Full text: Hessenland (3.1889)

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Magyarenblut und Magharenstolz -waren sein 
drittes Wort. Er ließ seine Helden gern 
Aristokraten sein, denn er schrieb für ein bürger 
liches Publikum, das wenigstens im Feuilleton 
seines Tageblattes gern in den höchsten Kreisen 
verkehrte. Er schilderte mit Vorliebe, was er 
noch nie gesehen; aber dazu war er gedrängt 
worden. Versuchte er eine Erzählung, schlicht 
und echt, wie sie im Leben sich abspielt, wie sein 
Herz sie spiegelte, dann lehnten die Herren 
Redakteure ab und meinten: „Unser verwöhntes 
Publikum verlangt nach anderen Gewürzen!" 
Herr Peters sah ein, daß selbst die Menschen 
des sterbenden neunzehnten Jahrhunderts, der 
großen Menge nach, noch Kinder sind, denen 
das Märchen oder der Polizeibericht interessauter 
ist, als eine ehrliche, gesunde Wirklichkeit. Zu 
gleich empfand er freilich, daß er auf diese Weise 
wohl den Redakteuren und großen Kindern, nicht 
aber sich selbst genug thun würde. Er kam sich 
vor wie einer der pomphaften Deklamatoren der 
alten Schule, der um die Welt nicht in einen 
natürlichen Ton verfallen wäre, oder wie ein 
Mensch, der sein Gesicht verzerrt, um Andere zu 
unterhalten. So oft seine brillanten, aktuellen 
Novellen erschienen, sagte er zu sich: Das ist 
ja, als hätte ich es in wirrem Fiebertraum ge 
sprochen, das ist keineswegs, was ich gern gesagt 
hätte. 
Herr Peters war auch außerdem unzufrieden 
mit seinem Leben. Es gab ihm nicht genug her, 
es beantwortete wenige seiner Fragen, es erfüllte 
fast keines seiner geistigen Bedürfnisse, denn er 
lebte zurückgezogen in einem kleinen, hessischen 
Neste, einem Orte, gerade gut genug zu eifrigem 
Schassen, aber eine Warte, von der aus man 
hätte Zeit und Leben beobachten können, war es 
nicht. 
Freilich that Herr Peters in dieser Beziehung 
viel, um sich auf der Höhe seines Berufes zu 
erhalten. Er reiste zuweilen Monate lang; sein 
Kopf war voll von Bildern der bewegten Zeit, 
sein Tisch von Journalen. Auf seinen Bücher 
gestellen versammelten sich die feinsten und 
größten Geister der Vergangenheit und Jetztzeit 
— aber er schämte sich vor ihnen. Er verstand 
sie, und er wußte, daß ein Mensch, der das 
Höchste versteht, es entweder erreichen — oder 
es stillschweigend über sich hinausragen lassen 
muß. Woher hatten jene Helden des Geistes 
den Muth genommen, so groß, einfach und wahr 
zu sein? Hatte ihre Zeit die Wahrheit besser 
zu würdigen gewußt? Im Gegentheil, die 
Meisten von ihnen hatten gehungert und gedarbt. 
Er dachte an Cervantes, an Schiller, an Wagners 
Anfang. 
Aber er mußte Geld haben, so viel Geld als 
nur immer möglich und die aktuellen Feuilletons 
nahmen ihren Fortgang. Wozu brauchte er, die 
bescheidenste Kreatur unter der Sonne, Geld und 
immer wieder Geld? 
Nicht für sich, lieber Leser, sondern für seinen 
Sohn Heinrich, der ein Taugenichts war. 
Herr Peters stand am Fenster und fand die 
uralten, schlafmützigen, schlummertrunkenen Häuser 
des Städtchens schmutzig und langweilig. 
Er verwünschte den Jungen in den großen, 
schleppenden rothen Plüchepantoffeln, der Pfeifend 
mit den Wassereimern vom mägdeumstandenen 
Stadtbrunnen kam. Er sah den Wachtmeister 
gravitätisch durch die Straßen stolzieren und 
hörte die eintönige Stimme des Ausrufers an 
der Ecke. „Es sollen am Freitag den 25. Februar 
meistbietend verkauft werden" —. Er hatte diese 
Scene tausendmal gesehen, und es schien ihm, 
als seien die Bewegungen und Stimmen an den 
Leuten festgewachsen. Er fand nichts Anregendes 
oder Daseinbelebendes in seiner Umgebung. 
Er nimmt die Brille ab, Putzt sie und nachdem 
er sie wieder auf die blöden Augen gesetzt, gewinnt 
er durch die Spalte zwischen den Nachbarhäusern 
einen Blick auf den in steter Regung schimmernden 
Fluß und die darüber sich erhebende sonnen 
beschienene Bergschlucht. Auf ihren Bäumen 
liegt ein leichter, grüner Hauch, wie Verheißung 
kommender Frühlingsherrlichkeit. 
Selbst der Frühling verjüngte Herrn Peters 
nicht mehr, denn er stand seinem sechzigsten 
Jahre nahe, und sein Kopf litt an der Müdig 
keit geistiger Ueberanstrengung. Aber der 
Frühling weckte die Jugend der Erinnerung. 
In einem der alten, bescheidenen Patricierhäuser 
des Städtchens hatten Herrn Peters Eltern ge 
lebt, gute, christliche, kreuzbrave Leute. Längst 
waren sie gestorben, und ihr Sarg war über 
die holperigen Pflastersteine getragen worden, 
die sie lebenslang zufrieden betraten. 
Er hatte eine schöne Schwester gehabt, die dem 
Geliebten über das weite Meer gefolgt und eine 
große Dame in New-Pork geworden war — 
weltlich vornehm, der Heimath entwachsen. Ihre 
Kinder — reizende, blonde, englische Babies, 
spitzenumhüllt und zartgliederig wie Puppen, 
waren als Photographien zu Herrn Peters ge 
kommen, sie lagen in Seidenpapier gewickelt in 
seinem Pult. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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