Full text: Hessenland (3.1889)

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Eine Porzellan-Fabrik, eine Fayence-Fabrik, 
und andere Fabriken haben, obgleich sie Menschen 
nährten, Industrie beförderten, und dem Lande 
zur Ehre gereichten, längst aufgehört, entweder, 
weil sie dem Landesherrn Geld kosteten, oder 
aus anderen Gründen. 
Sehenswerth sind die vielfältigen Produkte 
des neuesten Geschmacks und der Schönheit in 
allen Theilen der Ausübung, welche die Arnold- 
schen Papier-Tapeten dem Auge darbieten. Seine 
Fabrik ist die einzige im Lande. Er hat sie vor 
achtzehn Jahren aus eigener Industrie etablirt, 
und zum gegenwärtigen Grade der Vollkommen 
heit gebracht. Er beschäftigt über zwanzig Ar 
beiter. Außer dem einheimischen Verbrauch geht 
vieles von seiner, selbst von den Franzosen be 
wunderten Waare ins Ausland, meistens nach dem 
Norden, bis Hamburg, auch bis zur schwedischen 
Grenze. 
Als Herr Arnold mir die Tapeten - Muster, 
einige lackirte Theebretter und andere Gegenstände 
seines Genies zeigte, erinnerte er mich, zu be 
merken, daß sich verschiedene Töpfer*) in Kassel 
in ornamentalen Oberöfen auszeichnen, und es 
in der Kultur dieser Arbeit seit zehn Jahren sehr 
weit gebracht haben. 
Ich bezeugte Herrn Kommerzienrath Bähr 
meine Achtung. Er hat, ohne Eigennutz, sondern 
blos um den Armen eine wohlthätige Beschäfti 
gung zu geben, ein Fabrikwesen seit sechs Jahren 
etablirt. Es werden darin Wollenband, Halb 
wollenband, Leinenband, und Baumwollenband 
gewebt; ferner Kattunets und Kottonaden; unter 
jenen versteht man gewürfelte, und unter diesen 
gestreifte und geflammte baumwollene Zeuge; 
endlich Tücher. Alles zum inneren Verbrauch. 
Beim Anblick dieser Artikel fiel mir ein, in 
einem ganz neuen Buche gelesen zu haben, daß 
Kassel, außer einer Seidenband-Fabrik, keine 
Fabriken besitze. Ich erkundigte mich nach einer 
solchen Band-Fabrik. Man gab mir zur Ant 
wort: Seidenband wird in Kassel gar nicht ge 
macht ; der Bedarf wird aus der Schweiz bezogen. 
Spitzen wurden ehedem viel in Kassel geklöppelt. 
Jetzt ist es fast aus damit. Andere Gegenden 
haben diesen Erwerb verdrängt. 
Lederne Handschuhe, von allerlei Art und Güte, 
werden in Kassel in großer Anzahl gemacht und 
weit und breit vertrieben. 
Die Tressen-Fabrik von Des Coudres ist zu 
bemerken. Sie arbeitet jetzt stark fürs Militär. 
Der Hut-Betrieb, wiewohl in großem Umfange, 
ist hier mehr als ein bloßes Handwerk anzusehen. 
Inzwischen zeichnet sich Herr Männlich in feiner 
Waare aus. Wachskappen für Hüte werden in 
Kassel in Menge, und von besonders guter 
Qualität, verfertigt. 
Eine Tuchfabrik von Schiede liegt gegenwärtig 
danieder. Strube, ein Osteroder, macht Flanelle 
und Kamelotte, auch wollene Tücher, jedoch von 
keiner sonderlichen Bedeutung. 
Von zwei Karton- und Spielkarten - Fabriken, 
die immer von der Vollkommenheit weit entfernt 
waren, ist die eine abgefallen, und die andere 
im Abfallen. Ein verständiger Arbeiter könnte, 
wenn er diesen Artikel besser lieferte, seinen 
guten Nutzen davon ziehen. Mehrere Papier 
mühlen im Lande würden ihn bequem mit dem 
rohen Bedarf versehen. 
Eine vorgehabte Saffian-Fabrik, ich glaube 
für Rechnung des Ministers von Waitz, hat nicht 
gelingen wollen. 
Tabaks-Fabriken gibt es drei, wovon die von 
Thorbeck bei weitem die ansehnlichste ist. Man 
bedient sich des holländischen Schneidezeuges und 
arbeitet darauf bis zu jeder verlangten Feinheit. 
Thorbeck fabrizirte sonst allein Virginia; seit 
einigen Jahren aber mischt er Landgut darunter. 
Er ist aus Zwoll gebürtig, und gehört zu der 
bekannten Familie von Thorbeck, deren Wappen 
er auf seine Päckchen druckt, und die Sorten des 
Tabaks mit Lit. A. ß. etc. bezeichnet. Der 
Absatz ist vornämlich nach den Rheingegenden. 
Man wollte in Kassel vermuthen, daß Thorbeck 
seine Fabrik würde eingehen lassen. Mit dem 
Fabriziren des Schnupftabaks will es in Kassel 
gar nicht recht von statten gehen. 
Den hessischen Landtabak baut man in Ullen 
dorf, Eschwege und Wannfried, in der Nähe der 
Werra, in einem Bezirk von acht Stunden. Er 
wird meistens in Kassel in Rollen gesponnen, und 
größtentheils im Hessischen verraucht. 
Es wird auch Stärke und Puder in Kassel 
fabrizirt. 
Das sogenannte Kasseler Gelb, heißt sonst im 
Allgemeinen Mineral-Gelb, und, wenn es aus 
Frankreich kommt, Pariser-Gelb. Mennige und 
Salmiak sind die Haupt-Bestandtheile. Es ist 
eine Malerfarbe. Der Assessor Flügger, Eigen 
thümer der Einhorns-Apotheke in Kassel, verfertigt 
sie nach der von ihm verbesserten Methode von 
Turner in London, wo er die Zubereitung zuerst 
gelernt hat. Das Kasseler Gelb wird weit verschickt. 
G. E. Habich, ein Mann von Industrie, 
fabrizirt Salpeter, Salmiak rc.; ferner Berlinerblau 
in verschiedenen Sorten. Auch hat er eine blaue 
Waschfarbe erfunden, wovon er die flüssige eine 
Wasch-Tinktur, die in Kugeln aber Hamburger 
blau nennt. 
Die Gebrüder Breithaupt, vorher in Philipps 
thal, verfertigen seit einigen Jahren in Kassel 
*) Der gemeine Mann in Hessen nennt sie Gräper.
	        

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