Full text: Hessenland (3.1889)

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Der Weber erhält für die Bearbeitung des 
vom Fabrikherrn ihm gegebenen Garns, 1 Rthlr. 
6 Ggr. (Carolin ä 6'/ 2 Rthlr.) per Stück von 
circa 25 Kasselschen Ellen; die Breite vom Web 
stuhl ab, ist 7/4. Er webt lieber Kattun als 
Leinwand; denn bei jenem strengt er seine Kräfte 
nicht so sehr an. Bei gutem Garn kann ein 
Stuhl wöchentlich 2'/* Stück Kattun von der 
obigen Beschreibung liefern. 
Bei der weißen Waare wird die gewöhnliche 
Bleiche beobachtet. Zur künstlichen Methode fehlt 
es an aufmerksamen Arbeitern. 
Zum Kalandern braucht man hier Metall zur 
Mittelwalze. Die obere und untere Walze be 
stehen aus an einander gereiheten Pappdeckeln, 
die durch eiserne Scheiben und Stäbe zusammen 
gehalten werden. Sie leisten bessere Dienste, als 
die dem Springen leicht unterworfenen hölzernen, 
sie müßten denn von Pockholz sein. Außerdem 
hat der Fabrikherr zwei Walzen von Pockholz, 
und die mittlere von Pappe. Jedoch ist die 
Wirkung dieses Werkes schwächer, und dient blos, 
um von Pferden getrieben zu werden, wenn ent 
weder kein Wasser vorhanden ist, oder Hinderungen, 
das Wasser zu benutzen, eintreten. 
Die Zahl der Arbeiter war in den besten 
Jahren etwas über 300, die Weber nicht mit 
begriffen, die damals noch nicht sehr in Anschlag 
kamen. Gegenwärtig läuft die Zahl der sämmt 
lichen Arbeiter, mit Einschluß der Weber, zwischen 
250 und 260. Zur Unterhaltung der Arbeiter, 
mit Ausschluß der Weber, wird im Durchschnitt 
von guten und schlechten Zeiten, die jährliche 
Summe von 18 bis 20,000 Rthlr. erfordert. Die 
Arbeiter sind, vier etwa ausgenommen, worunter 
ich einen Hamburger Drucker fand, insgesammt 
Landes-Einwohner. 
Den Absatz der auf Agathof verfertigten Zitze 
kann man ungefähr folgendermaßen bestimmen. 
Ein Viertel geht nach Niedersachsen, hauptsächlich 
zur Braunschweigischen Messe; ein Viertel nach 
Osnabrück, Paderborn und Ostfriesland; ein 
Viertel nach Franken und Schwaben, mittelst der 
Frankfurter Messe. Von dem Rest geht ein 
mäßiger Theil nach Sachsen, wohin der Absatz 
ehemals größer war;' jetzt aber ist die herabgesetzte 
preußische Münze dem Verkehr nachtheilig. Ein 
kleiner Theil geht zuweilen nach der Schweiz. 
Etwa ein Achtel bleibt in Hessen. Seit einem 
Jahre machen einzelne Bestellungen Hoffnung, den 
vormaligenHandelnachHollandwiederanzuknüpfen. 
Die beste Periode des Absatzes, war zwischen 
den Jahren 1792 und 98. In der Folge schadete 
die Abtretung des linken Rheinufers, und der 
aufgehobene Verkehr mit Holland und Brabant, 
dem ferneren Emporkommen. Mächtig schadete 
zugleich die Ueberschwemmung von Britischen 
Artikeln. Dadurch wurde die Fabrik auf die 
ursprüngliche Periode von 1785 bis 92 zurück 
gesetzt. Obgleich nun jene Ueberschwemmung durch 
die bekannte allgemeine Handlungs-Sperre sus- 
pendirt ist, und die Bestellungen, aus eben diesem 
• Grunde, täglich zunehmen, so kann doch die gegen 
wärtige Periode keineswegs zu den glücklichsten 
gezählt werden. Denn es fehlt an den unentbehr 
lichsten Bedürfnissen; die vorigen Preise fallen 
weg, und steigen beträchtlich; bei einer längeren 
Sperre, dürfte man vielleicht zu keinem Preise 
irgend eine gute Waare liefern können. 
Im besten Jahre der vorberührten besten 
Periode, belief sich das ganze Quantum des Ab 
satzes auf nahe an 10,000 Stück von 18 bis 19 
Brabanter Ellen per Stück, im Durchschnitt ge 
rechnet. Der Werth derselben läßt sich auch im 
Durchschnitt nicht füglich angeben; denn theils 
hängt er von den Bestellungen ab, ob selbige 
mehr oder wenige Fabrikations-Kosten erfordern; 
theils von den höheren und niederigeren Preisen 
der Farbe-Materialien, der rohen Kattune und 
des Garns. Inzwischen möchte der Durchschnitt 
von dem, was die Waare fertig kostet, ungefähr 
100,000 Rthlr. jährlich sein. Das niedrigste 
Quantum der abgesetzten Stücke, kann man auj 
6000 annehmen; darunter ist es bis jetzt nicht 
gewesen. — 
Die Wachslichter-Fabrik vor dem alten Weißen 
steiner Thor, ist sehr bedeutend. Ein Braun 
schweiger, Namens Rabe, hat sie, vor ungefähr 
fünfzig Jahren, auf herrschaftliche Kosten an 
gelegt. Sie wird von Steitz, seinem Schüler, 
fortgesetzt. Der größte Theil des rohen Wachses 
wird aus Bremen bezogen. Die Bleiche faßt 
22,000 Pf.; sie war ganz mit Wachsspähnen be 
legt. Ein Jahr ins andere soll der jährliche Ab 
satz von Wachslichtern 50,000 Pf. betragen. 
Von der ehemaligen Heymschen Talglichter- 
Fabrik hört man jetzt nichts mehr. 
Simon Steitz, Hof-Konditor, errichtete vor 
vierzig Jahren, aus eigenem Genie und Antrieb, 
eine Steingut-Fabrik, die hier gemeiniglich die 
Vasen-Fabrik genannt wird. Sie liegt der eben 
gedächten Steitzischen Wachsfabrik gegenüber, und 
liefert vornämlich theils einfarbige, theils mar- 
morirte Vasen und Büsten, auch schöne schwarze 
Terracotta-Figuren. Der Unternehmer hat sich, 
bei seinem Kunstfleiß und seiner vortrefflichen 
Arbeit, weder durch einen hinreichenden Absatz, 
noch sonst aufgemuntert gefunden. Daher hat 
die Fabrik schon seit geraumer Zeit still gelegen. 
Jetzt, glaubt man, wird sein Schwiegersohn, der 
ehemalige Kanzellist Knierim, selbige in Auf 
nahme bringen. Es wäre ein Wunder, wenn 
gerade jetzt dem Wesen ein Glücksstern scheinen 
> sollte. *
	        

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