Full text: Hessenland (3.1889)

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Woche dürftigen Gymnasiasten Freitisch, sog. 
Kosttag, so daß auch für deren leibliche Unter 
haltung wohl gesorgt war, denn gut gekocht, 
reichlich aufgetragen und gern gegeben wurde 
von jeher in den bürgerlichen Haushaltungen 
der alten Bönifatiusstadt. Privatstunden er 
theilte nun auch unser Konrad Büchel, nach 
dem er Schüler der dritten Klasse des Gym 
nasiums geworden war, aber „Kosttage" nahm 
er nicht an, dazu war er zu stolz. Hatte er 
sich schon als Gymnasiast durch rastlosen Fleiß 
und außerordentliche Willenskraft vor allen 
seinen Mitschülern hervorgethan, so traten diese 
Eigenschaften sowohl, wie sein Ehrgeiz noch 
mehr zu Tage, als er Schüler des Fuldaer 
Lyceums geworden war. Diese höhere Gelehrten 
schule war 1805 von dem Erbprinzen von 
Oranien, dem damaligen Regenten des Fürsten 
thums Fulda, an Stelle der alten Universität, 
die von Anfang ihres Bestehens an (sie war 
1734 von dem Fürstabt Adolf von Dalberg mit 
unzureichenden Mitteln gegründet) nur ein 
kümmerliches Dasein gefristet hatte, gestiftet und 
reichlich dotirt worden. Sie hielt die Mitte 
zwischen einem Gymnasium und einer Univer 
sität. Die Gegenstände, welche auf derselben 
gelehrt wurden, waren vorzugsweise Philologie 
und Philosophie. Geschichte und Literatur, 
Mathematik und Naturwissenschaften. Die Lehr 
weise war die akroamatische, verbunden mit der 
erotematischen. Tüchtige Lehrer wirkten an der 
selben, wir wollen hier nur aus der Zeit 
Büchels den Philologen I. Habersack, den 
Philosophen Burkard Schell, den Mathematiker 
I. B. Arnd nennen. Das Fuldaer Lyceum 
hatte schon mehr einen akademischen Charakter. 
Die Schüler wurden als „cive8 lycei academici 
fuldensis“ inskribirt, sie wurden nicht mehr, 
wie am Gymnasium von ihren Professoren mit 
„Er", sondern, wenn auch nicht mit „Herr", 
so doch mit „Sie" angeredet; die Unterrichts 
stunden hießen „Kollegien"; die Schüler, „Stu 
denten" genannt, hatten ihren Fecht- und Tanz 
meister, auch durften sie die Wirthshäuser be 
suchen, von welcher Erlaubniß sie denn auch 
recht ergiebigen Gebrauch machten. Da blieben 
denn auch die Verbindungen nicht aus, und hin 
und wieder mag denn auch die Rauflust der 
Herren Lyceisten erwacht sein und zuweilen 
sogar sich ihr Uebermuth zu „Paukereien 
.auf geschliffene Rappiere" verstiegen haben. 
Dieses Leben und Treiben der Lyceisten 
gefiel dem jugendlich lebensfrohen Konrad Büchel 
ungemein, und wenn er sich demselben auch mit 
voller Neigung hingab, so verlor er doch keinen 
Augenblick den Zweck seines Studiums aus dem 
Auge. Mit glänzendem Erfolge durchlief er 
die drei Kurse des Lyceums, ihm wurde jedes 
mal bei der Schlußfeier des Schuljahres öffent 
liches Lob zu Theil. Er hatte sich als Schüler 
des Lyceums namentlich zu einem trefflichen 
Lateiner und gewandten Dialektiker ausgebildet, 
Eigenschaften, die ihm später als Marburger 
Professor sehr 'zu statten kamen. Noch nicht 
vollständig 17 Jahre alt, ging er zum Studium 
der Theologie an der katholisch - theologischen 
Lehranstalt zu Fulda über. Schon sollte er 
nach Verlauf zweier Jahre als Alumnus iu 
das Priesterseminarium aufgenommeu werden, 
die Kleidung für ihn als Kleriker war bereits 
angefertigt, seine Ausstattung lag bereit, da 
besuchte er eines Abends mit einigen ihm be 
freundeten Forstkandidaten, Studierenden der 
damals in Fulda bestehenden Forstakademie, 
einen Maskenball in dem Merz'schen Restau 
rationslokale (jetziges Hauptgebäude des frei 
adeligen Stiftes Wallenstein). Mögen nun die 
Eindrücke, die er da empfangen. Schuld gewesen 
sein, mögen sich andere Einflüsse bei ihm gel 
tend gemacht haben, genug, Konrad Büchel nahm 
anderen Tags von der Gottesgelahrtheit Ab 
schied, nicht ohne deshalb mit seinem Vater, 
dessen Stolz es war, seinen Sohn als „Herrn" 
zu sehen, wie man damals in Fulda die Geist 
lichen schlechtweg nannte, in Zwiespalt zu ge 
rathen. Er stellte sich seinem Vater in dem 
Anzuge der Kleriker mit dem Bemerken vor, 
daß er diese Kleidung zum ersten und zum 
letzten Male trage. Er werde sich von jetzt an 
der Rechtswissenschaft, zu deren Studium ihn 
eine unwiderstehliche Neigung ziehe, widmen 
und zu diesem Zwecke die Universität Marburg 
besuchen. Auf den Vorhalt seines Vaters, wo 
her denn bei der Mittellosigkeit der Familie die 
Studierkosten genommen werden sollten, erklärte 
Büchel, dafür sei bereits gesorgt. Der junge 
Stadttheologe hatte nämlich fleißig das Ball 
haus besucht und sich den dort anwesenden Gästen 
durch seine dialektische Schlagfertigkeit, sowie 
durch sein treffliches Schachspiel benierklich ge 
macht. Dem Advokaten Wilhelm hatte er seine 
geheimen Wünsche anvertraut, und dieser hatte 
ihm denn auch die Unterstützung wohlhabender 
Beamten und Bürger vermittelt, so daß es dem 
jungen begabten Manne ermöglicht wurde, die 
Universität Marburg beziehen zu können. Wir 
wollen es hier nicht unerwähnt lassen, daß betn 
damals in Fulda bestehenden Freimaurerkränz 
chen „Zum edlen Bruderbund" das Verdienst ge 
bührt, einem Talente, wie Büchel es besaß, vor 
zugsweise den Weg zur Entfaltung geebnet zu 
haben. 
In Marburg hörte Büchel Kollegien bei den 
Professoren Robert, Zachariae, Platner, Löbell,
	        

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