Full text: Hessenland (3.1889)

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Im Jahre 1885 wurde in Kassel eine Volks- 
küche errichtet. Dank der Sympathien, welche diese 
dem Volkswohle gewidmete Anstalt gleich anfangs in 
allen Theilen der hiesigen Einwohnerschaft fand, und 
der trefflichen umsichtigen Leitung ist cs innerhalb 
der kurzen Zeit von vier Jahren ermöglicht worden, 
ein eigenes Haus zn bauen, welches, am Holländischen 
Thore gelegen, am Mittwoch den 11. d. M. feierlich 
eröffnet wurde. Zahlreich waren die geladenen Gäste 
zu diesem Akte erschienen. Das stattliche, zweck 
mäßig eingerichtete Gebäude ist nach dem Entwürfe 
und unter Leitung des Baumeisters W. Böttuer 
aufgeführt. Der um das Unternehmen sehr ver 
diente Vorsitzende, Stadtrath G. Knetsch gab in 
der Eröffnungsrede ein sehr erfreuliches Bild der 
Entwickelung der Anstalt, deren erfolgreiche und 
namentlich für den Arbeitcrstand segensreiche Wirk 
samkeit allgemein anerkannt wird. Wir gedenken 
hier dieses Vorkommnisses ganz besonders aus dem 
Grunde, weil wir die Volksküche, so wie sie hier besteht, 
für eine der besten uud heilsamsten Errungenschaften 
hallen, die Kassel in den letzten Jahren aufzuweisen hat. 
Daß unsere hessischen L a n d s l e u t e i n Nord 
amerika von treuer Anhänglichkeit an ihr altes 
Heimathland Hessen beseelt sind, ist eine bekannte 
Thatsache. Selten lassen sie sich eine Gelegenheit entgehen, 
um derselben Ausdruck zu geben. So feierten sie auch 
jetzt wieder gu New-Uork ein ‘ „Großes H es- 
sisches Volksfest", das einem von der „Kasseler 
Allgemeinen Zeitung" veröffentlichten Plakate zu 
folge, von Vereinen, welche die Namen „Franken 
berger Verein", „Fuldaer Verein", „Schlüch- 
terner Freundschaftsbund" , „Marburger Verein", 
„Wilhelmshöher Verein" , Verein Wabern", 
„Hessischer Sängerbund", „Allgemeiner Hessen- 
Verein" führen, veranstaltet worden ist. Alle denk 
baren Spiele, welche nur jemals im Hessenlande 
üblich waren, wurden dabei gespielt, hessische Lieder 
gesungen und Bilder aus Hessens geschichtlicher Ver 
gangenheit dargestellt. Auch „Schwarzenbörner Streiche" 
fehlten nicht, ebensowenig eine „Hessische Dorf 
schule" und eine „Hessische Spinnstube". Den sehr 
umfangreichen musikalischen Theil leitete Kapell 
meister Heinrich Engel, eine in Kassel viel 
bekannte Persönlichkeit. So verstehen es die Hessen 
dort drüben, sich im fernen Lande ein Stückchen 
Heimath herzuzaubern, um fröhliche Stunden unter 
sich in der Erinnerung an das Hessenland zu ge 
nießen. 
Univ ers itätsna chrichten. Der Professor 
der Rechtswissenschaft Dr. Franz von Liszt zu 
Marburg hat einen Ruf an die Universität Halle 
erhalten und angenommen. — Dem Vernehmen nach 
soll Professor Dr. Friedrich Oetker in Rostock 
als Nachfolger des Prof. Dr. Liszt in Marburg vor 
geschlagen sein, an welcher Hochschule Prof. Oetker 
bekanntlich vor einigen Jahren als Privatdozem seine 
akademische Laufbahn begann. 
Todesfälle. Am 6. September verschied nach 
längerem Leiden im Alter von 64 Jahren der Pro 
rektor des Gymnasiums zu Hanau, Professor- 
Friedrich Krause. Der Verblichene, gebürtig 
aus Sontra, hatte das Gymnasium zu Hersfeld be 
sucht und von Ostern 1845 ab Mathematik und 
Naturwissenschaft zu Marburg studirt, wo er Mitglied 
des Corps Hassia war. Er wirkte als Lehrer an 
den Gymnasien zu Rinteln, Marburg, Wiesbaden 
und Hanau und war als solcher ebenso hochgeschätzt 
von seinen Kollegen wie von seinen Schülern. 
Am 11. September starb in Kassel nach längerem 
schweren Leiden der praktische Arzt, Kreiswnndarzt 
Dr. Theodor Köhler tut Alter von 57 Jahren. 
Der Dahingeschiedene zählte s. Z. zn den am meisten 
beschäftigten Aerzten der Stadt Kassel. Man rühmt 
ihm nach, daß er einen scharfen Blick für die Diagnose 
besessen und sich stets einer rationellen Behandlung 
der Kranken befleißigt habe. Er war humoristisch 
beanlagt, wenn man will sogar ein Original, und 
viele seiner Schwänke kursiren heute noch im Publikum. 
Auch in literarischer Beziehung war Dr. Theodor- 
Köhler mit Erfolg thätig. Er gab u. a. hier eine 
populär gehaltene medicinische Wochenschrift, sowie die 
Schriften seines Freundes Wilhelm Lynker (si 20. 
Januar 1862) heraus. Eine von ihm bis auf die 
Neuzeit vervollständigte Geschichte des Theaters in 
Kassel, von demselben Verfasser, erschien dahier im 
Verlage der Hofbuchhandlung von G. Klaunig im 
Jahre 1865. 
Hessische Sücherschau. 
In dem Verlage von Map Brnnnemann dahier 
erscheinen in zwangloser Folge seit Juni: 
Mittheilungen aus der Rechtspflege im 
Gebiete des vormaligen Kurfürsten 
thum s H e s s e n (Oberlandesgerichtsbezirk Kassel, 
Kreise Rinteln und Schmalkalden, Amtsgerichts 
bezirk Bockenheim), herausgegeben von Felix 
V i e r h a u s, Oberlandesgerichtsrath in Kassel, 
und Maximilian Theobald, Amtsgerichts 
rath in Kassel. 
Seit dem Eingehen der von Heuser heraus 
gegebenen Annalen der Justiz und Verwaltung im 
Bezirke des königl. Oberlandesgerichts und der königl. 
Regierung in Kassel fehlt es an jeder öffentlichen 
Mittheilung darüber, wie das im Bereiche des vor 
maligen Knrfürstenthums Hessen geltend^ einen großen 
Kreis von Rechtsnormen umfassende Sonderrecht in 
der Praxis sich fortbildet. Es ist daher die Schaffung
	        

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