Full text: Hessenland (3.1889)

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mit Aufbietung aller Kräfte geschehen könne. Er 
wollte vorläufig noch das Blut seiner Truppen 
schonen, da er hoffte, daß bald der Hunger die 
Neußer zur Uebergabe zwingen werde. Und 
wirklich erreichte die Noth einen hohen Grad. 
Fast alle Vorräthe waren aufgezehrt, und nach 
und nach wurden die sämmtlichen in der Stadt 
vorhandenen Rosse bis auf wenige, im Ganzen 
350, geschlachtet und verzehrt. 
Inzwischen langte wenigstens das hessische 
Truppenkorps in einer Stärke von 1500 Mann 
Neuß gegenüber auf den sogenannten Steinen 
an und lagerte sich mit den Kölnern dem Heere 
des Herzogs gegenüber, im Ganzen in einer 
Stärke von etwa 3000 Mann. Dies war im 
Februar 1475. Beim Anblick dieses Hilfskorps 
vergaßen die Neußer allen Jammer und alle 
Noth; jeder Gedanke an Kapitulation wurde 
aufgegeben und der entschlossenste Widerstand 
gewann wieder festen Halt. Kaum war von 
Seiten der Kölner der erste Schuß gegen das 
burgundische Lager gefallen, so erwachte in Neuß 
mit frischer Kraft die alte Kampflust. In 
heißem, heftigem Andrang machte eine starke 
Schaar tvdesmuthiger Hessen einen Ausfall auf 
den Weerth und richtete unter den erschrockenen 
Feinden eine große Verheerung an. Die Hessen 
auf den Steinen, die bei diesem kräftigen Schlage 
ihrer Landsleute nicht müßig bleiben wollten, 
unterhielten ein wirksames Feuer gegen die 
Flanke des Feindes; so oft Herzog Karl seinen 
Angriff gegen die Stadt erneuerte, ließen die 
von Köln ihre schweren Geschütze spielen, und 
nicht selten sahen sich die Burgunder durch 
dieses Feuer zum Rückzug genöthigt. Bedenk 
licher noch, als diese Belästigungen, war die 
Gefahr, welche durch das Truppenkorps auf den 
Steinen den burgundischen Proviantschiffen be 
reitet wurde. Außerdem ließen sich die Kölner 
es angelegen sein, den Neußern von jedem 
Schritte, der die Ereignisse ihrer Entscheidung 
näher rückte, vermittelst eines in einen Holzklotz 
oder eine Steinkngel eingelassenen Briefchens 
Kunde zu geben. Mitunter gelang es ihnen 
auch, eine kleine Sendung Mundvorrath in 
die Stadt hinein zu bringen. Aber doch stieg 
die Noth bis zum äußersten; in einem Briefe 
vom 7. Mai klagt der Administrator Hermann: 
„Wir haben augenblicklich keine Wehr als Steine 
und Wasser, darum war es dem Feinde möglich, 
den Wall zwischen dem Ober- und Zollthor uns 
zu entreißen. Tag und Nacht werden viele 
tüchtige Kämpfer, Ritter, Bürger und Knechte, 
die stets auf den Beinen und in den Waffen 
sein müssen, jämmerlich erschossen und ermordet. 
So haben wir an Todten, Verwundeten und Kran 
ken mehr als 1000 wehrhafte Streiter verloren." 
Aber Hermann ließ Muth und Fassung 
keinen Augenblick sinken. Als einst zwischen 
Bürgern und Söldnern in der Stadt ein 
blutiger Zwist ausbrach und ans dem Markt 
die Parteien init blanken Wehren zusammen 
schlugen, da trat er unerschrocken unter sie; und 
da dies nicht helfen wollte, ließ er Sturm 
läuten, als sei der Feind im Anzuge. Die 
Vorstellung der gemeinsamen Noth führte dann 
sofort die Beilegung des Streites herbei. 
Endlich schien für die schwergeprüfte Stadt 
der Tag der Rettung gekommen. Am 6. Mai 
hatte sich der Kaiser rheinabwärts in Bewegung 
gesetzt, am 23. endlich langte er bei Neuß an. 
Damit war Herzog Karl genöthigt, die Be 
lagerung aufzuheben. Zwar that der Kaiser 
nichts, um den Reichsfeind zu strafen, wie viele 
erwarteten, sondern schloß init Karl ein fried 
liches Abkommen. Allein Neuß war gerettet. 
Am 30. Mai thaten sich die Thore seit langem 
zum ersten Male wieder in friedlicher Absicht 
ans, und Landgraf Hermann trat heraus, um 
von dem päpstlichen Legaten die Kunde zu ver 
nehmen, daß der Friede geschlossen sei. 
Da war Freude allgemein unter der Bürger 
schaft und der Besatzung, und Freund und 
Feind strömte herbei, uni die Helden zu bewun 
dern, die 10 Monate lang der harten Be 
lagerung widerstanden und 54 Stttrine siegreich 
abgeschlagen hatten. Am meisten aber wurde 
Landgraf Hermann bewundert, der allen voran, 
Leiden und Entbehrungen mit getragen hatte. 
Das Wichtigste für Hermann war, daß Herzog 
Karl die Sache Erzbischof Ruprechts aufgab. 
Damit war seinem Gegner der kräftigste Rück 
halt entzogen, und außerdem konnte bei seiner 
Haltung von einem Ausgleich des Streites auf 
der früheren Grundlage nicht mehr die Rede 
sein. 
Am 8. September 1475 ernannte Kaiser 
Friedrich den Landgraf Hermann „in Ansehung 
der treuen, redlichen und emsigen Dienste, wo 
mit er dem Herzog von Burgund Widerstand 
geleistet und die Stadt Neuß vertheidigt habe", 
sowie auf Ansuchen des Domkapitels und der 
Stände zum Regierer des Erzstiftes Köln und 
ordnete ihm einen kleinen ilnd einen großen 
Rath zu. ') 
Man würde aber weit fehl gehen, wenn man 
annähme, daß damit Ruprechts Ansprüche aus 
der Welt geschafft seien. Einmal war in dem 
Abkommen mit Herzog Karl von Burgund die 
Streitfrage, um die es sich im Erzstifte handelte, 
') Lacomblet IV 475.
	        

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