Full text: Hessenland (3.1889)

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man sich, oben angelangt, längere Zeit von ver 
schiedenen Punkten aus an dem weiten Blick in die 
herrliche Gegend erfreut hatte, hielt der Vorsitzende 
des Vereins, Major a. D. von Stamford, einen 
Vortrag über die geschichtlichen Ereignisse, bei welchen 
der Hciligenberg in alter nnd neuerer Zeit von Be 
deutung gewesen ist. Wir entnehmen diesem von 
den Theilnehmeru beifälligst aufgenommenen Vortrag 
Folgendes: 
„Wir stehen hier auf geschichtlichem Boden, an 
einer Stelle, welche uns in eine viele Jahrhunderte 
lang zurückliegende Zeit versetzt und mit ihr ver 
bindet. Nach Landau rührt der uralte Name Heiligen 
berg davon her, daß hier schon zur Zeit des alten 
Götterglaubens eine Kultusstätte gewesen ist, und ist 
anzunehmen, daß er, da das an seinem Fuße gelegene 
Gensungen einer der neun Kantone des Hessengaues 
war, zu diesem Orte in gleichem Verhältniß gestanden 
habe, wie einst der Wodausberg zu Maden, dem 
Hauptorte des Gaues. Da die ersten Verkünder der 
christlichen Lehre die Gepflogenheit hatten, an den 
Hauptstätten des heidnischen Kultus eine Kirche oder 
Kapelle zu bauen, so liegt die Vermuthung nahe, 
daß eine solche auch hier erbaut war, obwohl solche 
urkundlich nirgends erwähnt ist und in Folge der 
später hier erbauten Burg jede Spur davon vertilgt 
sein wird. Geschichtlich nachgewiesen ist erst, daß das 
Erzbisthum Mainz, welches in dem Hessengau immer 
festeren Fuß zu fassen suchte, im Jahre 1186 in 
einer Fehde mit dem Landgrafen von Thüringen, 
welcher zugleich Herr von Hessen war, hier eine Burg 
erbaute. Bereits im Jahre 1193 findet sich als 
Befehlshaber derselben und als mainzischer Burggraf 
ein Heinrich von Heiligenberg, welcher seinen Namen 
von der Burg nahm. Der letzte dieses Namens war 
Hugo von Heiligenberg im Jahre 1268, nach ihm 
wird diese Familie nirgends mehr erwähnt. — Da 
nach einer Urkunde von 1247 die von Wolfershausen 
von dem Erzstift Mainz den Auftrag erhielten, die 
Burg wieder aufzubauen, so ist anzunehmen, daß 
Landgraf Konrad von Thüringen, welcher im Jahre 
1232 bei seinem Kriegszug gegen Mainz die Burg 
belagerte, diese auch erobert und zerstört hat. Nach 
ihrem Wiederaufbau ist sie aber sehr bald von Land 
graf Heinrich I. von Hessen in seinen Fehden mit 
dem Mainzer Erzbischof wieder zerstört worden und 
zwar dergestalt, daß sie in allen Fehden des 14. 
Jahrhunderts zwischen Hessen und Mainz gar nicht 
mehr erwähnt wird. Als dann die Macht der 
hessischen Fürsten immer mehr erstarkte, hat sie Land 
graf Hermann aus Schutt und Trümmern als stolze 
Trutzfeste gegen den treulosen Mainzer Erzbischof in 
dem gegen diesen wegen Ermordung des Herzogs von 
Braunschweig bei Klein -- Englis (5. Juni 1400) 
geführten Rachekrieg wieder errichtet. Hessische Befehls 
haber hüteten sie, so 1413 die Brüder Henne und 
Hermann von Riedesel. Im Jahre 1439 erhielt sie 
Henne von Wehren zu Lehen, der sie aber, wahr 
scheinlich aus Mangel an Mitteln zu ihrer Erhaltung, 
gegen Empfangnahme des Hofes Lembach 1453 an 
den Landgrafen zurückgab. Nach vollständiger Be 
siegung von Mainz in der Schlacht bei Englis im 
Jahre 1427 verlor die Burg ihre Bedeutung und 
sank, da auf ihre Erhaltung kein Werth mehr gelegt 
wurde, in nicht langer Zeit in Trümmer. Noch 
einmal gelangte sie in geistlichen Besitz. Landgraf 
Ludwig II. übergab 1471 den Heiligenberg mit allen 
Zubehörungen: Aeckern, Wiesen u. s. w. dem an dem 
nördlichen Abhang des Bergs liegenden Karthäuscr- 
kloster, von welcher Zeit an die Reste der Burg 
immer mehr zerfielen." 
Nachdem der Vortragende dann kurz der Schreck 
nisse des 30jährigen Krieges, welcher auch in den 
von hier ans sichtbaren Orten furchtbare Verheerungen 
angerichtet habe, gedacht hatte, schilderte er ausführ 
licher die im siebenjährigen Kriege sich hier abspielenden 
Ereignisse des Jahres 1762, namentlich die ruhm 
volle Erstürmung Felsbcrgs durch hessische Jäger, 
und schloß mit dem Wunsche, daß Ruhe und Friede, 
welche jetzt über dieser Gegend walten, noch recht 
viele Jahre erhalten bleiben mögen. — Unter Führung 
des Herrn Croll wurden dann die wenigen noch 
vorhandenen Ueberreste der Burg besichtigt, den 
Speisen und Getränken, für deren Herbcischaffung 
j der Vorstand in sehr anzuerkennender Weise gesorgt 
> hatte, wacker zugesprochen, und von den von dem 
I Ausflug in hohem Grade befriedigten Theilnehmeru 
der Rückweg nach Gensungen und Kassel angetreten. 
W. W.L. 
Am 27. v. M. feierte zu Philadelphia iu 
Nordamerika unser Kasseler Landsmann I)r. Gott 
lieb Kellner seinen 70. Geburtstag. Aus diesem 
Anlasse wurden dem in den Vereinigten Staaten 
wohlbekannten langjährigen Redakteur * der deutschen 
Zeitung „Philadelphia Demokrat", der sich um die 
Pflege der deutschen Sprache und Ausbreitung 
deutscher Sitte und Gebräuche in Amerika wesent 
liche Verdienste erworben hat, großartige Ehrungen 
in der Stadt der Bruderliebe dargebracht. Hier in 
seiner Vaterstadt Kassel, in welcher er von 1848 
bis 1850 in Gemeinschaft mit Heinrich Heise die 
„Hornisse" herausgab und eine der bekanntesten 
Persönlichkeiten war, wird diese Nachricht gewiß 
interessiren, bildet doch seine Flucht aus dem Kastell 
am 13. Februar 1852 heute noch, also nach mehr 
als 37 Jahren, einen beliebten Gegenstand der 
Unterhaltung. (S. „Hessenland" , Jahrgang 1887, 
Nummer 12-14.)
        

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