Full text: Hessenland (3.1889)

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um Anordnungen für den Mittagstisch zu 
treffen. 
Der Amtsrichter sprach selbstverständlich, so 
oft wie möglich, bei Löpels vor, und als er im 
Laufe des Tages einmal zufällig einige Zeit 
allein mit dem Freunde im Zimmer war, fragteer: 
„Sage mal, Richardus: was wird denn später 
hin aus unseren Zusammenkünften bei Howald? 
Wollen wir sie fortsetzen?" 
„Dürfen wir sie "fortsetzen? mußt du sagen 
Freundchen! Bis jetzt war deine rechtzeitige 
Abfahrt mit dem Zuge ein triftiger Grund bei 
Howald einzukehren. Aber . . . ." 
„Ja, der fällt allerdings bei meiner dem- 
nächstigen Uebersiedelung nach hier fort; dennoch 
hoffe ich — wenn auch nicht beide Abende — so 
wenigstens einen Abend der Woche mit dir im 
Eckzimmerchen bei Howald zu verplaudern." 
„So?!" Löpel zwinkerte dem Freunde fuchs 
listig zu und stichelte: und das nennen wir denn: 
„Ich habe heute Sitzung," nicht so?" 
Der Amtsrichter lachte hell auf, legte die Hände 
um's Knie des übergeschlagenen Beines, lehnte 
sich im Sessel zurück und erwiderte: 
„Wäre die richtigste Bezeichnung, und impvnirt 
den Frauen stets durch ihren würdevollen Ernst." 
„Ich würde den Samstag vorziehen" erklärte 
der Kassierer freimüthig. 
„Weshalb?" 
„O, du noch uneingeweihter Glücklicher!" rief 
Löpel in drolligem Ernst. „Du weißt noch nicht, 
daß ein Ehemann Samstags in seiner Häuslich 
keit Flügel haben müßte, um ohne Anstoß über 
Schrubbeimer, Putzlappen und dergleichen fort 
zu schweben! Das ist jedoch nur e i n Grund; 
der zweite ist: daß wir. wenn die Sitzung sich 
etwas lange hinziehen sollte, einen Ruhetag vor 
uns haben." 
„Deine Gründe sind stichhaltig; wühlen wir 
also den Sonnabend." — 
Nach diesem letzten Beisammensein im Löpel'- 
schen Hause wurde der Freundeskreis auf längere 
Zeit getrennt. Die Versetzung und Heirath des 
Amtsrichters, seine Hochzeitsreise und Flitter 
wochen drängten sich trennend zwischen jede Ein 
kehr bei Howald. 
Endlich an einem naßkalten Juli-Abend traten 
die Freunde gemeinsam in das für die „Sitzung" 
reservirte bekannte Eckzimmer. 
(Forts, folgt.) 
■S-Ä-J- 
Aus alter und neuer Zeit. 
Die Belagerung von Valenciennes. An 
dem Kriege Deutschlands, welcher nach Ausbruch der 
französischen Revolution von 1789 gegen Frankreich 
stattfand, hatte, wie allgemein bekannt ist, auch 
der Landgraf von Hessen-Kassel Theil genommen, 
indem derselbe in Folge einer am 26. Juli 1792 mit 
Preußen abgeschlossenen Konvention ein Korps von 
6000 Mann stellte. Es gehörte hierzu außer anderen 
Truppentheilen das landgräflich Hessen-Kassel'sche 
Füsilier-Regiment von Loßberg, dessen Standquartier 
Rinteln war. Als Quartiermeister dieses Regiments 
war George Ludwig Christian Heuser bestellt, welcher 
als solcher auch schon den amerikanischen Krieg mit 
gemacht hatte. 
In jenem Kriege mit Frankreich kam es im Som 
mer 1793 unter anderem auch zur Belagerung der 
befestigten StadtValenciennes (im Departement Nord). 
Unter den nachgelassenen Papieren des vorerwähnten 
Regiments-Quartiermeisters findet sich ein von dem 
selben au seine Angehörigen in Hessen (Holzheim bei 
Niederaula) gerichteter Brief vor, welcher in Bezug 
auf jene Belagerung von Valenciennes von allge 
meinem Interesse sein dürfte, daher er hier mit 
getheilt werden soll. Er lautet wörtlich, wie folgt: 
„Aus dem Lager bei Valenciennes 
am 27. Juli 1793. 
Seit unserer Ankunft vor Valenciennes hat das 
Bombardement unaufhörlich fortgedauert, und ist vieler 
Menschen Leben verloren gegangen, doch hat das 
hessische Korps wenig gelitten. Vorgestern (25. Juli 
1793) habe ich den merkwürdigsten Tag meines Lebens 
erlebt; selbst das unter meinen Augen aufgeflogene 
große Kriegsschiff und den erlittenen Sturm, wo zwei 
Kompagnien von Loßberg vor meinen Augen unter 
gingen, mit einbegriffen. Dieser Tag war nämlich 
dazu bestimmt, um Minen zu sprengen und mit 
Sturm einen bedeckten Weg einzunehmen. Das Vor 
haben wurde geheim gehalten und die Ausführung 
war Abends um 9 Uhr bestimmt. Da ich davon 
unterrichtet war, ging ich an einen Ort, wo ich Alles 
mit ansehen konnte, was vorging. Der Feind merkte 
nichts. Das Signal zur Attaque war die Sprengung 
der ersten Mine, diese erfolgte gleich nach 9 Uhr; 
eine solche Explosion könnt Ihr Euch nicht denken, alle 
Steine wurden in die Stadt geschleudert, die aus 
gestoßene Erde füllte größtentheils den Graben, durch 
welchen die Stürmenden mit Hülfe von Faschinen 
gleich vorrückten. Zu gleicher Zeit fing ein solches 
Bomben- und Kanonen-Feuer aus allen Batterien 
an, daß die Erde unter mir erbebte. Nun sprang
        

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