesteckt, und die Schweitzer 
garde ebenfalls abgedankt und unter die erste Garde 
und das Leibregiment verloost worden. Die Garde 
du corps und erste Garde sind von ihrer vorigen 
hohen Gage herunter und andern Regimentern völlig 
gleich gesetzt worden. Die Heyducken, Leibhusaren rc. 
müssen wie jeder andere Soldat Dienste thun und 
alle Exemtionen der Garden in Ansehung ihres 
Fori und Verhältnisses gegen den Gouverneur rc. 
sind aufgehoben. Die Soldaten müffen nun auch 
hübsch wieder in die Kirche gehn und der Herr geht 
selbst mit ihnen hinein. — Das von Zratuit von 
100,000 Thaler, das das Land bei jedem neuen 
Regierungsfalle zu zahlen pflegt, hat der Herr aus 
geschlagen, und dagegen 200,000 Thaler ausgesetzt, 
womit er dem armen Unterthan unter die Arme 
greifen will. Der Anfang wird am Diemelstrohme 
gemacht, wo die Noth am größten war und man 
den Bauern schon 76,000 Thaler rückständige Cameral 
xraestanäa gestrichen hat. Das Lotto hat schon 
sein Aufhebungsdecret und wird mit der bevorstehenden 
nächsten Ziehung aufhören. Die Amtspachtungen 
sollen ebenfalls mit Endigung der noch bestehenden 
Contracte exspiriren. Alles dies ist auf Antrag der 
Landstände resolvirt und Du kannst Dir nicht vor 
stellen, was diese für eine Freude haben, daß alle 
ihre Desiderien so ganz über alle Hoffnung geschwind 
erledigt worden. Jetzt geht es nun an dem Hufeu- 
edikt her. — Die Anecdoten und einzelne Auftritte, 
die der Herr veranlaßt, sind unzählbar, alle zeigen 
aber, daß er durchaus selbst regieren, und wie er 
selbst den Zünften und Gilden mit Thränen im 
Auge versichert hat, als ein gebohrener Hesse leben 
und sterben will". — A. A. 
Marburger Erinnerungen II?) Stu- ^ 
d i o s u s K n y r i m. Die wiederholte Erwähnung 
von Vorfällen aus dem Leben des in H. verstor 
benen Pfarrer Th. Knyrim hat in mir die Erin 
nerung an ihn und die mit ihm verlebte Studen 
tenzeit wachgerufen. 
*) S. Nummer 12 unserer Zeitschrift vom 18. Zuni 
d. Z.
	        

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