Full text: Hessenland (3.1889)

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Im Jahre 1885 trat Wendelstadt in den 
Ruhestand, doch blieb er Vorsitzender des land 
wirthschaftlichen Zentralvereins, und als er zu Ende 
des vorigen Jahres die Absicht aussprach, auch von 
dieser Stelle mit Rücksicht auf seine geschwächte 
Gesundheit und seine verminderte Arbeitskraft 
zurückzutreten, da wurde von allen Seiten in 
ihn gedrungen, wenigstens noch für die nächste 
Zeit den Vorsitz zu behalten. Man konnte sich 
eben den Zentralverein ohne Wendelstadt nicht 
denken. Bald sollte er für immer scheiden. Ein 
schweres Leiden warf ihn im Frühjahre auf das 
Krankenlager, von dem er sich nicht mehr er 
heben sollte. Er starb am 7. Juni Abends 
6 Uhr. In der Hauptversammlung des land 
wirthschaftlichen Zentralvereines vom 16. Juli 
widmete der Vorsitzende, Geheimer Regierungs 
rath Kochendörffer, dem Dahingeschiedenen einen 
warmen tiefempfundenen Nachruf. Ein gleiches 
geschah, als am 3. August der Verband von 
Fischerei-Vereinen, Fischerei-Genossenschaften etc. 
von Westdeutschland hier in Kassel tagte, auch 
erschien ihm, dem Gründer und ersten langjährigen 
Vorsitzenden des Vereins, zu Ehren, ein besonderes 
Gedenkblatt. In der Versammmlung vom 16. 
Juli wurde einstimmig beschlossen, dem edlen 
Verblichenen in Anerkennung seiner hohen Ver 
dienste ein Denkmal zu errichten. Alle Achtung 
vor diesem Zeichen der Pietät. Das schönste 
Denkmal aber hat er sich selbst gesetzt in den 
Herzen aller, die ihm nahe standen. 
Haben wir bisher im Wesentlichen nur der 
hervorragenden Wirksamkeit Wendelstadts als 
landwirthschaftlichen Fachmanns gedacht, so ge 
ziemt es sich jetzt noch, seiner Thätigkeit als 
Schriftsteller und Kunstfreund Erwähnung zu thun. 
Von 1855—1870 redigirte er die „Landwirth- 
schastliche Zeitung", daneben gab er von 1856— 
1865 einen landwirthschaftlichen Kalender, den 
„Bauernfreund" heraus, welcher, ein wahres 
Volksbuch, voll des köstlichsten Humors ist und 
heute noch mit demselben Interesse gelesen zu 
werden verdient, wie zur Zeit seines Erscheinens. 
Ihm war ein großes humoristisches Talent be- 
schieden, das er ebenso in seinen Schriften, wie 
durch Zeichnungen kund gab. Als Mitarbeiter 
der „Fliegenden Blätter" hat er in dieser Be 
ziehung Treffliches geleistet. Für eine seiner besten 
humoristischen Erzählungen halten wir seinen 
Brvd'r Lolls, den er im „Bauernfrennd" von 
1863 veröffentlichte und den wir unten wieder 
geben. >Lchon als Student pstegte er den Hu 
mor. Wer kennt nicht seine Erlebnisse mit dem 
Tambour Braun.*) Aber auch ernsteren Gegen 
ständen, namentlich historischen, wandte er seine 
*) Zn einer der nächsten Nunnnern unserer Zeitschrift 
werden wir darüber einen Artikel veröffentlichen. 
schriftstellerische Thätigkeit zu; die Früchte dieser 
Studien finden wir in verschiedenen Zeitschriften, 
auch unser „Hessenland" verdankt ihin werthvolle 
literarische Beiträge, die er einfach mit E. W. 
zeichnete. Wendelstadt war ein tüchtiger Musiker. 
Er spielte ausgezeichnet Violine und Cello, und 
die musikalischen Abende, die er in Gemeinschaft 
mit mnsikliebenden und musikkundigen Freunden 
veranstaltete, waren ihm die liebste Erholung 
und eine Quelle reinster Freuden. Sie sollte 
leider bald versiegen. Am 23. November 1870 
starb sein geliebtes dreizehnjähriges Töchterchen 
Lilli, der Eltern Lust und Wonne. Hart 
traf ihn und seine Gemahlin dieser Schlag. 
Beide waren untröstlich; rührend und tiefes 
Gefühl verrathend sind die Ausdrücke des 
Schmerzes, die er seinem Tagebuch anvertraute. 
Von jener Zeit an rührte er seine Geige und sein 
Cello nicht mehr an. — 
In Wendelsladt vereinigten sich in schönstem 
Ebenmaße Geistes- und Herzensbildung, Wissen 
und Können, persönliche Liebenswürdigkeit und 
echt deutsches Gemüth, Edelsinn und strenge Recht 
lichkeit, Uneigennützigkeit und unbegrenztes Wohl 
wollen gegen Jedermann. Bei solchen Eigenschaften 
konnte es denn auch nicht fehlen, daß er sich die 
Herzen Aller, der Hohen und Niederen, wie im 
Sturme eroberte. Gesegnet sei sein Andenken! 
Ii. Zwengcr. 
Srod'r Lolls. 
„Der Kalendermann hat auch einmal am Rhein 
gewirthschaftet, das war von Anno 44 an. Gute 
und schlimme Jahre durcheinander, wie sich's so trifft“. 
In 49 hat er gedacht: 
Ost und West 
Daheim ist's der best, 
hal's Ränzlein geschnürt und ist heimwärts marschirt, 
in's liebe, traute Hessenland. 
Diesen Oktober (1863) waren's gerade 15 Jahre (es 
denkt ihm noch, als wäc's eben passirt), ritt er 
einmal in die Eifel, nicht zum Plaisir, denn die 
Eifel ist kein plaisirlich Gebirg', wild und wüst ist's 
oben drauf. Aber Hämmel giebts da, Staatsthiere, 
wie die jährigen Rinder und deren wollt' er kaufen. 
Und wie er so einsam durch den Oktoberuebel reitet, 
sein Liedchen vor sich hin pfeift und denkt, noch 
2 Stunden oder 3, dann sitzest du drunten zu 
Malmedy im goldenen Löwen bei einer Flasche 
„Guten" — stößt er auf ein Handwerksbürschlein; 
»Heda, Landsmann, wohin des Weges?“ 
„ „Rach Malmedy, bann's Gott's Wille ist; ich glaube 
aber net rächt dran. Ich loff schond an die 6 Stonneoffder 
Heid und im Waalde rimer, honn noch fei Menscheseel 
gesehn, onn bann's noch e Willche so fort gett, schnorrt 
me der Mage in. Die Bein wonn o net meeh 
rächt." “
        

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