Full text: Hessenland (3.1889)

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iie schmollt. 
Novelletke von M. Frieörichftein. 
(Schluß.) 
Eines Tages — es war Samstag — betrat 
die junge Frau unvermuthet das Arbeitszimmer 
ihres Mannes; betroffen blieb sie auf der 
Schwelle stehen. Die Portiere, welche anstatt 
einer Thüre die Zimmer trennte, entsank ihrer 
bebenden Hand; denn sie hatte gesehen, wie Si- 
donie ihren Max stürmisch umschlang, und hörte, 
wie sie mit jauchzender, in Seligkeit pibrirender 
Stimme ausrief: 
„Dank, Dank! Du guter, einzig geliebter 
Onkel!" 
„Aber Siddy, Siddy!" warnte er mit herz 
lichem Wohlgefallen im Ton, „Wenn ich nicht 
so kernhaft gebaut wäre, hättest du mich jetzt 
zerbrochen!" 
Jeannette war erblichen; sie hatte genug ge 
sehen und gehört; sie hatte geahnt, daß es so 
kommen würde. Lautlos wankte das bebende 
Weib bis in's fernste Zimmer — dem Schlaf 
zimmer zurück. An einem der Fenster, die nach 
dem Garten hinausgelegen waren, sank sie auf 
schluchzend in einen niederen Sessel und bedeckte 
ihr Gesicht mit den Händen. 
„Was nun ?" Das war die Frage, von welcher 
sie unaufhörlich gefoltert wurde. Wilder Zorn 
loderte auf in ihr. So weit war es mit den 
Beiden gekommen?! Und sie — sie fühlte sich 
mit schuldig: Das war das Aergste! Diese un 
selige Verstellung! — Jetzt war sie die Gestrafte 
und nicht ihr Gatte. Aber dennoch, dennoch: 
es war empörend! 
In diesem kritischen Augenblick, des wilden 
Aufruhrs ihrer Gedanken, näherte sich der Amts 
richter festen Schrittes ihrem Zimmer. Die Thüre 
wurde eilig von ihm geöffnet und er rief hinein: 
„Bist du hier Jeannette? Lebe wohl! Ich 
habe Termin; es ist die höchste Zeit, daß ich 
gehe!" 
Keine Antwort erfolgte. 
Max Binder schaute sich verwundert und 
suchend im Zimmer um. Da entdeckte er Jeannette, 
die regungslos, ihren Kopf an die Fensterbank 
gelehnt im Schweigen verharrte. 
Er trat ein und ging zu ihr. 
„Fehlt dir etwas, Jeannette?" fragte er be 
troffen. 
Sie schüttelte mit abgewendetem Gesicht 
schweigend ihren Kopf. 
Prüfend hob er ihr denselben in die Höhe, 
nahm ihr fast gewaltsam die Hände von den 
Augen und rief: 
„Du weinst, Jeannette?! Sprich, was hast 
du? Wer hat dir etwas zu Leide gethan?" 
Da war es zu Ende mit Jeannette's Be 
herrschung; heftig sprang sie empor, schüttelte 
seine Hand ab und rief erregt: 
„Und das fragst du? Du Max? O, es ist 
zu viel! — zu viel! Findest du deine Zärt 
lichkeit mit Sidonie in der Ordnung,? Geh!" — 
Ihre grauen Augen blitzten; ihre Wangen 
rötheten sich, als sie hinzusetzte: 
„Ich habe ertragen, was eine Frau schweigend 
ertragen kann; aber nun ist es genug mit aller 
Heuchelei! Geh, laß mich allein! — Geh!" 
Ihre Stimme brach; schmollend wendete sie 
sich ab, bedeckte wiederum das Antlitz mit den 
Händen und sank in ihren Stuhl zurück. 
Jni ersten Augenblick hatte Max Binder seine 
Frau verwundert angesehen; dann war ihm 
glühende Röthe in dem ehrlichen Gesicht aufge 
stiegen. Plötzlich aber blitzten ihm die dunklen 
Augen freudig auf; er öffnete seine Arme und 
es gewann den Anschein, als wollte er das er 
regte Weib an sich reißen. 
„Jeannette!" kam es in verhaltener Glück 
seligkeit über seine Lippen. 
Diese wies — während sie mit der Linkeil 
die Augen bedeckt hielt — mit der Rechten ge 
bieterisch nach der Thür. 
„Geh! Ich will nichts von dir wissen!" hauchte 
sie mit schmerzzuckender Lippe. 
Der also Aufgeforderte schien seinen Entschluß 
zu ändern; schweigend und hochgetragenen Hauptes 
ging er der Thüre zu; aber in seinem Antlitz 
leuchtete eine wunderbare Freudigkeit, just, als 
habe er soeben einen köstlichen Schatz entdeckt. Leise 
murmelte er vor sich hin: „Sie schmollt!" Inder 
Thür wendete er sich noch einmal zurück und sagte: 
„Ich werde heute wohl etwas spät wieder 
kommen: denn ich treffe mich mit Löpel bei 
Howald." — 
Wie lange Zeit die zürnende Jeannette schmerz 
versunken auf demselben Platz verblieb, wußte 
sie wohl kaum. Schon begann es zu dämmern, 
da wurde leise an die Thür ihres Zimmers ge 
pocht. Nur gewaltsam löste sich ein schwaches 
„Herein" von den Lippen der Grübelnden. 
Sidonie von Möring steckte ihren hübschen 
Kopf in die Thür und fragte bittend: 
„Darf ich herein zu dir, liebe Jeannette? Wo 
bleibst du? Es ist vorn so still wie im Grab! 
Ich fürchte mich beinahe."
	        

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