Full text: Hessenland (3.1889)

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auch die zweite und gleich nachher die dritte Mine; 
die Attaque ward allgemein, und eine Menge von 
der Besatzung in die Luft gesprengt. Der Steinregen 
und die unsägliche Menge Bomben und feurige Kugeln 
haben die erschrecklichste Verwüstung angerichtet. Nachts 
um 1 Uhr stand die Stadt an vier Orten in Hellem 
Brand, das Zetergeschrei der Einwohner war erschrecklich 
und so fürchterlich, daß man es auf eine Stunde 
Wegs weit hören konnte. Der Sieg wurde uns zu 
Theil, der bedeckte Weg wurde weggenommen, und 
Alles, was sich nicht flüchten konnte, wurde, ohne 
Pardon zu geben, niedergemacht. Es war gewiß 
das fürchterlichste Blutbad unserer Zeit. Man will 
mit Zuverlässigkeit behaupten, daß mehr als 4000 
Franzosen ihr Leben verloren haben, und dermalen 
die ganze Besatzung noch kaum über einige tausend 
Mann stark sein soll. 
Inzwischen hätte uns dieser Sieg theuer zu stehen 
kommen können. Durch ein glückliches Ungefähr stößt 
ein Artillerie-Offizier bei dem Sturm in einem Gange 
auf einen Franzosen mit einem Lichte in der Hand, 
der eben im Begriffe steht, eine Gegenmine anzuzünden; 
der Offizier springt auf ihn zu, und will ihn erstechen, 
„Monsieur, ich bitte um Pardon"; er erbietet sich 
in der Angst seines Herzens, sämmtliche Minen zu 
entdecken. Dieses wurde dann angenommen, die 
Minen geladen gefunden und ein großes Unglück 
hierdurch vermieden; jedoch haben in der Dunkelheit 
die Hannoveraner auf eine Partie Kaiserliche, welche 
sie für Franzosen gehalten, Feuer gegeben und dadurch 
verschiedene getödtet und verwundet. — 
Der Verlust auf unserer Seite ist gegen das große 
Unternehmen ganz unbeträchtlich; die Hessen haben 
nichts dabei verloren. 300 Mann unter Oberst von 
Lengerke waren zwar auch mit zum Sturm kommandirt, 
sind aber blos zu einer falschen Attaque gebraucht 
worden. Indessen ist Oberst von Lengerke durch eine 
gesprungene Bombe so stark am Kopfe verwundet 
worden, daß man an seinem Aufkommen zweifelt. 
Auch dem Lieutenant Schmitt vom Regiment „Prinz 
Karl" (Standquartier Hersfeld) ist die Kniescheibe 
zerschmettert worden. Die Kanonade dauerte die 
ganze Nacht bis den anderen Morgen 1 Uhr fort, 
wo auf Ansuchen des Kommandanten von Valenciennes 
ein Waffenstillstand erfolgte. Wie ich nun eben höre, 
ist kapitulirt worden, die Garnison hat sich ergeben, 
und die Engländer besetzen heute noch ein Thor, die 
Stadt wird in den ersten Tagen geräumt, und die 
Franzosen ziehen zwar mit allen militärischen Hon 
neurs ab, dürfen aber nicht das Mindeste mit sich 
nehmen, auch in zwei Jahren nicht gegen die kombinirte 
Armee dienen. 
Nun nichts weiter, bis ich selbst in Valenciennes 
gewesen bin." — 
Hiermit schließt dieser Brief. 
K. 
Johann Heinrich Kopp und die russische 
Krankenstation in Hanau. Einer der be 
kanntesten hessischen Aerzte in der ersten Hälfte dieses 
Jahrhunderts war der Geheime Medizinalrath Dr 
Johann Heinrich Kopp in Hanau. Sein Ruf' 
ging weit über die Grenzen seines Heimathlandes 
hinaus, auch im Auslande, namentlich in Rußland, 
hielt man große Stücke auf ihn. Schon als jugend 
licher Arzt hatte er sich durch seine schriftstellerische 
Thätigkeit einen sehr geachteten Namen erworben. 
Geboren war er zu Hanau am 17. September 1777. 
Nachdem er das Lyceum seiner Vaterstadt absolvirt 
hatte, studirte er zu Rinteln, Marburg und Jena 
Medizin. In Marburg war er Baldinger's in Jena 
Hufeland's Schüler. Hier erhielt er im Jahre 1800 
nach Vertheidigung seiner Jnaugural - Dissertation 
,,<36 causis combustionis spontaneae in corpore 
humano factae“ die medizinische Doktorwürde. Der 
Gegenstand, von welchem diese Dissertation handelt, 
interessirte ihn noch lange, er veröffentlichte wieder 
holt Abhandlungen darüber in wissenschaftlichen Zeit 
schriften und noch 1812 erschien von ihm eine Mono 
graphie „Ausführliche Darstellung und Untersuchung 
der Selbstverbrennungen des menschlichen Körpers". 
Im Jahre 1801 hatte er sich in seiner Vaterstadt 
als Arzt niedergelassen. Eine Zeit lang war 
er Landphysikus des Amtes Schwarzenfels. Im 
Jahre 1807 war dem vielseitig gebildeten Arzte 
neben seiner medizinischen Praxis auch die Professur- 
für Chemie, Physik und Naturwissenschaften am Lyceum 
in Hanau übertragen worden. Im Vereine mit 
Dr. G. Gärtner, Caesar von Leonhard, Dr Leister rc. 
gründete er 1808 die „Wetterauische Gesellschaft für 
die gesammte Naturkunde", deren langjähriger Vor 
sitzender er später war. Ein Hauptverdienst hat er 
sich durch seine Arbeiten über gerichtliche Medizin 
erworben, welche er vorzugsweise in den von ihm 
herausgegebenen „Jahrbücher der Staatsarzneikunde" 
11 Jahrgänge, 1808—1820, niederlegte. Vorher 
schon (1807) hatte er eine medizinische Topographie 
von Hanau geschrieben. Auch „Denkwürdigkeiten in 
der ärztlichen Praxis" gab er von 1830— 1845 in 
fünf Bänden heraus. In dem 2. Bande derselben 
(1832) hat er seine Ansichten über die Homöopathie 
kundgegeben. Wenn auch fern davon, die Hahne- 
mann'sche Lehre in Allem gut zu heißen, hat er sich 
doch mit der „spezifischen Heilmethode" und den kleinen 
Dosen einverstanden erklärt. — Dr. Kopp hatte als 
energischer und äußerst gewissenhafter Arzt eine sehr- 
ausgedehnte Praxis, vftle Fremde reisten nach Hanau, 
um ihn zu konsultren, namentlich den vornehmen 
Russen galt er für die erste Autorität auf medizinischem 
Gebiete in Europa. Das kam so.- Zu Aufang der 
20er Jahre war der Erzieher des Großfürsten-Thron- 
folger, des nachmaligen Kaisers Alexander II., der 
Dichter Shukowsky erkrankt. Die Petersburger Aerzte, 
so erzählt unser hessischer Landsmann, der Schrift-
        

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