Full text: Hessenland (3.1889)

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„Ja, Richard. -Gepriesen sei dieser Tag! — 
Denn — meine Frau schmollt mit mir!" 
Was?" 
Richard Löpel sprang von seinem Platz im 
Ecksopha empor; er trat — während sich Er 
staunen in seinem Antlitz ausprägte — näher 
zu dem Freunde und wiederholte: ' 
„Was sagst du da? Deine Frau schmollt! 
Und dazu zeigst du, mit dem glücklichsten Lächeln 
von der Welt, deine beneidenswerth festen Zähne? 
Thust so, als habest du einen unverhofften Schatz 
entdeckt?" 
„Habe ich auch, alter Junge; habe ich auch!" 
Mit einem schelmischen Pfiff legte der Amts 
richter dem Freunde hastig seine großen Hände 
auf beide Schultern, schüttelte ihn urkräftig und 
sagte: 
Laß mich schweigen von dem, was vergangen! 
Mein Ruf, Frauenkenner zu sein, hat arg 
Schiffbruch gelitten! Eins aber weiß ich 
sicher: Wenn die Frau aus Eifersucht schmollt, 
so liebt sie, und — und . . . 
Hier brach Binder plötzlich ab, die Stimme 
versagte ihm, und der Kassierer sah Thränen in 
seinen Augen aufquellen. Heftig preßte der er 
regte Mann die geballten Fäuste gegen die Augen 
und murmelte: > 
„Weiß Gott, die Geschichte hat mich mehr ge 
quält, als du glaubst, und wenn ich eine große 
Herzensfreude habe, muß ich stets flennen, wie 
ein Waschweib!" 
Jn diesem Augenblick fragte die den Herren 
fremde Stimme des Kellners: 
„Befehlen die Herren Pilsener, Bairisch, Kulm 
bacher oder hiesiges Bier?" 
Das war ein willkommener Blitzableiter für 
den Amtsrichter; wüthend fuhr er herum und 
schnaubte den so uuvermuthet Eingetretenen, im 
tiefste« Baß an : 
„Was haben Sie hier herein zu gleiten wie 
eine Blindschleiche?! Bringen Sie Champagner; 
die beste Marke, welche Sie führen!" 
„Sehr wohl, Herr Amtsrichter!" Mit hoch 
rothem Kopf zog sich der Kellner schleunigst zurück. 
„Ja, altes Haus, heute wird geschwelgt!" rief 
Max Binder und griff dem Freunde neckisch in 
den lang wallenden Bart. „Heute wollen wir 
mal eine recht solide „Sitzung" halten!" 
Der Bank-Kassierer kannte seinen Freund zur 
Genüge, um» zu wissen, daß er jetzt über das, 
was ihn in so frohe Laune versetzte, nicht mehr 
gefragt sein wolle; er hoffte durch seine Frau 
— denn wann haben die Frauen nicht die Hand 
im Spiel — zur Klarheit über den häuslichen 
Glückswechsel des Amtsrichters zu gelangen. 
Und es blieb ihm keine Zeit zu heimlichen 
Grübeleien! Max Binder war tu seiner fröh 
lichen Laune von übersprudelnder Lustigkeit; sein 
herzhaftes Lachen wirkte ansteckend. Der Cham 
pagner that das seine und spät erst traten die 
Freunde ihren Heimweg an. 
Als der Amtsrichter, welcher den weitesten 
Weg hatte, sich seinem Hause näherte, bemerkte 
er, daß aus den Fenstern seines Arbeitszimmers 
Licht schimmerte. 
Ein heftiger Schreck faßte den Heimkehrenden; 
im ersten Augenblick dachte er an Feuer oder 
Krankheit. Hastig eilte er die Treppe hinauf, 
öffnete die Thür seines Zimmers und — blieb 
überrascht und zugleich beruhigt von dem, was 
sich seinem Blicke bot, wie gebannt auf der 
Schwelle stehen. 
In seinem von hochragenden Bücher -Repo- 
sitorien angefüllten Büreau, da, wo Jeannette 
ihm — fast mit Gewalt — ein behagliches 
Plätzchen zum Ausruhen hergerichtet hatte, saß 
sein Weib! — 
Auf dem ovalen Tisch, vor dem dunkelpolstrigen 
Sopha, stand eine niedere, brennende Lampe. 
Ein zarter, grüner Schleier milderte das grelle 
Licht derselben. Zur Seite des Tisches lehnte 
behaglich in dem bequemen Schaukelstuhl die 
junge Hausfrau; sie war mit dem Buch auf 
dem Sckooß eingeschlummert. 
Einige Sekunden weidete sich der Amtsrichter 
an dem traulichen Anblick; dann schritt er so 
leise, als ihm seine Behäbigkeit erlaubte, dem 
Tische zu, legte die Hand behutsam auf die 
Schulter der Schlummernden und raunte sanft 
zärtlich: 
„Jeannette, was machst du denn so spät noch 
hier?" 
Die Angerufene fuhr jäh empor, öffnete die 
schlummertrunkenen Augen und blickte verwirrt 
um sich. Endlich glitt ihr ein glückliches Lächeln 
über die Lippen und ihre klangvolle Stimme 
belebte den nachtstillen Raum. 
„Ach Max, bist du endlich da! Ich konnte 
mich vor Müdigkeit nicht mehr wach erhalten!" 
Sie stand auf und legte das Buch--auf den 
Tisch. Er warf den Hut von sich, sah sie er 
staunt an und fragte: 
„Ja, aber warum bist du benu um Gottes 
Willen aufgeblieben? Grade heute, wo unsere 
Sitzung ausnahmsweise lange gedauert?!" 
Sie hob die verschlungenen Hände bittend zu 
ihm auf, richtete die schönen, grauen Augen 
mit flehendem Ausdruck auf ihn und stammelte: 
„O, Max vergieb mir mein^heutiges Schmollen! 
Ich habe dir viel abzubitten, und wollte die 
Sonne nicht wieder aufgehen lassen, bevor du 
mir die Kränkung, welche ich dir zugefügt, ver 
ziehen hast!"
        

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