Full text: Hessenland (3.1889)

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Ein Kapitol dir zu retten; 
Doch stritt'st du nur um des Kaisers Bart, 
Denn sieh', Graf Schack hat in seiner Art 
Noch dran gewagt eine Höllenfahrt, 
Auch mich noch mit euch zu verkettend — 
Ei dacht' ich, ein Wunder von Höllenbrld: 
Daß selbst sich verletzt fühlt der Teufel, 
Daß selbst dem Teufel zu hoch anschwillt 
Der Lüge Tropfengeträufel! 
Dann räumt' ich den Tisch, von Büchern bedeckt, 
Dran willig sie einige Flaschen Sekt 
Sich ließen von mir kredenzen; 
Doch konnt' ich's bei Gott noch nicht verstehn, 
Auch den herrlichen Schack unter denen zu sehn, 
Die Seume's Märchen fortspinnen und drehn, 
Und meinen, damit noch zu glänzen. 
Dann^ endlich sprachlich^zu Lucifer: 
„Du bist zwar mit Recht entrüstet, 
Daß jetzt in dem höllischen Lügenmeer 
Sogar auch die Dichtkunst sich brüstet. 
Doch rufst du dabei als Helfer mich an, 
So hab' ich doch Mißtrau'» als ehrlicher Mann 
In die Absicht deines Bestrebens; 
Auch nützt dir zu nichts deine Teufels-Kraft, 
Denn weißt du, es giebt, bis zum Jammer erschlafft, 
Bei Vielen' Hochfeine Eigenschaft, 
Die bekämpfen selbst Götter vergebens. 
Zwar'grämt mich das Ding um den Grafen von Schack, 
Meinen Liebling am deutschen Parnasse, 
Sein „Teufelstanz" ist nicht sein Geschmack, 
Der Trunk stammt aus Seume'schem Fasse; 
Denn die Teufelsballade von Fürst und Kaplan, 
Von Seelenverkauf und Theaterwahn 
Heißt nichts als die Wahrheit entstellen, 
Und trüber war eine Quelle noch nie 
Für dichterisch-schaffende Phantasie, 
Als Seume's gefälschte Biographie, 
Der Zustig die Lügen entquellen. 
Wie kann nur ein Mensch mit gesundem Gehirn 
So weit sich vergehen und vergessen: 
Zu glauben, es wären wie Knüpfe und Zwirn 
Verkauft die Seelen der Hessen! 
Der hessische Adel, des Volkes Stolz, 
Verkauft wie behauenes Zimmermannsholz, 
Daraus ein Theater zu machen! 
Verkauft der Bürger heiligstes Gut, 
Die freien Söhne voll Heldenmuth, 
Das trotzige hessische Bürgerblut, 
Beim Teufel, — das^wäre zum Lachen! 
DaßzAdel und Volk man im hessischen Land 
Verkaufte wie Rinder und Schafe, 
Das kann doch nur fassen ein Menschenverstand 
In schauerdurchwobenen Schlafe. 
Denn als noch kein Bauer dem Bürger war gleich 
Im ganzen heiligen römischen Reich, 
War frei schon der Bauer in Hessen, 
Und was uns in Freiheit entgegen gelacht, 
Das haben uns And're erst nachgemacht, 
Als wir schon wieder an Neues gedacht 
Und längst schon das Alte vergessen! 
Drum wer mit der Seelenverkäuferei 
Gedankenlos denkt uns zu schrecken, 
Der soll vor allem die Nase dabei 
Erst in die Geschichte stecken! 
Da fänd' er die Hessen durchdrungen zumeist 
Von kattischem alten Soldatengeist 
Wie keines der Völker im Reiche; 
Er fänd' auch, daß England und Hessen sich 
Verbanden Verwandtschaft- u n d ritterlich 
Und längst nicht das Eine vckm Anderen wich, 
Im Sturm eine trotzende Eiche. 
Was war denn für uns noch Amerika! 
Was war uns des Ozeans Toben! 
In Schweden, Holland, Hispania, 
Hört Hessens Soldaten man loben! 
Petrasso, Lepanto, Korinth und Athen, 
Sie haben uns fechten und siegen gesehn, 
Wir siegten vor Nekroponte! 
In Böhmen standen wir Held an Held, 
Bei Belgrad, auf Rügen, bei Wien und am Belt, 
Und England war's, das bei Blenheim im Feld 
Mitsieger uns nennen konnte! 
Und flössen nach Recht uns Subsidien zu 
Wie Friedrich dem Großen und Andern: ^ 
Wir hegen sie heut' noch in sicherer Truh' 
Und ließen n i ch t w e i t e r sie w a n d e r n ! 
Ein Segen sind sie dem hessischen Land, 
Dran niemals der Teufel rührte die Hand; 
Und der uns den Segen erhalten, 
Der edelste Fürst, der zu stürmischer Zeit 
Das Recht beschützte in blutigem Streit 
Und stets zum Schutze des Volks war bereit, 
Der verschmähte der Hölle Gewalten! 
Hand ab von unsrem Soldatenruhm! 
Hand ab von dem hessischen Adel! 
Hand ab von des Landgrafen Heiligthum, 
Dem hessischen Volk ohne Tadel! 
Und wer von der Schreiber- und Dichterzunft 
Mit Hölle, Teufel und Unvernunft 
Verziert noch die Seume'schen Thaten, 
Der streue sich Asche auf seinen Kopf; 
Wir aber — wir fassen die Lügen beim Schopf 
Und werfen sie alle in einen Topf, 
Ein Höllengericht zu braten! 
Doch meinst du, ich sollte beim Grafen von Schack 
Für dich nun ziehen vom Leder? 
, Da irrst du! Denn d u nur diktirtest den Schnack 
I In Seume's schwarzgallige Feder!
        

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