Full text: Hessenland (3.1889)

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Auch Richard Löpel und das echte Pilsener 
bei Howald erschienen dem Amtsrichter entbehr 
licher als das herzliche Lachen der Nichte, und 
er kürzte die „Sitzungen" am Sonnabend nach 
Möglichkeit ab. 
Jedoch, Max Binder war durch den Besuch 
der Nichte nur angenehm unterhalten, es that 
ihm wohl, mit ihr zu lachen, aber das still ver 
schwiegene Leid über seine große Herzensent 
täuschung nagte unausgesprochen fort. 
Trotzdem empfand Jeannette Reue über den 
Scherz der Verstellung, und wurde sich bewußt, 
daß sie darin zu weit gegangen war. Instinktiv 
fühlte sie, daß sie ein frevelhaftes Spiel mit 
der Neigung ihres Gatten getrieben hatte. Eine 
eifersüchtige Regung stieg in ihrem Herzen auf, 
wenn sie die kleinen Aufmerksamkeiten beobachtete, 
mit welchen der jugendschöne Gast ihren Gatten 
umgab. 
Sidonie trug zuletzt eine geradezu fanatische 
Verehrung für den Amtsrichter zur Schau, und 
nicht selten erschien es Jeannette als trete sie 
gradezu störend zwischen die halblaut und eifrig 
geführte Unterhaltung der Beiden. 
(Schluß folgt.) 
Hermann Riedesel nan der Kracken- 
bnrg. 
i. 
Zur Tapferkeit, wie sie dem Manne 
Zur heilten Pflicht gemacht Lykurg, 
Gesellte Biederkeit und Treue 
Der Ritter von der Brackenburg 
Der Landgraf*) war ihm wohlgewogen, 
Am Hofe ward er vorgezogen; 
Die Damen sah'n mit Wohlgefallen 
Auf ihn, den manche still verehrt; 
Dem Junker aber war von allen 
Ein schönes Edelfräulein werth. **) 
Erbmarschall Röhrigs ***) einz'ge Tochter -- 
Sie war des Ritters Herzenswahl, 
Und Margareth', von Lieb' beseeligt, 
Erkor nur ihn sich zum Gemahl; 
Doch ach! vergebens Margarethe 
Um Mitleid zu dem Vater flehte, 
Weil einen andern er erkoren, 
Der hoher Würdenträger war 
Und reicher, edler noch geboren, 
Sie führen sollte zum Altar. 
*) Ludwig I., der Friedfertige, regierte über Hessen 
von 1413 bis 1458. 
**) Es war eine der schönsten und tugendhaftesten 
Damen Kassels. 
***) Eckhard Röhrig von Röhrenfurt, oder Röhrenfort 
hatte sich als Rathgeber ves jungen Landgrafen in den 
ersten Regierungsjahren desselben große Verdienste um 
das Haus Hessen erworben. Zm Fahr 1418 war er 
Landvogt von der Loyne oder Lahn und 1423 in Hessen. 
Landgraf Ludwig suchte ihn durch die Ertheilung des 
Erbmarschall-Amtes zu belohnen. 
C. W. Justis Hessische Denkwürdigkeiten. 
„Die reiche Erbin meiner Güter 
Soll keines Abenteurers Lust 
Und Beute werden! tt sprach der Marschall, 
Hing weinend sie an seiner Brust. 
Der Landgraf selbst in edlem Sinne 
Nahm Antheil an der Buhlen Minne, 
Daß er dem Marschall offenbarte, 
Sein Starrsinn mache ihm Verdruß; 
Der Marschall aber nicht willfahrte, 
Unwandelbar blieb sein Entschluß. 
H. 
Schon neigte sich der Tag dem Ende — 
Und in der Abendsonne Pracht 
Lag Flur und Wald, den einst durchirrte 
Der Ritter Hermann auf der Jagd, 
Als plötzlich aus dem Hinterhalte 
Ein lauter Hülferuf erschallte. 
Er forscht, woher die Töne hallen — 
Ein jäher Schrecken sträubt sein Haar, 
Den Marschall sieht er überfallen, 
Im Wald von einer Räuberschaar. 
Beiseite wirft er Speer und Bogen 
Zu Ende ist die Jagd; es gilt 
Durchs Schwert jetzt muthig zu erlegen 
Des dichten Waldes schlimmstes Wild. 
Drauf stürzt er mit geschloss'nem Helme 
Sich auf die räuberischen Schelme. 
Wie aus Gewölk dem Donnergotte 
Verheerend Blitz auf Blitz entfährt, 
So auf die Häupter jener Rotte 
Zuckt rechts und links des Ritters Schwert. 
Laut hallt der Wald vom Schwerter-Klirren, 
Der Boden dröhnt, aufwirbelt Staub, 
Die aufgescheuchten Vögel flüchten, 
Das Wild birgt ^sich im dichten Laub.
        

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