Full text: Hessenland (3.1889)

Nach der Einverleibung Kurhessens in Preußen 
wurde in Folge der Neuorganisation der Ver 
waltung im Jahre 1867 die bisherige land- 
wirthschaftliche Kommission ausgelöst und die 
landwirthschaftlichen Angelegenheiten Hessens der 
Regierung zu Kassel, Abtheilung des Innern, 
zugewiesen. Wendelstadt wurde als Rcgierungs- 
rath zum Mitgliede derselben ernannt, und eis 
Jahre später, 1878, zum Geh. Regierungsrath 
befördert. Ihm lag in dieser Stellung ebenfalls 
die Leitung der landwirthschaftlichen Angelegen 
heiten ob, wie er denn auch seine Thätigkeit als 
Vorstand des landwirthschaftlichen Zentralvereins 
in gleich verdienstvoller Weise wie seither fort 
setzte. Sein Streben war stets daraus gerichtet, 
durch wirklich Praktisches und unzweifelbar Nütz 
liches die Landwirthschaft Hessens zu heben, die 
Kräfte der Vereine zu sammeln und auf Förderung 
der Wohlfahrt Aller hinzuwirken. Einmüthigkeit 
im Handeln lag ihm ganz besonders am Herzen. 
Sein Wahlspruch war denn auch: „Eintracht 
unter Genossen ist Vorspann den Berg hinauf". 
Welch' hohen Ansehens, welch' großer Be 
liebtheit er sich erfreute, davon gab am 
1. März 1879 die Feier seines fünfundzwanzig- 
jührigen Jubiläums als Präsident der land 
wirthschaftlichen Vereine unseres Hessenlandes 
beredtes Zeugniß. Der Minister für die land 
wirthschaftlichen Angelegenheiten, Friedenthal, 
der Oberpräsident von Ende, der Regierungs 
präsident von Brauchitsch sandten die herzlichsten 
Glückwunschschreiben, in denen der erfolgreichen 
Thätigkeit des Jubilars die volle Anerkennung 
ausgesprochen wurde. Die Betheiligung an der 
Feier war eine allgemeine, kein hessischer Land 
wirth wollte zurückstehen, dem Jubilar Zeichen 
der Hochachtung und Dankbarkeit entgegen 
zubringen, denn „Allen that er wohl, Niemand 
wehe, und darum sind ihm auch die Landwirthe 
in kindlicher Verehrung zugethan". Und am 
9. Juli des letztgenannten Jahres, bei Gelegenheit 
des in Witzenhausen zu Ehren des 25 jährigen 
Jubiläums des landwirthschaftlichen Zentral 
vereins abgehaltenen Hauptversainmlung steiger 
ten sich die dem Jubilar Wendelstadt dargebrach 
ten Ehrenbezeigungen zu einem wahren Triumphe. 
Es erschien eine mit dem wohlgetrvffenen 
Bilde desselben geschmückte Festnummer der von 
ihm ins Leben gerufenen „Landwirthschaftlichen 
Zeitung"; in einer vorzüglich geschriebenen Bio 
graphie*) wurde seiner vielen und großen Verdienste 
(Schluß., 
*) Wir haben dieselbe vielfach in unserem Artikel benutzt. 
um die Landwirthschaft in warmen Worten ge 
dacht; es wurden ihm Ehrengeschenke, bestehend 
in einem prachtvoll gearbeiteten silbernem Tafel 
aufsatze und einem nicht minder schönen Photo 
graphie-Album überreicht, und ganz besonders 
hob der Festredner, Oberamtmann Thon, hervor: 
Für sich hat der Vorsitzende nichts erstrebt, seine 
Arbeitskraft nur in treuer Erfüllung der über 
nommenen Pflicht allein unserem Wohl gewidmet. 
Als Gegengabe haben wir nur die Anerkennung 
dessen, was er so uneigennützig für uns gethan hat 
und den offenen unverhohlenen Ausdruck der hohen 
Achtung, die er durch seinen Charakter, der ihn an 
trieb, bereitwillig stets da zu helfen und zu fördern, 
wo Hilfe und Förderung Noth thut, bei uns 
Allen sich erworben hat. Und wenn der Fest 
redner dann fortfuhr: „In den Augen eines 
Mannes wie er, ist aber das nichts Werthloses, 
es beweist ihin, daß sein Streben nicht auf ein 
falsches Ziel gerichtet war, daß die Arbeit 
beinahe eines ganzen Menschenlebens nicht nutz 
los vergeudet wurde, sondern Segen bringend 
für Viele gewesen ist. Ein solches Zeugniß, 
von denen ausgesprochen, welche das Wohl oder 
Wehe alles dessen empfinden mußten, was von 
der Zentralstelle aus geschah, gewährt Befrie 
digung in der eigenen Brust, es stärkt die Kraft 
und erhöht die Lust zu weiterer Arbeit", so 
waren das Worte, wie sie in Bezug auf die 
Thätigkeit Wendelstadt's nicht treffender ge 
sprochen werden konnten. 
Wendelstadt's Name ist untrennbar verbunden 
mit den Schöpfungen, die unser Heimathland Hessen 
in landwirthschaftlicher Beziehung seit Jahrzehn 
ten aufzuweisen hat. Es kann nicht unsere Ab 
sicht sein, sie einzeln aufzuzählen, dazu fehlt uns 
die Kenntniß und das Verständniß. Doch die 
hauptsächlichsten dürfen wir nicht verschweigen. 
Seiner Anregung verdanken wir die chemische 
Versuchs - Station und die landwirthschaftliche 
Winterschule in Marburg. Auf seine Veran 
lassung wurde der pomologische Garten in Kassel, 
die Fischbrut-Anstalt in Hahlingsmühle angelegt, 
die Fohlenweide in Bieberstein erweitert, alles 
Anstalten, welche der Landwirthschaft nur zum 
Nutzen gereichten. Redlich wurde Wendelstadt in 
seinen Bestrebungen unterstützt von ausgezeichne 
ten Mitarbeitern, bescheiden erkennt er dies bei 
allen Gelegenheiten an und hebt dabei ganz 
besonders die Bemühungen des Schatzmeisters 
des landwirthschaftlichen Zentralvereins, des 
Sekretärs Schabacker hervor, der ihm von An 
fang an treu zur Seite gestanden habe.
        

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