Full text: Hessenland (3.1889)

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der Bankbeamte und blickte forschend in's Antlitz 
des Freundes. 
„Gewiß; wer erst an einen ordentlichen Haus 
halt gewöhnt ist, wird für kleine, nebensächliche 
Unordnungen hellsehend." 
„Das ist wahr: aber das meinte ich eben nicht. 
Du selbst bist anders!" 
Binder seufzte, strich mit der kräftigen Hand 
über die sich bedenklich erweiternde Nacktheit des 
Schädels und erwiderte zerstreut : 
„Findest du?" 
Darauf sprang er rasch empor, trat in die 
Thür und polterte: 
„Was ist denn das für eine Bedienung?! 
Kellner! Zwei Pilsener, und den Speisezettel!" 
Ein Kellner, welcher den Herren fremd war, 
brachte die gewünschten Dinge. Nachdem die 
Ankömmlinge sich etwas aus dem Speisezettel 
erwählt hatten, eilte der Befrackte davon und 
Löpel nahm sein Glas, stieß an dasjenige des 
Freundes und ermunterte: 
„Prosit, Amtsrichterchen! Auf daß du auch 
bald wieder der Alte bist. Sag' nur um Gottes 
Willen: wo hast du dein joviales Lachen ver 
graben?!" 
Als Antwort erfolgte nur ein ablehnendes 
Kopfschütteln. 
„Nein, ich lasse diesmal nicht los! Hast du 
amtliche Verdrießlichkeiten? Oder kann ich dir 
in irgend einer Sache helfen?" 
Max Binder legte die Rechte wuchtig auf den 
Tisch; seine dunklen Augen schauten düster drein 
und er erwiderte in verhaltenem Groll: 
„Pah ! Ich helfe mir schon selber. Die Kirchen 
stille in meinem Heim kann ich nicht mehr er 
tragen; deshalb habe ich mir meine lustige Nichte, 
Sidonie von Möring eingeladen. Du kennst sie von 
der Hochzeit her. Ein brillantes Frauenzimmer!" 
Der Kassierer lehnte sich im Stuhl — auf 
welchem er Platz genommen — zurück; sein Ant 
litz drückte Erstaunen aus; er trommelte mit der 
mageren Hand ungeduldig auf dem Tisch und 
fragte Verständnißlos: 
„Kirchenstille? — Nichte eingeladen? — Ich 
begreife nicht!" 
Der Amtsrichter drehte ingrimmig an seinem 
dichten Schnurrbart; plötzlich brach er heftig los, 
nur mit Mühe dämpfte er auf einen Wink des 
Kassierers die markige Stimme. 
„Ja, weißt du Richard, ich habe schon lange 
auf dem Herzen dir vor zu werfen, daß du mich 
hättest bei Zeiten davor warnen sollen, mich 
nicht an eine so kühle Natur wie Jeannette ist, 
zu binden; du kanntest sie doch genau." 
„Jeannette eine kühle Natur? — Ich dich 
warnen, dich, den Frauenkenner? — Ach, du 
scherzest! Und — Jeannette ist nicht kühl!" 
„Gut, zu deiner Ehre will ich glauben, du 
habest meine Frau ungenügend gekannt. Nur 
so viel will ich dir verrathen: von dem Phlegma 
— um nicht zu sagen — der Langweiligkeit, die 
sie in sich trägt, kannst du dir keine Vorstellung 
machen!" 
Der Amtsrichter, welcher, die Hände auf dem 
Rücken, erregt im Zimmer auf und nieder ge 
gangen war, trat an den Tisch und leerte sein 
Glas hastig und in einem Zuge; unsanft setzte 
er es auf die Platte des Tisches und fügte in 
bitterem Sarkasmus hinzu: 
„Wenn sie wenigstens noch schmollte!" 
„Was?!" Richard Löpel warf einen ganz be 
stürzten Blick auf den Freund; beklommen kam 
ihm über die Lippen: 
„Davon habe ich ja keine Ahnung; ich höre 
es zum ersten Mal!" 
„Sollst auch nichts weiter davon hören, mein 
Junge! Ist nicht meine Art. Will mich schon 
zurecht finden; aber — ich habe mir die Sache 
schöner gedacht!" 
Mit der ihm eigenthümlichen, wegwerfenden 
Handbewegung setzte er hinzu : „Ueberhaupt ist 
es mit dem Heirathen wie bei der Lotterie: die 
Gewinne kommen an die große Glocke, und die 
Nieten werden verschwiegen! — 
Richard Löpel war zu sehr benommen von deni, 
was er gehört; er kannte seinen verschwiegenen 
Max zu genau und wußte, daß, wenn er sich 
über eine heikle Sache äußerte, bei ihm alle 
Hoffnung sie zu bessern, verloren sei. 
Wortkarg saßen die Freunde beisammen und 
früher, als sie geplant, traten sie gemeinsam den 
Heimweg an. Mit einem mißgestimmten „Gute 
Nacht" trennten sich die Freunde. 
-st -st 
-st 
Es war zwei Uhr Mittags. Um diese Zeit 
ging das Ehepaar Binder zu Tisch. Das soge 
nannte „stilvoll" wäre bei ihrer Zimmerein 
richtung nicht angewandt gewesen, dagegen war 
sie geschmackvoll in jeder Beziehung. 
Die junge Hausfrau hatte sich — bis auf 
einen müden, gelangweilten Ausdruck ihres Ant 
litzes — wesentlich zu ihrem Vortheil verändert. 
Das Haar, welches Krankheit ihr einst geraubt, 
trug sie wieder anmuthig geordnet und die vor 
dem bleichen Wangen hatten einen zart rosigen 
Anhauch bekommen. Jedoch die auffallend gleich 
gültige Miene paßte so wenig zu ihrem ganzen 
Wesen, daß man sich mit Bedauern davon ab 
wendete. 
Das Paar ließ sich schweigend an dem solid 
gedeckten Tisch, im holzgetäfelten Eßzimmer 
nieder.
        

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