Full text: Hessenland (3.1889)

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Der Amtsrichter griff nach der Weinflasche 
und fragte: 
„Willst du weiß oder roth, Jeannette?" 
Ach, das ist mir ganz gleichgiltig!" 
Unmuthig sah er sie an und grollte: 
„Es soll dir aber nicht gleichgiltig sein!" 
„Wirklich, nimm nur welchen du willst; es ist 
mir einerlei, was ich trinke", erwiderte sie ge 
langweilt und gab die Suppe auf. 
In demselben Augenblick klingelte es heftig 
an der Vorgangsthür welche in Binders Wohnung 
führte. Man hörte darauf im Flur undeutliches 
Geflüster, leises Kichern, und plötzlich wurde die 
Thür des Eßzimmers weit aufgerissen. Ein 
bildhübsches, junges Mädchen, im Reiseanzug, 
blieb im Rahmen derselben stehen, breitete die 
Arme aus und rief: 
„Da bin ich! Ihr seid doch hoffentlich vor 
Freude außer euch?" 
„Siddy, Siddy! Blitzmädel, wo kommst du 
denn heute schon her! Sei willkommen, herzlich 
willkommen!" scholl es ihr kräftig entgegen. Der 
Amtsrichter war wie elektrisirt aufgesprungen 
und schloß die junge Dame herzlich in seine 
Arme. 
„Dank, Herzens-Onkel!" erwiderte {bie Be 
grüßte mit etwas nasalem Tonfall. „Frau 
Majorin Ouanz reiste heute hier durch und da 
du mich absolut, so bald wie möglich, haben 
wolltest, bestimmte Mama, daß ich die günstige 
Gelegenheit eines guten Reisemarschalls benutzte, 
und — so bin ich da! Heisa! Entflohen dem 
Versauern in der Kleinstadt!" 
Jeannette war langsam näher getreten, reichte 
dem Gast die Hand und sagte mäßig freundlich: 
„Sei auch mir willkonmien-, liebe Nichte, lege 
ab, und nimm gleich vorlieb mit dem was wir 
haben." 
Das junge Mädchen richtete ihre dunklen, die 
Familie Binder kennzeichnenden Augen, freund 
lich auf die Sprecherin und sagte bittend: 
Du mußt mir schon erlauben, dich nicht Tante, 
sondern Jeannette zu nennen. Unter der Be 
ziehung : Tante, schwebt mir stets etwas Matronen 
haftes vor, und nicht so eine hübsche, junge Frau, 
wie du ! Gelt, darf ich?" 
„Wie du willst, Sidonie. 
„Kommt jetzt, die Suppe wird kalt!" rief 
Binder und nahm eigenhändig das Reisefilz 
hütchen vom welligen, kastanienbraunen Scheitel 
des Fräuleins. Wirr umgab ihr das Haar die 
niedrige Stirn; es war am Hinterkopf einfach 
zu einem Knoten verschlungen. 
„Bist noch immer derselbe Krauskopf Siddy," 
sagte der Amtsrichter und strich ihr die Löckchen 
aus den Augen. 
„Und auch noch immer derselbe Toll- und 
Querkopf" erwiderte sie lachend „und werde dir 
dein Haus rum und dum kehren"; dann schob 
sie unvermuthet den neben ihr Stehenden mit beiden 
Händen in ein besseres Licht, sah musternd empor 
in sein Gesicht und erklärte halb neckend, halb 
ernst: 
„Aber d-u Onkel bist nicht derselbe geblieben! 
Was soll denn die 'garstige Sorgenfalte da 
zwischen den Augen? Die wollen wir mal so 
bald wie möglich beseitigen." 
Er lachte gezwungen und Jeannette warf einen 
heimlich-bestürzten Blick auf das Antlitz des 
Gatten. 
Die Hausfrau ließ ein drittes Gedeck auflegen, 
und bald war es dem jugendfrischen Gast ge 
lungen, daß in dem bisher so stillen Raum 
herzliches Lachen erklang und daß selbst Jeannette 
nur mit Mühe ihre kühl gemessene Haltung be 
haupten konnte. Plötzlich sagte die Angekommene: 
„Höre Jeannette, nimm dich nur in Acht, 
daß ich dir den Onkel nicht abwendig mache! 
Ich habe von jeher eine Vorliebe für ihn ge 
habt!" 
Bei diesen Worten streichelte sie dem neben 
ihr Sitzenden die Hand und kicherte: 
„Eine richtige, Bindersche Riesenpfote!" 
„Und du hast das richtige Bindersche Schand 
maul!" 
„O, nein! Das sowohl, wie die krumme 
Hakennase gehört in die Möringsche Sippe." 
In dieser neckischen Art führten sie die Unter 
haltung bei Tische weiter und später wurde sie 
in derselben Weise fortgesetzt. Es ward lebendig 
im stillen Hause und Sidonie von Möring, 
welche die Gabe hatte, leicht heimisch zu werden, 
bedurfte nur weniger Tage, um sich vollkommen 
als Familienglied zu fühlen. 
In diesen wenigen Tagen wurde es Jeannette 
herzlich schwer, sich in der angenommenen Rolle 
einer langweiligen Frau zu behaupten; fast be 
reute sie, so bereitwillig auf die Intrigue ihrer 
Herzensfreundin, Anna Löpel gegen ihren Max 
eingegangen zu sein. Ein gewisser Ehrgeiz, auch 
Eigensinn, trieb sie zur gewissenhaften Durch 
führung der übernommenen Aufgabe; jedoch war 
sie froh, sich ihrem Gatten bald in ihrer wahren 
Gestalt zu zeigen. Freilich ahnte Jeannette nicht 
in welchem Grade ihr Max unter dem kühlen 
Wesen seines Weibes litt; sie kannte ihn zu 
kurze Zeit, um die stolze Verschlossenheit seines 
Herzens richtig zu beurtheilen. 
Da kam die Nichte dazwischen. 
Schön, jung und berückend liebenswürdig, 
stellte sie die schweigsame Tante sofort in ein 
ungünstiges Licht, und der Amtsrichter gab sich, 
nach der langen Oede seines Gemüthslebens, dem 
.Zauber ihres Wesens mit doppeltem Genusse hin.
        

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