Volltext: Hessenland (3.1889)

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„Aufgefallen? — Nicht, daß ich mich erinnere," 
erwiderte die Freundin und lehnte den Locken- 
kopf an die Sophalehne. 
„Ach! Denke doch nur an den Toast deines 
Bräutigams beim Mittagessen!" 
„Ja, ja, richtig!" Jeannette schnellte in die 
Höhe. „Jeht fällt mir's ein! Ich »ahm mir 
gleich vor, dich zu fragen: was denn die mysteriösen 
Andeutungen von Cigarrenasche und Schmutz 
tappen eigentlich bedeuten sollten? In diesem 
Augenblick hatte ich es jedoch vergessen." 
„Ach, siehst du! Und nachher folgte — wie 
du dich ebenfalls entsinnen wirst — die für uns 
dunkle Andeutung meines Mannes: Siche Ho- 
wald." 
„Ja wohl, das fiel mir gleichfalls auf, und 
Max wollte sich vor Lachen ausschütten." 
„Ich mußte dahinter kommen; es ließ mir 
keine Ruhe und da habe ich gestern Abend, bevor 
wir zur Ruhe gingen die Weinlaune meines 
Richard verwerthet: er hat mir die Sache haar 
klein erzählen müssen, und denke Dir! — Die 
Herren haben vor einiger Zeit ein Komplot 
gegen mich geschmiedet! 
„Ha ha!", lachte die Freundin und schlug die 
schlanken Hände zusammen. 
„Lache nicht. Jeannette! Es geht dich auch 
an; vielleicht mehr als du denkst!" 
„Diese Heimtücker!" rief Jeaunette und niußte 
von neuem lachen. 
„Der Amtsrichter bildet sich ein Frauenkenner 
zu sein. Pah!" Anna Löpel schob mit gering 
schätzender Miene heftig die leere Tasse weiter 
auf den Tisch. „Als ob wir uns überhaupt 
durchschauen ließen. Aber warte!" Drohend 
hob sie die Rechte. „Warte, Binderchen! Du 
sollst auch noch Lehrgeld bezahlen!" 
„Oho! Bitte sehr! Ich thue Einspruch; es ist 
mein Verlobter!" Jeannette gab der Freundin 
einen leichten Schlag auf die Schulter und rief: 
„Sv rücke doch endlich heraus mit deiner Weis 
heit! Was hast du denn erfahren?" 
„Höre zu!" 
Beide Damen lehnten sich, Schulter an Schulter, 
behaglich im Sopha zurück; die Hände hielten 
sie traulich verschlungen, und die junge Frau er 
zählte der Lauschenden von ihrer früheren garstigen 
Untugend des Schmollens, dessen Heilung, und 
daß sie froh sei sie gänzlich abgelegt zu haben. 
Plötzlich richtete sich die Erzählerin energisch empor 
und rief aus: 
„Jedoch die heimtückische Art der Kur: mich 
acht Tage so zu ängstigen, wird geahndet! Und 
zwar an deinem Herrn Frauenkeuner; denn e r 
ist der Urheber! Mein Richard hätte solche 
Grausamkeit nicht über sich vermocht; er ist oft 
rücksichtslos unachtsam; aber so advokatisch be^ 
rechnend zu sein, das ist nicht s eine Sache 
Glaubst du das nicht auch?" 
„Hm! Es ist ja nun nicht mehr zu ändern. 
Verzeihe ihm!" 
„Ja wohl, verzeihen! Eine gehörige Strafe 
will ich ihm zudiktiren. Nein, dieser Verführer 
darf nicht leer ausgehen und d u sollst das Werk 
zeug meiner Strafe sein!" 
Jeannette schüttelte ablehnend mit den« Kopf 
und Anna Löpel neigte sich erregt vor, umfaßte 
die Hände der Freundin fester und Tief: 
„Ach, was, Jeannette! Du weißt wie gern 
wir deinen Amtsrichter haben und du weißt auch: 
daß eine Krähe der anderen nicht die Augen 
anshackt. Geahndet muß die Unthat werden, 
deshalb gestehe, daß du sie auch abscheulich findest. 
Von deiner Freundschaft verlange ich, daß du 
bereit bist, mich zu rächen!" 
„Es ist ja wahr, ich finde es auch etwas hinter 
listig; aber wie willst du meinen Max strafen? 
Doch hoffentlich ungefährlich?" 
„Das habe ich mir schon ausgedacht. Nicht 
gleich wird ihm die Vergeltung nahen; sie soll 
langsam und sicher kommen." 
„Wie gruselig!" 
„Mit eurer Verheirathung wird es ja wohl 
im Galopp gehen und die Flitterwochen will ich 
euch nicht trüben. Nach dieser Zeit kämpfen wir 
daun jedoch hinter einem gemeinsamen Schild 
grade so aus dem Hinterhalt, wie die Herren 
der Schöpfung. Ich plane Folgendes:" 
In der Nebenstube wurde plötzlich ein Geräusch 
der aufräumenden Dienerin hörbar, daher steckten 
die Damen ihre Köpfe dichter zusanimen und 
wisperten eine Weile leise miteinander, nur 
zum Schluß fragte Frau Löpel vernehmbar: 
„Also du bist damit einverstanden Jeannette?" 
Diese, von der Sache mehr belustigt, als sie 
ernst nehmend, erwiderte: 
„Gewiß, gewiß!" 
„So sei von vornherein etwas kühl reservirt 
gegen deinen Amtsrichter, du kannst deine Zärt 
lichkeit später verdoppeln." 
Im Uebermuth zerwühlte Frau Anna mit 
ihren rundlichen Händen die zierlich gekräuselten 
Haare auf dem Kopf der Freundin und diese 
rächte sich dafür indem sie mit raschem Griff 
der jungen Hausfrau das Morgenhäubchen raubte, 
sodaß ihr die aschblonde Haarfülle über die Schul 
tern herabfiel. In diesem Augenblick schlug die 
Uhr im Rococvgehäuse neun Schläge. Erschrocken 
sprang Frau Anna auf und rief: 
„Mein Himmel, wieviel Zeit haben wir ver 
schwatzt! An die Gewehre!" 
Beide Damen erhoben sich schnell, rafften vom 
Frühstückstisch zusammen was in die Speise- 
kammer gehörte und begaben sich in die Küche,
        

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