Full text: Hessenland (3.1889)

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Wissenschaft studierte, durch den Tod verlor. Erst 
im Frühjahr 1845 durfte er in seine Wohnung 
zurückkehren und hatte nicht mehr unter einer 
drückenden Bewachung zu leiden. Endlich am 
17. Oktober 1845 erfolgte das Urtheil des Ober- 
Appellationsgerichts.HinsichtlichderAnschuldigung, 
zu dem Frankfurter Attentat mitgewirkt zu haben, 
wurde Jordan nicht blos von der Instanz ent 
bunden, wie in dem obergerichtlichen Erkenntniß, 
sondern völlig freigesprochen. Hinsichtlich der 
Anschuldigung, von dem Attentat Mitwissenschaft 
gehabt, aber eine Anzeige unterlassen zu haben, 
wurde er aus der Untersuchung entlassen, was 
einer Freisprechung ziemlich nahe kam und 
günstiger war, als wenn er nur von der Instanz 
entbunden worden wäre. Zugleich wurde er wegen 
ungeziemender Aeußerungen in seiner Beschwerde 
schrift zu einer Ordnungsstrafe von 5 Thalern 
verurtheilt. 
Wenn man sich auf Grund der früher geschil 
derten Zeugen-Aussagen und verdächtigenden That 
sachen ein Urtheil bilden will, so wird man, 
was die Anschuldigung einer Betheiligung an 
dem Attentat betrifft, ihn in Uebereinstimmung 
mit den beiden Gerichts-Erkenntnissen entweder 
für unschuldig erklären, oder die Beweise der 
Schuld mindestens für ungenügend erachten. 
Denn ein Mann, wie Jordan, konnte für ein so 
unsinniges, so gänzlich aussichtsloses Unternehmen 
unmöglich gewonnen werden. Anders steht es 
mit der Anschuldigung, daß er Kenntniß von dem 
Attentat gehabt, aber eine Anzeige unterlassen 
habe. Hierbei wird man billiger Weise von der 
Unterscheidung des juristischen und des in der 
gebildeten Gesellschaft herrschenden sittlichen Stand 
punktes ausgehen müssen. Es erscheint nämlich 
als unglaublich, daß ein urteilsfähiger Mann, 
wie Jordan, bei seinem täglichen Verkehr mit 
den Revolutionären Marburgs im Döring'schen 
Haus, wo er auch mit einem aus Frankfurt ge 
flüchteten und dort versteckten polnischen Major 
mehrnials zusammen traf, nicht Aeußerungen 
vernommen haben sollte, die sich auf den Plan 
zum Attentat, oder später auf die Theilnahme 
Einzelner an demselben bezogen hätten. Aber 
sei es, daß er solche Aeußerungen als prahlerische 
Renommisterie ansah, oder sie für unausführbar 
und darum ungefährlich erachtete, — genug, es 
widerstrebte ihm wahrscheinlich, Männer, die im 
vertraulichen Gespräch arglos ihre Gedanken ver 
riethen, bei der Polizei des Hochverraths zu be 
schuldigen oder nach dem Attentat den Versteck 
Geflüchteter anzuzeigen. Wer von uns hätte in 
damaliger Zeit, wo allgemeine Unzufriedenheit 
über die politischen Zustände und namentlich über 
die politischen Untersuchungen herrschte, wegen 
seines Schweigens einen Stein auf ihn werfen 
mögen? Man wird vielmehr nur sagen können, 
Jordan würde weiser und pstichtmäßiqer gehandelt 
haben, wenn er sich von jener revolutionär ge 
sinnten Gesellschaft gänzlich fern gehalten hätte. 
— Aber wenn man den streng juristischen Stand 
punkt zum Maßstab nimmt, so wird man nicht 
umhin können, mit dem Obergerichts-Erkenntniß 
den Angeklagten der Mitwissenschaft schuldig zu 
finden und demnach für straffällig zu erklären 
Um einem solchen Urtheil vorzubeugen, stellte 
vermuthlich Jordan, der ja als Rechtsgelehrter 
die gesetzlichen Bestimmungen kannte, jede Mit 
wissenschaft in Abrede und konnte sich dabei 
wenigstens in seinem Innern auf die vorher an 
gedeuteten gesellschaftlichen Ansichten stützen. Auch 
das Ober-Appellationsgericht scheint auf diese im 
geselligen Leben geltenden Ansichten Rücksicht ge 
nommen zu haben, indem es Jordan zwar nicht 
völlig frei sprach, aber aus der Untersuchung 
entließ. 
Durch die günstige Entscheidung des höchsten Ge 
richts hatten übrigens für Jordan die traurigen 
Folgen der Anklage ihren Abschluß noch nicht erreicht. 
Denn die Regierung versagte ihm den Wieder 
eintritt in seine amtliche Thätigkeit, obgleich sie 
ihm alle sonstigen Befugnisse seiner Stellung zu 
gestehen mußte. Erst das Jahr 1848 bewirkte 
hierin eine Aenderung. Es brachte Jordan in 
doppelter Hinsicht wieder zu Ehren. Als nämlich 
in den zu Marburg stattfindenden Volksversamm 
lungen der Märztage die ärgsten Schreier ganz 
offen zu revolutionären Schritten aufforderten, 
erwartete Jedermann auch von ihm, den die Kur 
hessische Regierung unermüdlich verfolgt hatte, 
die heftigsten Angriffe. Aber welches Erstaunen 
ging durch die aufgeregte Menge, da Jordan für 
die Regierung als Vertheidiger auftrat, zum Ver 
geben und Vergessen ermahnte und zur Aufrecht 
haltung von Ruhe und Ordnung aufforderte! 
Jetzt durfte er zufolge einer kurfürstlichen Verfügung 
auch wieder seine Thätigkeit als Professor auf 
nehmen, ja sogar seine Gegner, die niemals an 
seiner Schuld gezweifelt hatten, konnten ihm ihre 
Annerkennung nicht versagen. Ja er genoß nicht 
nur die Gunst der großen Menge, sondern er 
gewann auch das Vertrauen der Regierenden. 
Noch im Monat März wurde er von dem Wahl 
bezirk der Schwalm in den Kurhessischen Landtag 
gewählt und dort, als er zum ersten Mal wieder 
den Stündesaal betrat, von der Versammlung 
mit nicht endenwollendem Jubel begrüßt. In 
ähnlicher Weise begrüßte ihn die Volksmenge 
Abends vor seinem Äbsteige-Quartier mit stürmi 
schen Hochrufen, auf welche er mit einer Rede 
antwortete, deren Grundgedanke abermals: Ver 
geben und Vergessen war. Doch seine landständische 
Thätigkeit war nur eine sehr vorübergehende.
        

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