Full text: Hessenland (3.1889)

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stell er Heinrich König, in seinem Werke „Ein Still 
leben", bekämpften ohne Erfolg ein Uebel, das mit 
unregelmäßigen Blutergüssen den Körper zu er 
schöpfen drohte. Zuletzt schickten sie den Leidenden 
ins Ausland. Der russische Hof und die Aristokratie 
sahen den Erzieher des Thronfolgers, den sinnigen 
Dichter, den liebenswürdigen Hofmann und Gesell 
schafter, mit der verheimlichten Ueberzeugung scheiden, 
daß er nicht wiederkehren würde. Um einen alten 
Freund aufzusuchen, der sich eben bei einem in Hanau 
angestellten Forstbeamten aufhielt, kam Shukowsky in 
diese Stadt und ließ sich zur Berathung des Arztes 
Dr. Kopp über sein Uebel bestimmen. Der Doktor 
schlug eine Operation vor, die von geschickter 
Hand in der Schweiz glücklich ausgeführt wurde. 
Die erschöpfenden Blutverluste hörten auf und 
Shukowsky erholte sich rasch, sodaß er im 
blühendsten Aussehen nach Petersburg zurückkehrte. 
Seine Herstellung überraschte wie ein Wunder. 
Seitdem gingen Wallfahrten kranker Russen Jahr 
zehnte lang jeden Sommer über Hanau, wo sie den 
Wunderdoktor aufsuchten, um Recepte und Anweisungen 
zu Bädern, Operationen oder Reisen zu empfangen. 
Und so konnte man damals Hanau wohl mit Recht 
als eine russische Krankenstation bezeichnen. „Die 
Russen stehen", wie Heinrich Koenig schreibt, „unter 
einem despotischen Klima, das ihr Erkranken mehr 
als ihr Genesen begünstigt. Mit dem Klima ver 
schworen ist die. Lebensweise der Russen, gleich ihrer 
Literatur, eklektisch, indem sie die Genüsse und 
Gewohnheiten aller Länder zusammentragend sich die 
Fülle zur Mannigfaltigkeit nehmen. Man greift 
nad) allen Erzeugnissen milder Himmelsstriche, um 
sich gegen den nordischen Winter zu erhitzen. Mit 
hohen Flammen, bildlich zu reden, brennt der Lebens 
genuß, doch die Asche davon rieselt in die Eingeweide. 
Hier ist der Herd aller russischen Krankheiten — 
der Skrofeln, der Gicht, der Hypochondrie". — 
Heinrich Koenig, welcher damals Finanzkammer- 
Sekretär in Hanau war, erwähnt in dem angeführten 
Buche „Stillleben" eine Anzahl hervorragender 
hod)aristokratischer ruffifd)er Dichter, Schriftsteller, 
Gelehrter, die theils in Hanau Heilung von obigen 
Leiden oder sonstigen sog. vornehmen Krankheiten 
suchten, theils in Begleitung ihrer Freunde erschienen 
waren. Unser hessischer Sä)riftsteller war mit ihnen 
durch Dr. Kopp bekannt geworden und verblieb auch 
später, nachdem sie wieder nach Rußland zurück 
gekehrt waren, mit denselben in geistigem Verkehr. 
Er nennt u. a. Nikolaus Melgunow, die Fürsten 
Wjasemsky und Schewyrew, Turgenew, Baron Rosen, 
Jasikow, Kireewsky, den Fürsten Odojewsky u. s. w. 
Der Umgang mit diesen vornehmen Russen, namentlich 
mit dem gelehrten Nikolaus Melgunow, erweckte in 
Koenig Lust und Liebe zu russischer Literatur und 
so entstanden seine „Literarischen Bilder aus Rußland", 
die 1837 bei Cotta in Stuttgart erschienen, Glück 
machten uub sich den Beifall der bedeutendsten 
russischen Literaturen erwarb. — Auf Dr. Kopp wird 
eine jener Anekdoten, die „überall und nirgends 
passiven“, zurückgeführt. Eine reiche vornehme russische 
Dame kam nach Hanau und konsultirte den Dr. Kopp. 
Sie war eine „eingebildete Kranke" und quälte 
denselben mit ihren aügeblichen Leiden auf das 
Unbarmherzigste. Um sick) von ihr zu befreien, 
erklärte er ihr, daß das einzige Mittel sie zu heilen, 
der Gebrauch des Bades Ems wäre. Rasch entsä)loß 
sie sich, dorthin zu reisen, bat aber Dr. Kopp, ihr 
ein Empfehlungsschreiben an einen dortigen Arzt mit 
zugeben. Bereitwilligst ging Dr. Kopp darauf ein und 
übergab ihr den Brief verschlossen. Die russische Dame 
plagte als echte Eva's Tochter unterwegs die Neugierde, 
sie öffnete den Brief und mit Ensetzen las sie 
die lakonischen Worte: „Lieber Kollege! Ich sende 
Ihnen in der Ueberbringerin zur ärztlichen Behandlung 
eine goldene Gans. Rupfen sie dieselbe, wenn es 
Ihnen Vergnügen macht." Von der Stunde an war 
die Russin von ihren eingebildeten Krankheiten ge 
heilt. Sie ging nidjt nach Ems, kehrte vielmehr 
nach Petersburg zurück und bewegte sich frisch und 
gesund in den Salons der Aristokratie. — Dr. Kopp 
war klein von Figur, zur Korpulenz neigend, mit 
energisck)em Ausdrucke tut Gesichte, aber schielendem 
Blicke. Aeltere Hanauer werden sich seiner noch 
erinnern, wie er gravitätisch mit hohem Cylinderhute 
und großem, mit goldenem Knopfe versehenen Rohr 
stocke, wie solchen damals die Aerzte zu tragen pflegten 
bei seinen Krankenbesuchen durck) die Straßen der 
Stadt wanderte. Der durck) seine Intelligenz 
hervorragende Herr, der über eine so reiche Fülle 
von Wissen und Können verfügte, soll übrigens, wie 
dies ja häufiger bei großen Gelehrten vorzukommen 
pflegt, von hochgradigem Selbstgefühle, von Recht 
haberei und leidenschaftlicher Heftigkeit nicht frei 
zusprechen gewesen sein. Er starb 1858. Der be 
rühmte Vater hinterließ einen noch berühmteren Sohn.- 
den Professor der Physik und Chemie, Geheimen 
Rath Dr. Hermann Kopp, früher in Gießen, seit 
1864 in Heidelberg. 
K- Z. 
Aus Heimath und Fremde. 
Es trifft sich gut, daß die heutige Nummer unserer 
Zeitschrift, in welcher unter den „Lebensbildern von 
Marburger Professoren" von Friedrich Münscher ein 
Artikel über Sylvester Jordan enthalten ist, durch 
ein Gedicht von dessen Enkel, dem Chef der Finanzen 
zu Oaxaca, im Staate Mexico, Ricardo Jordan 
eingeleitet wird. Derselbe hat uns vom Anbeginne 
des Bestehens unserer Zeitschrift eine sehr freundliche 
Gesinnung entgegengebracht, wiederholt hat er uns 
mit schätzenswerthen Beiträgen erfreut, wofür wir
        

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