Full text: Hessenland (3.1889)

298 
\ 
plötzlich am 3. April die Rückreise nach Höxter 
an. Dieses Verhalten ist dem Gericht als ein 
Beweis erschienen, daß Jordan auf eine revlutio- 
näre Erhebung gewartet habe, um persönlich ein 
zugreifen, jedenfalls aber von der bevorstehenden 
revolutionären Unternehmung Kenntniß gehabt 
habe. Jordan dagegen leugnete solche Unter 
stellungen durchaus ab und erklärte seine rasche 
Abreise von Höxter damit, daß er die dem Minister 
Hassen Pflug zugesagte Verzichtleistung auf 
eine Wiederwahl dem Senat selbst habe mittheilen 
und an etwaigen Verhandlungen darüber habe 
theilnehmen wollen. 
Soviel ist für jeden Unbefangenen klar, daß, 
wenn die Aussagen Dörings ebenso viel Glaub 
würdigkeit beanspruchen konnten, wie die in Be 
treff der schleunigen Reise festgestellten Thatsachen, 
daß dann Jordan nicht nur der Mitwissenschaft, 
sondern auch der Theilnahme an den Umsturz- 
Plänen überwiesen war. Allein an der Glaub 
würdigkeit Dörings fehlte sehr viel. Dieser hatte 
nämlich schon in der letzten Zeit seines Marburger 
Aufenthaltes wegen seines lüderlichen Lebens 
wandels die Achtung aller Gutgesinnten eingebüßt, 
hatte später als Hammerwerksbesitzer bei L a a s p h e 
an einem Menschen, welchen er für einen Lieb 
haber seiner Zuhälterin hielt, ans Eifersucht einen 
Todtschlag verübt, weshalb er zu 6 Jahren 
Festungshaft verurtheilt wurde. Während er 
diese Strafe verbüßte, wurde er ferner, weil er 
überwiesen war das Haupt der Marburger Re 
volutionäre im Jahr 1833 gewesen zu sein, zu 
15 Jahre Festungshaft verurtheilt. Erst nach 
der letzteren Verurtheilung deutete Döring an, 
daß er, wenn er auf Begnadigung hoffen dürfe, 
wichtige Enthüllungen zu machen bereit sei. 
Daraufhin sicherte ihm — was ein sehr bedenk 
licher Schritt war — eine Königlich Preußische 
Kabinets-Ordre vom 18. Februar 1840 nach 
Maßgabe der Erheblichkeit seiner Geständnisse 
theilweise oder völlige Begnadigung zu. Nunmehr 
machte Döring die für Jordan so ungünstigen 
Aussagen, welche aus seinem Mund kommend 
gegründeten Zweifeln begegnen mußten. 
Durch die Menge von Judicien und von 
Zeugen-Aussagen, über welche der Angeklagte ver 
nommen wurde, namentlich auch dadurch, daß 
manche Zeugen aus weiter Ferne herbei geholt 
werden mußten, zog sich die Untersuchung und 
damit auch die Haft Jordans sehr in die Länge. 
Ein Gesuch des Gefangenen, ihn auf Bürgschaft 
aus der Haft zu entlassen, blieb erfolglos. Doch 
wurde das Obergericht durch ein ärztliches Zeug 
niß über Jordans leidenden Zustand dazu ver 
mocht, denselben im September 1841 aus dem 
Kerker in seine Wohnung überführen zu lassen. 
Hier wurde er Tag und Nacht von Gensdarmen 
bewacht, sodaß ihm, wenn er etwa einen Spazier 
gang machte, zwei Gensdarmen mit geladenen 
Pistolen ans dem Fuße folgten. Diese Erleichterung 
seiner Haft dauerte nur etwa 1 '/ 2 Jahr. Denn 
die Kurhessische Staatsregierung, welche offenbar 
eine baldige Verurtheilnng Jordans, den sie für 
ein Haupt der revolutionären Partei hielt, 
wünschte und das bisherige gerichtliche Ver 
fahren gegen ihn zu langsam und zu nachsichtig 
fand, versetzte den bisherigen Direktor des Gerichts 
Namens Arnold auf einen anderen Posten und 
bestellte statt seiner den Ober-Appellationsgerichts- 
Rath Bickell zum Direktor. Dies geschah im 
Anfang des Jahres 1843, worauf Bickell ver 
anlaßte, daß Jordan wieder in das frühere Ge 
fängniß zurückgeführt wurde. Erst am 14. Jul^ 
1843 erfolgte das Erkenntniß des Marburger 
Obergerichts, für welches Obergerichtsrath Heinrich 
Eg ge na, der auch die Hauptuntersuchung und 
zwar, wie Jordan ausdrücklich bezeugt, mit eben 
soviel Würde als Menschenfreundlichkeit geführt 
hatte, Referent, Dr. Bickell Korreferent gewesen 
war. In diesem Aktenstück, welches noch 14 
andere Angeklagte betraf, nahm das Gericht in 
Bezug auf Jordan an, daß derselbe in Anbetracht 
der großen Menge belastender Zeugen-Aussagen 
und Thatsachen trotz seines Leugnens als schuldig 
anzusehen sei, von dem Attentat vor dessen Aus 
führung gewußt, dasselbe aber der Behörde nicht 
angezeigt zu haben; daß er aber hinsichtlich der 
Anschuldigung, bei dem Attentat mitgewirkt zu 
haben, von der Instanz zu entbinden sei. Als 
Strafe wurde ihm Dienstentsetzung und fünfjährige 
Festungshaft zuerkannt. Gegen dieses obergericht 
liche Erkenntniß legte Jordan nicht nur durch 
den Rechtsanwalt Schantz zu Marburg Berufung 
an das Ober-Appellationsgericht zu Kassel ein, 
sondern verfaßte auch selbst eine Schrift zu seiner 
Vertheidigung. Auch von anderer Seite erschien 
eine Anzahl von Schriften, welche gegen das ver- 
urtheilende Erkenntniß gerichtet waren. So drei 
Schriften von A. Boden in Frankfurt, eine 
von den Professoren Welcker und Mittermaier 
in Heidelberg, eine von Jordans Schwiegervater 
Dr. Paul Wigand und noch mehrere andere. 
Ueberhaupt herrschte allgemein große Theilnahme 
für den Verurtheilten, welche unter anderen auch 
in dem Gedicht von Franz Dingelstedt: 
„Ostergruß für Kurhessen" ihren Ausdruck 
fand. Die Berathungen des höchsten Gerichts 
über die vorliegende Sache zogen sich bis zum 
Spätherbst des Jahres 1845 hin, ein Zeitraum, 
dessen größeren Theil Jordan noch als Gefangener 
auf dem Marburger Schloß zubrachte. Die Ein 
kerkerung war für Jordan um so drückender, als 
er während derselben seine älteste Tochter und 
seinen einzigen Sohn, der in Marburg Rechts-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.