Volltext: Hessenland (3.1889)

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Gefangenen einzeln zum Verhör vorführen, zuletzt einen 
ältlich aussehenden Mann, der mit scheuem Blick und 
in unsicherer Haltung vor den gestrengen Herrn sich 
hinstellte. Nun Du alter Kerl, Du solltest Dich 
schämen, an Schlägereien und dergleichen Dummheiten 
noch theilzunehmen! Wer bist Du denn eigentlich? 
Der Angeredete, der bisher mit gesenktem Haupt da 
gestanden hatte, erhob jetzt die Augen mit einem bit 
tenden Blick und sagte mit stockender Stimme: Ich 
bin der Konsistorialrath und Professor der Theologie 
Daniel Wyttenbach. Kerl, rief der Lieutenant 
bist Du verrückt? Du wärest ein Professor, in einem 
so schofelen, abgetragenen Rock? Wenn der Herr 
Lieutenant, entgegnete der Andere in demüthigem Ton, 
den Universitäts-Oberpedell rufen lassen wollen, so 
werden Sie sich überzeugen, daß sich die Sache wirk 
lich so verhält, wie ich gesagt habe. Ach was, dum 
mes Zeug! sprach der Lieutenant. Wie kann denn 
ein solcher Strolch Professor sein! Aber trotz dieser 
geringschätzigen Aeußerung ließ er doch den Verhafteten 
im Zimmer bleiben, und schickte einen Soldaten in 
die Wohnung des Pedellen, um diesen ans die Haupt 
wache zu entbieten. Schon bei dem Eintritt fuhr der 
Pedell wie entsetzt einen Schritt zurück und rief: 
Um Gottes willen, Hochwürden, wie kommen Sie 
denn hierher? Diese Worte genügten den Lieutenant. 
Er schritt auf den noch immer verdutzt dastehenden 
Wyttenbach zu, entschuldigte, so gut er es vermochte, 
den Irrthum und entließ mit einer Verbeugung den 
Mann, welchen der Pedell hinausführte. 
Zur Entschuldigung des Lieutenants muß gesagt 
werden, daß Wyttenbach zwar ein gelehrter und ein 
höchst gutmüthiger, ja wegen seiner Wohlthätigkeit 
verehrungswürdiger Mann war, daß er aber in allen 
äußeren Formen des Lebens sich im höchsten Grad 
unbeholfen benahm und seine Kleidung und Haltung 
dermaßen vernachlässigte, daß er mitunter eher einem 
verkommenen Handwerksburschen als einem Professor 
glich. Sein Ungeschick in Geschäftssachen ging so weit, 
daß er, wenn es sich um eine schriftliche Abstimmung 
über äußere Angelegenheiten der Universität handelte, 
sich von dem Pedellen, welcher die Akten überbrachte, 
vorsagen ließ, was er niederschreiben solle. Die Mar- 
burger bezeichneten das Ungeschick des aus der Schweiz 
berufenen gelehrten Theologen durch das Witzwort: 
„der echte Wyttenbach sei unterwegs auf der Post aus 
getauscht worden, und sie hätten den falschen bekommen." 
Dagegen ist dem Sohn des Theologen, dem berühmten 
Philologen Daniel Wyttenbach, durch eine unter seinem 
Namen gemachte Stiftung für alle Zeit auf der Uni 
versität ein ehrenvolles Andenken bewahrt worden. 
Dieser Sohn, der, wenngleich in der Schweiz geboren, 
seine Jugendzeit in Marburg verlebt hat, verdankt 
nämlich, wie er selbst versicherte, einen großen Theil 
seiner Gelehrsamkeit, nicht etwa den wissenschaftlichen 
Anstalten, sondern — den Wäldern Marburgs, in 
welchen er die Reden des Demosthenes und die Ge 
dichte Homers den Eichen und Buchen mit lauter 
Stimme vorgetragen hat. Aus Erkenntlichkeit für diese 
Wohlthat hat dann seine Wittwe Johanna geb. 
Go l bin aus Hanau im Jahre 1828 der Universität 
3000 Gulden zu einer Wyttenbach-Stiftung geschenkt, 
ans deren Zinsen Studirende der Philologie und 
Medizin jährliche Unterstützungen erhalten. 
K. M. 
Hessische Mitglieder des Jlluminaten- 
Ordens. Nach einem in den historisch-politischen 
Blättern Band 103 S. 926 ff. mitgetheilten, voraus 
sichtlich aus der Zeit vor 1782 stammenden und zu 
München aufgestellten Verzeichniß der Mitglieder des 
Jlluminaten-Ordens gehörten damals aus dem vor 
maligen Kurfürstenthum Hessen oder aus kurhessischen 
Familien folgende Personen zu diesem Orden und 
führten beifolgende Ordensnamen: 
von Buseck, Baron, Doarehus; 
von Baumbach, früher Kapitän in hessen-kassel'schen 
Diensten, 2amo1xis; 
von Ditfurth, Kammergerickts-Assessor zu Wetzlar, 
Minos; 
von Eschwege zu Kassel, Cimon; 
Franz, Hof- und Ehegerichts-Sekretarius zu Hanau, 
Propertius; 
Mauvillon, Hauptmann und Professor bei dem 
Kadettenkorps zu Kassel, Agesilaus; 
von Riedesel, Kammergerichts-Assessor zu Wetzlar, 
Ptolomaeus Lagus ; 
Rompert, Professors-Sohn von Marburg, Salomo; 
Robert, Professor juris zu Marburg, Thomas 
Aquinus; 
Schraidt, Hofgerichts - Advokat und Syndikus der 
Zeichnungs-Akademie zu Hanau, Justinianus. 
Aus Heimach und Fremde. 
Der Verein für hessische Geschichte und 
Landeskunde unternahm am 9. d. M. an Stelle 
der für diesen Monat ausfallenden Monatsversamm 
lung einen Ausflug nach dem als unvergleichlich 
schönen Aussichtspunkt bekannten Heiligenberg. Die 
Theilnehmer an demselben erstiegen von Gensungen 
aus unter Führung des seit länger als 30 Jahre 
dort wohnenden Vereinsmitgliedes, Bahnhofsvorstand 
a. D. Croll, den Gipfel des Berges. Einen kundigeren 
Führer und besseren Kenner aller auf dem Berge 
sich bietenden Aussichtspunkte mag es wohl nicht 
geben, da dieser 75jährige Greis seiner Angabe nach 
seit vielen Jahren im Sommer fast täglich und 
häufig auch im Winter den Berg ersteigt. " Nachdem
        

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