Full text: Hessenland (3.1889)

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die Unvorsichtigkeit des Küsters, der andere aber 
durch einen Blitzstrahl, in dem man ein Straf 
gericht Gottes sah, entstanden sein. Auf das 
Nachsuchen des Abtes Johannes von Merlau 
hatte nämlich Papst Bonifatius IX. das Verbot 
aufgehoben, welches allen Frauen den Eintritt 
in die Kirche verschloß. Am 5. Juni 1397 standen 
zum ersten Male die Kirchenthore auch für fromme 
Beterinnen, die sich zum Grabe des hl. Bonifatius 
drängten, offen, und siehe, zwei Tage später fiel 
der zündende Funke vom Himmel. — was Wunder, 
wenn das abergläubische Volk darin eine Strafe 
für die freventliche Neuerung sah. — 
Langsam erhob sich die Stiftskirche aus der 
Zerstörung, ohne jedoch wieder die frühere Schön 
heit zu erlangen. Aber wenn ihr auch der 
von Abt Hadamar verliehene Schmuck fehlte, so 
war sie doch nach Grundlage und Einteilung 
unverändert geblieben und stand noch immer als 
ein herrliches Denkmal des altchristlichen Basiliken- 
styles da, als im Jahre 1700 Adalbert von 
Schleifras zum Fürstabt erwählt wurde. 
Natürlich sah dieser perrückentragende Fürst in 
dem prächtigen mittelalterlichen Bauwerk nichts 
anderes als das Gebilde eines rohen Geschmackes, 
und da ihm sein sparsamer Vorgänger Placidus 
von Droste die Summe von 600,000 Gulden 
zur Restauration der Kirche hinterlassen hatte, 
so entschloß er sich zu einem totalen Neubau 
im Geschmacke seiner Zeit. Dem feinsinnigen 
Architekten Johannes Dienzenhofer aus 
Bamberg, den er von Rom nach Fulda be 
rufen hatte, übertrug er diese Sache, und dieser 
führte in den Jahren 1704—1712, nach dem 
Vorbild der St. Peterskirche zu Rom, in> 
römischen Barockstyl die jetzige Domkirche auf, 
welche am 15. August 1712 eingeweiht wurde. 
Wenngleich es gewiß sehr zu beklagen ist, daß 
Adalbert I. die schöne altehrwürdige Stiftskirche 
ohne Noth und nur aus Banlnst dem Unter 
gänge geweiht hat. so ist doch auf der anderen 
Seite anerkannt, daß Dienzenhofer's lauteres 
Schönhcitsgefühl alle abenteuerlichen Ausschrei 
tungen vermieden und in seiner Schöpfung ein 
edles Kirchenbild gegeben hat. das durch schlichte 
Würde und ruhigen erhabenen Ernst sich vor 
den meisten gleichzeitigen deutschen Bauwerken 
sehr Vortheilhast auszeichnet. Indem wir davon 
absehen, hier eine ausführliche Beschreibung des 
Fuldaer Domes zu geben, wollen wir nur 
hervorheben, daß gerade die Anordnung der in 
Kreuzesform erbauten Bonifatiusgruft bei Sach 
verständigen hohes Lob findet. Sie befindet sich 
unter dem hohen Chore, an Stelle der früheren 
westlichen Krypta, bei deren Erweiterung und 
Erneuerung es dem Baumeister zur Pflicht ge 
macht worden war, den Sarkophag des Heiligen 
unverrückt stehen zu lassen. Letzterer ist in einen 
reich geschmückten Altar eingeschlossen, dessen 
Skulpturen aus Alabaster der Fuldaer Bild 
hauer Johannes Neudecker geschaffen hat. 
Das Altarblatt zeigt die Ermordung des Apostels, 
das Antipendium in liegender Stellung eine 
ehrfurchtgebietende Gestalt, die sich aus dem 
Grabe zu erheben scheint. Die geplante styl 
gerechte Ausschmückung will diesem Altare nur 
eine reichere Vergoldung zu Theil werden lassen, 
während das große Bogenfenster ans der gegen 
überliegenden Westseite, das einzig die Gruft er 
hellt, dreigliedrige Glasgemülde erhalten soll. Die 
freistehenden Säulen dorischer Ordnung, welche 
die Wölbung tragen, sollen reich mit Marmor 
bekleidet werden, wie auch die Seitenwände, die 
in Nischen sechzehn kolossale ans Sandstein ge 
arbeitete aber broneirte alte Statuen hl. Päpste 
und Bischöfe darbieten, durch wirkungsvolle 
Ornamentik belebt werden sollen. Außerdem 
sind noch zwei Wandgemälde für das Gewölbe, 
mosaikartiger Bodenbelag, sowie eine Ver 
schönerung der zwei breiten Treppen, welche die 
Verbindung mit der Oberkirche vermitteln, in 
Aussicht genommen. 
Das Königl. Staats-Ministerium hat bereits 
die Vorarbeiten durch Baurath Hof mann 
in Fulda und Professor Luthmer in 
Frankfurt a. M. anfertige» lassen, welche 
eine Vorstellung der geplanten Ausgestaltung 
gewähren. Aber wenn auch von dieser Seite 
weitere Unterstützung zu erwarten ist, so kann 
die baldige Verwirklichung des schönen Unter 
nehmens doch nur durch die Opferwilligkeit aller 
Verehrer des hl. Bonifatius möglich werden. 
Wer aber sollte dem großen Heiligen die Ver 
ehrung versagen? — Ihm, der, wie der Aufruf 
des Comitos sagt, „es verstand auf allen Gebieten 
des kirchlichen und politischen Lebens die Nation 
so zu heben, daß er als die tiefer liegende 
Ursache anzusehen ist, weshalb das römische 
Kaiserthnm Karl's des Großen nicht an Frank 
reich, sondern an Deutschland übergegangen ist. 
Das Grab eines solchen Mannes, des Begründers 
unserer Kultur, des Herstellers politischer Einheit, 
des Apostels unseres Vaterlandes muß gewiß 
jedem Deutschen, welcher Richtung er auch an 
gehören mag, hehr und heilig sein", — mehr 
wie allen aber, fügen wir hinzu, den Be 
wohnern des Hessenlandes. — 
I. Krincau. 
l"Wr‘ä——
        

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