Full text: Hessenland (3.1889)

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„Brennt die Lampe noch nicht?" 
„Nein." 
„Nun, so werde ich gleich zu dir kommen." 
Alle moralische Kraft der Seele, allen weib 
lichen Stolz hatte Jeannette zu dieser Erwiderung 
in sich wachgerufen, um vor dem jungen Mädchen 
ihre scheinbare Niederlage zu bemänteln, aber in 
dem Ton der Gekränkten lag eine so tiefe Traurig 
keit, daß Sidonie rasch näher kam; ohne eine 
Aufforderung abzuwarten, zog sie sich ein Fuß 
bänkchen heran, setzte sich zu Jeannettes Füßen 
darauf und sagte : 
„Bitte, laß uns hier bleiben. Jeannette! Es ist so 
lauschig bei dir, und im Dunkeln, ist gut munkeln." 
Die Gefragte blieb schweigend sitzen. Plötz 
lich legte ihr das junge Wesen ihre Arme auf 
den Schooß, blickte strahlend auf zu ihr und rief: 
„Jeannette, was hast du für einen seelenguten, 
liebenswerthen Mann!" 
„Wirklich, glaubst du?" die sonst so klang 
volle Stimme der jungen Frau hatte eine rauhe 
Beimischung. 
„Ach, Jeannette! Ich bin durch seine Güte 
so grenzenlos glücklich, so selig, wie aus dem 
Häuschen! Ich — ich könnte in die Luft springen 
vor Freude. Ich möchte ihn in Gold fassen, 
den gute», entzückenden Onkel!" 
Ein herber Zug breitete sich über das Antlitz 
der Hausfrau. Sidonie preßte ihre Arme fester 
auf die Knie der vor ihr Sitzenden und rief 
übersprudelnd froh: 
„Geliebte; ich muß reden! sonst vergehe ich 
noch vor Glückseligkeit! Ich habe zwar ver 
sprochen, noch zu schweigen, aber — ich kann es 
nicht; ich muß mich aussprechen!" 
Ein unsicherer, fast entrüsteter Blick von 
Jeannette streifte das glückstrahlende, erhobene 
Antlitz des jungen Mädchens und sie suchte dem 
Mittheilungsdrange desselben mit den Worten zu 
wehren: 
„Wenn du versprachst, zu schweigen, so halte 
doch Wort!" Verächtlich senkte sie die Mund 
winkel und fügte hinzu: „Ich bin nicht neu 
gierig!" 
„Einzige Jeannette; es muß herunter von der 
Seele! Ich — ich bin, bin — verlobt!" 
Im Uebermaß ihres schämigen Entzückens ver 
grub Sidonie ihren Krauskopf in den Schooß 
der Tante und es entging ihr dadurch völlig die 
plötzliche Wandlung in deren Zügen. Frohes 
Erstaunen glänzte auf in den grauen Augen; 
sie hob den Kopf des lieblichen Wesens sanft in 
die Höhe und fragte mit zitternder Stimme: 
„Verlobt bist du Sidonie? Mit wem denn? 
Und warum sollte ich es denn nichl erfahren?" 
Die Gefragte schüttelte lachend Thränen aus 
den Augen und rief: 
„Ach, ich bin ja noch heimlich verlobt, weil 
Mama nicht damit einverstanden war! Aber 
nun wird alles gut; denn der liebe, prächtige 
Onkel — dem ich mein Leid geklagt — hat sich 
von allen Verhältnissen meines heimlich Ver 
lobten gründlich unterrichtet, hat dieselben sehr 
gut befunden und will dadurch Mama's Miß 
trauen verscheuchen. Wie sollte das seinem Ein 
fluß nicht gelingen? Meinem reizenden Engels- 
Onkel!" 
Jeannette bog mit der Rechten, welche sie dem 
glücklichen Kinde auf's Haupt gelegt hatte, das 
selbe ein wenig zurück, sah ihm innig in die, 
ihrem Max so ähnlichen Augen, und drückte 
einen Kuß auf die frischen Lippen. 
„Ich danke dir Siddy!" sagte sie und athmete, 
wie von schwerer Sorge befreit auf. „Gott 
segne dich zeitlebens für dein erlösendes Wort!" 
Obgleich Sidonie nicht völlig begriff, weshalb 
die Tante von ihrer Verlobung so außergewöhn 
lich erregt war, sah sie doch den herzgewinnenden 
Blick der Liebe, in ihren grauen Augen hervor 
brechend, auf sich gerichtet, und damit war der 
Damm jedweder Zurückhaltung ihres Liebesleides 
und -Glückes durchbrochen. Unaufhaltsam, in 
flüsterndem Raunen schüttelte sie ihre jungen 
Sorgen vor der theilnahmvoll lauschenden Jean 
nette aus. Erst die völlig eingetretene Dunkel 
heit scheuchte die alles um sich her Vergessenden 
aus ihrem Zwiegespräch auf. — 
Inzwischen hatte der Amtsrichter nach be 
endetem Termin und einigen Geschäftsgängen, seine 
Schritte der Howald'schen Schlemmerhöhle zu 
gelenkt. Eine kurze Strecke vor dem Ziel klopfte 
ihm jemand auf die Schulter und die etwas 
scharfe Stimme des Bankbeamten rief: 
„Alle Wetter! Max, wenn du nicht verheirathet 
wärst, könnte man glauben, du seiest in Liebes 
gedanken ! Ich trotte hier schon eine ganze Weile 
neben dir her. und du hörst und siehst nichts 
von mir. Wie geht's! Guten Abend!" 
„Danke, gut. Dir auch? Sei willkommen!" 
Nach wenigen Schritten waren die Freunde bei 
Howald und machten es sich im Eckzimmer be 
quem. 
Der Amtsrichter schleuderte seinen Hut auf 
den Stuhl und ging wuchtig und in nervöser 
Unruhe auf und nieder. Sein Freund sah ihn 
von der Seite an und sagte: 
„Du siehst ja heute so strahlend aus, Max: 
So, wie ich dich, leider Gottes, seit langer Zeit 
nicht gesehen. Ist dir ein besonderes Glück 
widerfahren?" 
Der Gefragte hielt in seiner Wanderung inne, 
ein freundlicher Blick aus seinen dunkelflammen 
den Augen traf den Kassierer; und er erwiederte 
freudig:
	        

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