Volltext: Hessenland (3.1889)

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Ach, Heimathsklänge in der Fremde! Der 
Kalendermann hätt' laut aufjubeln mögen. Er ist 
ja ein geborener Hersfelder und der zu ihm sprach, 
war auch einer. Er hielt aber an sich. 
Sie setzten sich selbander an ein schönes rundes 
Loch am Wege, so eins wie sie's aufm Markt zu 
Hersfeld machen, wenn's Lullusfeuer angesteckt wird. 
Möcht' wohl einst eine Eiche drin gestanden haben; 
jetzt lagen da Asche und Kohlen, die Reste eines 
Hirtenfeuers. Wie sie so in das Feuerloch hinein 
blicken, zieht die Erinnerung durch ihre Herzen. Die 
beiden mochten Einen Gedanken haben. Der Kalender 
mann konnt's nicht länger für sich behalten. Er 
richtete sich bolzenstrack in die Höhe und rief in den 
Wald hinein, daß es ringsum erschallte: 
„Brod'r Lolls!" Aber da hättet ihr den 
Handwerksburschen sehen sollen! Wie vom Blitze 
getroffen, schnellte er mit den Worten in die Höhe: 
„ach Gotteiche, he ist ja au e Herschfeller Keind!" 
schmetterte sein Wachstuch überzogenes Hütlein auf 
den Boden und glänzenden Auges schrie er mit dem ! 
Kalendermann ein übers andere mal um 1)ie Wette : 
„Brod'r Lolls!" Und wie sie noch ein gut Weilchen 
mit einander herzhaft fortgerufen und den vollen 
Herzen Luft gemacht, kam's erst zu Erörterungen. 
Der Kalendermann hat kaum wieder einen seligeren 
Menschen gesehen, als den Handwerksbursch, da er 
in der Einöde einen Landsmann traf. Brod, ein 
Zipfel Wurst und ein Paar rechtschaffene Züge aus 
des Kalendermanns Feldflasche brachten den er 
schöpften Jungen schnell wieder auf die Beine. Das 
Herz war ihm über'm Bruder Lullus- Rufen längst 
wieder erstarkt. Er hatte aber „einen Schlunk, be mit 
der Kötz' gebohrt" und das Beste mußte drunten 
zu Malmedy im goldenen Löwen geschehen. Da 
saßen sie dann auch noch ein Paar Stunden und 
aßen und tranken vom Besten aus der Wirthschaft 
und Plauderten von der Heimath. 
Andern Tags hat der Kalendermann seinem 
Hersfelder bei einem ihm bekannten Tuchfabrikanten 
Arbeit verschafft! -- 
Girre hessische Teufelsgeschichte. ) 
Von Carl Pres er. 
Nacht war's. Ich saß bei der Lampe Schein 
Vertieft in Seume'sche Sachen, 
Da trat in Gesellschaft der Teufel herein 
Mit grinsend-satanischem Lachen. 
In seiner Begleitung die anderen all' 
— Asmodeus, Mammon und Belial — 
Die machten die gleichen Gesichte; 
Doch Satan, der alte, sah schelmisch mich an, 
Trat, tief sich verneigend, an mich heran 
Und legte mir auf den Tisch sodann — 
Des Grafen Schack „Gedichte". 
„Du bist ja ein hessischer Versifex", 
Hub an Seine höllische Gnaden, 
„Drum hoff' ich, beim heiligen Tintenklex, 
Den Luther mir aufgeladen, 
Du zürnst, wenn jetzt auch die Dichterzunft 
Den Krieg erklärt der gesunden Vernunft, 
Um Schmach auf Hessen zu häufen; 
Sieh' her, was Schack euch gesungen hat: 
*J Wie es in den deutschen Dichter-Wald schallt, so 
schallt es auch wieder heraus! Graf A. F. von Schack 
hat in der 6. vermehrten Auflage seiner „Gedichte" 
(Stuttgart 1888) S. 257 unter dem Titel „Teufel 
tanz" dem Märchen von den Seelenverkäufen eine 
Ballade gewidmet und nach dem Gedicht „Drei Dichter" 
(S. 328) den Stoff dazu offenbar aus Seum e geschöpft. 
Also auch die Dichtkunst bemächtigte sich dieser historischen 
Lüge und unser verehrter Mitarbeiter, der rühmlichst 
bekannte hessische Dichter C. Preser gibt, wie einst auf 
anderem Gebiete (s. Hessenland 1888, 10, 1—5), die 
Antwort darauf. Die Red. 
! Zweihundert siebenundfünfzigstes Blatt, 
! Da bietet er dir und mir Schachmatt 
Mit den alten Seelenverkäufen. 
Dort sagt er: als einst verhandeln wollt' 
Mit Grausen ein Landesvater 
Sechstausend Landeskinder für Gold, 
Zu bauen ein neues Theater, 
Da hätt' lch umtanzt seinen brittischen Schatz 
Und hätt' auf dem Golde behauptet den Platz 
Als wie auf höllischem Krater; 
Er spricht von Werbern und Branntewein, 
Von Ketzerlehren und Höllenpein, 
Doch scheint mir das Ende von seinem Latein 
Ist — — Mangel guter Berather. 
So bitt' ich dich denn, weil einer du bist 
Von seinem verschacherten Volke, 
Tritt ein für den Teufel in diesem Zwist, 
Zerreiß' der Verläumdung Wolke, 
Nie stand ich mit deinem Landgraf im Bund, 
Nie sprach von Seelenverkänfen sein Mund, 
Das müßt' ich am Besten doch wissen! 
Nur eines strolchenden Schülers Geschmack 
Erfand einst den sinnverwirrenden Schnack, 
Und Alle, herab bis zum Grafen von Schack, 
Sie haben sich drauf verbissen. 
Zwar wäre die Sache schön abgethan, 
Wenn Mancher studirte Geschichte, 
Doch was ist uns Clio! Nur Schauerwahn 
Noch kitzelt und blitzt im Gedichte! 
Du selber schon gabst dir der Mühen ja viel 
Und glaubtest mit deinem Gänsekiel
        

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