Full text: Hessenland (3.1889)

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hatte kurz nach seinem Regierungsantritte die Kölner- 
Wirren geschlichtet, den Erzbischof von Köln, Clemen 
August Graf von Droste-Vischering, aus der Haft 
befreit, das hatten ihm die Geistlichen nicht vergessen. 
Unter den in Münster erschienenen Bischöfen befand 
sich auch der neue Bischof von Paderborn: Dämmers, 
welcher hier dem Könige seine Huldigung darbringen 
wollte. Bei der Inthronisation dieses Bischofs war 
Bischof Johann Leonard P f a f f von Fulda 
betheiligt gewesen. Er verblieb daselbst noch einige 
Tage und wurde von seinem bischöflichen Kollegen 
Dämmers eingeladen, mit zur Huldigungsseier nach 
Münster zu reisen. Bischof Johann Leonard Pfaff 
war dem Könige Friedrich Wilhelm IV. wohlbekannt. 
Er hatte auf Ersuchen des Königs Ludwig I. von 
Bayern eine Vermittlerrolle in dem Kölner Zwiste 
übernommen und war wohl auch früher schon mit 
dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen in 
Beziehung gekommen. So konnte es denn auch nicht 
fehlen, daß er sowohl zu dem glänzenden Feste, welches 
die Stadt dem König gab, als auch zu der großen 
Cour zugezogen wurde. Hier wurde er durch den 
Bischof Dämmers dem Könige vorgestellt. Dieser 
unterhielt sich auf das Leutseligste mit dem Bischof 
von Fulda über die am 17. August 1842 erfolgte 
Einweihung des Bonifatiusdenkmals zu Fulda, jener 
Meisterschöpfung des genialen hessischen Bildhauers 
Werner Herrschet, zu deren Errichtung der kunstsinnige 
König wesentlich beigetragen hatte. Bei dieser Ge 
legenheit kam auch der Verlust des Bischofsringes zur 
Sprache, den Bischof Pfaff bei der feierlichen Ent 
hüllung des Denkmals erlitten. Mit diesem Verluste 
verhielt es sich aber wie folgt: Während der Pro 
zession durch die Straßen der Stadt bei der Ent 
hüllungsfeier des Denkmals hatte Johann Leonard 
Pfaff den Bischofsring über dem Handschuh getragen. 
Der Ring konnte so nicht fest schließen und war 
wahrscheinlich bei einer Handbewegung dem Finger 
entglitten. Zwei Tage später erhielt Bischof Pfaff 
den Ring vom Oberforstmeister Freiherrn von Bibra 
in Romrod bei Alsfeld zugesandt. Der Kutscher des 
letzteren hatte ihn in der Nähe des Denkmals auf 
der Straße gefunden und ihn zu Romrod seinem 
Herrn abgeliefert. Da der Ring etwas gedrückt war, 
so mußte er erst reparirt werden und der Bischof 
bediente sich einstweilen eines anderen aus der Zahl 
der im Domschatze vorhandenen Bischofsringe. Der 
Vorfall hatte damals Aufsehen erregt und war in 
den Zeitungen besprochen worden. Auf diese Weise 
war er auch zur Kenntniß des Königs von Preußen 
gelangt. Als nun während der Unterredung der 
König des Ringes an der Hand des Bischofs an 
sichtig wurde, fragte er nach jenem Vorfalle und 
wünscht zu erfahren, wie es gekommen sei, daß der Bischof 
diese kirchliche Jnsignie überhaupt habe verlieren können. 
Der Bischof antwortete, daß er die Thorheit be 
gangen, den Ring über den Handschuh zu tragen re. 
Als das Wort „Thorheit" gefallen war, sagte der 
König: „Begehen denn auch die Bischöfe Thorheiten?" 
Kurz resolvirt erwiderte Bischof Pfaff: „Majestät! 
das passirt nicht allein den Bischöfen, sagt doch schon 
der alte heidnische Dichter Horatius: (juiäguiä de—. u 
Weiter kam der Bischof nicht, der König siel ihm 
alsbald in's Wort: „Weiß schon, weiß schon", aber 
Sie haben Recht, Excellenz!, auch die Fürsten sind 
von menschlichen Thorheiten nicht frei." Spracht 
und wandte sich lächelnd grüßend zu einem anderen 
der zur großen Cour Erschienenen. Die freimüthige 
Antwort des Fuldaer Bischofs war in Münster viel 
besprochen worden. Der dort befindliche kurhessische 
Obersinauzrath Carvacchi meldete sie nach Kassel und 
so erfuhr sie auch der Kurfürst. Auf der Rückreise 
nach Fulda kam Bischof Pfaff nach Kassel. Er 
machte dem Kurfürsten seine Aufwartung, wurde zur 
fürstlichen Tafel befohlen und hier von dem Landes 
herrn über seine Begegnung mit dem Könige von 
Preußen gefragt. Der Bischof erzählte den Vorfall 
wortgetreu und citirte dabei den horazischen Vers 
vollständig, der bekanntlich lautet: tzuickguiä deliruut 
reges, plectuntur Achivi. Zu Deutsch, hier dem 
Sinne nach: „Was immer für Thorheiten die Könige 
begehen, die Völker müssen darunter leiden." Der 
Dichter I. G. Seume hat den Vers freilich in seiner 
Jugend etwas anders übersetzt, nämlich: „Wenn sich 
die Könige raufen, müssen die Bauern die Haare 
lassen." Der Kurfürst, welcher den Sinn des Verses 
wohl kannte, wandte sich an seinen Leibarzt 
Dr. Bäumler, jedenfalls um denselben, wie er gern 
zu thun pflegte, in Verlegenheit zu bringen, mit den 
Worten: „Verstehe den Vers nicht, bitte ihn zu 
übersetzen, Herr Geheimer Hofrath!" Ohne sich 
weiter zu besinnen, erwiderte der Leibarzt mit be- 
wundernswerther Gewandtheit und Schlagfertigkeit: 
„Wenn die Fürsten über die Schnur hauen, sollen's 
die Leibärzte wieder gut machen." Der Kurfürst 
lachte und soll selten bei der Tafel so aufgeräumt 
gewesen sein, wie gerade bei dieser Gelegenheit. 
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