Full text: Hessenland (3.1889)

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fein* letzte Novelle 
von M. Herbert. 
t err Peters war ein Mensch, der nach Er 
eignissen jagte und sein Jagdrecht sowohl 
im „Vermischten" der Zeitungen, als in 
biographisch gehaltenen Weltgeschichten, sowohl 
im Sommer in Bädern und auf Reisen, als im 
Winter im kleinen Neste seiner Heimath ausübte. 
Sehr willkommen waren ihm „Stimmungen", 
denn er lieferte Novellen für die Feuilletons ver 
schiedener Tagesblätter. Er war ein Gegenstück 
zu Alphonse Daudet's „L’homme ä la cervelle 
d’or“ —, er zog einen goldenen Faden aus 
seinem Gehirn und verwebte ihn — nur zu oft 
mit baumwollenem Einschlag — in irgend einen 
Stoff. 
Eigentlich verfluchte er den Tag, an welchem 
er entdeckte, daß hin und wieder ein Journal 
klingendes Geld bezahlt für klingendes Wort, 
hinter welchem irgend ein Gedanke sich birgt. 
Er hatte sich mit seinen Stimmungen und 
Gedanken wohl befunden, als er noch als Rector 
in der Knabenschule das Scepter schwang und 
begeistert den alten Homer mit den Jungen las. 
Damals waren sie gekommen wie friedliche 
Nächte nach schwerem Tag, wie Spiel nach Arbeit, 
wie der Klang von Sonntagsglocken nach dem 
Gewühl der Woche, liebe Freunde, die eintraten, 
wenn sie ihn allein wußten — oder wie eine 
Geliebte, die mit reinen Lippen seine Stirne 
berührte. 
Seit er aber den Schulmeister an den Haken 
gehängt und das Musenroß gesattelt hatte, 
waren sie nur noch wie Freunde, deren Güte wir 
schon einigemal mißbraucht haben - sie trauen 
der Uneigennützigkeit unserer Freundschaft nicht 
mehr. 
Es war kein toller Gaul, den Herr Peters 
ritt, und doch war der Pegasus tausendmal 
liebenswürdiger, zuthunlicher und anmuthiger 
gewesen, als er noch wie ein gehorsames Hüud- 
lein ungerufen hinter Herrn Peters herlief. 
Es ist nicht klug, aus einer Freude sich eine 
Pflicht zu machen; eine poetisch-schwärmerische 
Geliebte wird nicht immer eine gute Ehefrau — 
und es bleibt demüthigend und zeugt nicht gerade 
von einem Schritt vorwärts, wenn man ver 
pflichtet ist, sein Reitpferd vor eine Miethdroschke 
zu spannen. 
Herr Peters hatte etwas von dem Unab- 
hängigkeitsgesühl eines Poeten von Gottes Gnaden 
in seiner Charaktermischung, und er empfand die 
Journalistik als ein unangenehmes und störendes 
Metier, trotz aller Weisheit der Schriftsteller 
zeitung und der vorzüglichen Rathschläge von 
Dr. Joseph Kürschner. Die strickenden Heraus 
geber und störrischen Redakteure warfen immer 
und immer wieder Steine in die Fluth seines 
Lebens, wenn sie sich eben bereitete, in glatter 
Oberfläche freundlich die Bilder ihrer Ufer zu 
spiegeln. Unbewußt machte Herr Peters die 
Erfahrung, daß kein Mensch weniger zu 
sensationeller Tagesschriftstellerei befähigt ist, als 
einer, dem das zweite Gesicht der Poesie gehört 
und dessen Herz Gott mit besonders zarten, bei 
jeder Berührung klingenden, unter jedem Druck 
reißenden Saiten bezog. Herr Peters hatte auf 
dem neuen Felde seiner Thätigkeit tausend 
Unebenheiten und Schwierigkeiten gefunden. 
Er nahm sich in acht, eines Menschen wirklicher, 
vertrauter Freund zu werden, denn diesem 
Menschen hätte etwas sensationell Interessantes 
begegnen können, und dann hätte Herr Peters 
sich unfehlbar versucht gefühlt, eine Novelle 
daraus zu machen. Es ist ja ein weiter Schritt 
von poetischer Anlage zu schöpferischer Kraft, 
und es liegt in der Natur der meisten Vögel, 
sich die Wolle zu ihren Nestern von den Hecken 
oder vom Rücken der Schafe zu holen; nur 
wenige haben die Kraft, sich die Federn zu 
ihrem Bau aus der eignen Brust zu reißen. 
Herr Peters wäre gewiß nie mit Willen indiskret 
gewesen, dennoch wäre ihm das Ereigniß gewiß 
eines Tages unbewußt aus der Feder geflossen; 
denn jemehr seine Empfindung betheiligt war, 
um so weniger konnte er einen solchen Zufall 
verhindern. Er betrachtete also das Leben 
seiner Mitmenschen ziemlich von ferne — nicht 
zum Vortheil seiner Arbeiten; denn oft standen 
seine Gestalten nicht fest mit beiden Füßen auf 
dem Boden, wie die Gestalten Rafaels, sondern 
sie tänzelten auf den Wolken, wie die von 
Perugino. Dennoch konnte er nichts dazu, wenn 
er doch zufällig viel mehr von seinen Mitmenschen 
hörte und erfuhr, als Andere, die kein so theil- 
nehmendes Auge hatten. 
Aus einem ganz geringfügigen Ereigniß ver 
stand Herr Peters viel zu machen. Er drückte 
seinem von Natur träumerischen und nachdenklichen 
Pegasus die Sporen in die Weichen, daß er 
kurbettirte und emporstieg wie ein Schulpferd 
im Cirkus Renz. Er zog den friedlichen Ge 
stalten seines Gemüthes bunte Jacken an. 
Besonders gern verlegte er den Schauplatz seiner 
Handlungen nach Ungarn oder Rußland und 
ging gern auf Borg zu Jokai oder Turgenjeff.
	        

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